Folgen der Coronakrise

Landwirte sorgen sich wegen fehlender Helfer um die Ernte

Der politische Umgang mit der Coronakrise bedroht die Ernte der Landwirte in Niedersachsen und Bremen. Die Suche nach einem Ersatz für die Erntehelfer aus Osteuropa hat begonnen.
21.03.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Landwirte sorgen sich wegen fehlender Helfer um die Ernte
Von Björn Struß
Landwirte sorgen sich wegen fehlender Helfer um die Ernte

Schon in zehn Tagen könnten hier die Spargelköpfe aus der Erde ragen. Für die Ernte braucht Hajo Kaemena 20 Helfer.

Frank Thomas Koch

Hajo Kaemena blickt auf seinen Acker. In langen Erdreihen warten seine Spargelpflanzen auf warmes Wetter. Es braucht nur ein paar Tage Sonne und warme Temperaturen, dann beginnen die köstlichen Knospen zu sprießen. Je nach Wetter könnte in etwa zehn Tagen die Ernte beginnen. Doch kann Kaemena seinen Spargel wirklich ernten? Auch diese für ihn existenzielle Frage hängt in diesen Tagen an dem Umgang mit der Corona-Krise.

„Eigentlich müsste die Erde schon mit Plastikfolien bedeckt sein“, erklärt der Landwirt aus Oberneuland. Unter der Folie staut sich die Wärme, so können Bauern wie er möglichst früh den ersten frischen Spargel der Saison anbieten. Doch Kaemena ist vorsichtig. Wenn die Folien liegen und die Wärme kommt gibt es kein Zurück mehr. „Dann muss geerntet werden. Ich weiß aber nicht, ob ich dann auch die Helfer habe.“

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Für die Spargelernte auf Kaemenas und zahlreichen weiteren Feldern im niedersächsischen Umland kommen jedes Jahr unzählige Erntehelfer in die Region. Die Mehrheit von ihnen stammt aus Osteuropa, insbesondere aus Polen. Aktuell ist es mehr als fraglich, ob diese Arbeitskräfte kommen werden. Und selbst wenn für sie die Grenzen offen bleiben sollten – wer will in Zeiten von Corona für Monate die Familie verlassen?

Helfer aus Osteuropa sagen ab

In der Erntezeit braucht die Landwirtschaft an allen Ecken und Enden Saisonarbeiter. Um eine grobe Vorstellung zu bekommen: In den Landkreisen Verden und Rotenburg liegt allein für die Spargelernte der Bedarf an Arbeitskräften laut Niedersächsischem Landvolk im „hohen dreistelligen Bereich“. Der Landesbauernverband muss sich derzeit um die Sorgen und Nöte der Betriebe kümmern. Jörn Ehlers ist der stellvertretende Vorsitzende. „Bei den Saisonarbeitern ist die Lage derzeit nicht so eindeutig“, sagt er. Es gäbe bereits viele Absagen aus Osteuropa. Eine politische Entscheidung, die Grenzen für diese Arbeitskräfte dicht zu machen, gebe es aber nicht. Laut Ehlers befindet sich sein Verband in Berlin derzeit in intensiven Gesprächen mit der Bundesregierung. Die Frage nach der Freizügigkeit der Arbeitskräfte müsse die nationale Politik beantworten.

Das Ringen nach politischen Lösungen ist schon voll entbrannt: Am Mittwoch hatte Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) im Format „Bild TV“ angeregt, mit regionalen Jobbörsen Erntehelfer zu finden, die kurzfristig einspringen. Am Freitagmorgen meldete die Nachrichtenagentur DPA zudem, dass CDU-Innenpolitiker Mathias Middelberg auch Flüchtlingen die Arbeit als Erntehelfer ermöglichen will. Etwa 600.000 Menschen könnten so für die Landwirte arbeiten.

Auch in Bremen werden Lösungen gesucht. Umweltsenatorin Maike Schaefer (Grüne) hatte sich am Donnerstag mit einem Schreiben direkt an die Landwirte gewandt. Darin versichert sie, dass der „Bremer Senat alles in seiner Macht Stehende unternimmt, um die Krise zu bewältigen“. Diese Botschaft ist auch bei Christian Kluge angekommen, Geschäftsführer des Bremischen Bauernverbands. Das aktuelle Handeln der Senatorin lobt er.

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Kluge hat nicht nur die Landwirtschaft in Bremen im Blick. Über das Internet greift der Bremische Bauernverband nun auch den Kollegen im niedersächsischen Umland unter die Arme. Seit Freitagmorgen erhalten Interessierte auf www.bauernverband-bremen.de unter dem Reiter „Saisonkräfte gesucht!“ einen Überblick, auf welchen Höfen Helfer gebraucht werden. Neben Kaemena sucht dort auch „Schloh's Spargelhof“ aus Hellwege nach Erntehelfern. Bei Bedarf aktualisiert der Bauernverband die Seite mit neuen Gesuchen.

Doch es geht nicht nur darum, Freiwillige für die Ackerarbeit zu begeistern. Es gibt auch arbeitsrechtliche Hürden, die den kurzfristigen Einstieg als Erntehelfer erschweren oder wenig attraktiv machen. Ein Beispiel: Wer arbeitslos ist, darf nur 100 Euro hinzuverdienen, ohne dass der Staat die Leistungen kürzt.

Mit diesen Problemen beschäftigt sich im Bremer Senat die Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke). Die Zuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslose zu verbessern hält sie für „weniger geeignet“. Der Grund: Ein höherer Nebenverdienst bringt Arbeitslose nicht in eine „rechtssichere Beschäftigung“.

Vogt pocht auf Kurzarbeiter

Nach eigenen Angaben hat sich Vogt auf Bundesebene aber für eine andere mögliche Lösung eingesetzt. Sie hat Arbeitnehmer im Sinn, die von Kurzarbeit betroffen sind und dadurch zum Teil in finanzielle Schwierigkeiten geraten. Für sie soll es attraktiver werden, in Absprache mit dem Arbeitgeber einen Nebenjob anzunehmen. Aktuell wird ein Nebenverdienst auf das Kurzarbeitergeld angerechnet. Das will Vogt ändern. Ginge es nach ihr, sollten Minijobs nicht mehr verrechnet werden. Kurzarbeiter könnten dann ihren Verdienst als Erntehelfer um einige hundert Euro nach oben schrauben.

Senatorin Vogt macht auf Anfrage des WESER-KURIER aber auch deutlich, dass diese arbeitsrechtlichen Fragen letztlich auf Bundesebene entschieden werden müssen. Dies gilt übrigens auch für die Arbeit von Flüchtlingen. Eine Arbeitserlaubnis ist für sie aktuell noch an strikte Vorgaben gekoppelt.

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Hajo Kaemena hofft derweil, dass die Politik den Einsatz von einheimischen Erntehelfern so schnell wie möglich erleichtert. Denn sein Spargel nimmt auf die Debatten in Berlin und im Bremer Rathaus keine Rücksicht. „Ich brauche kein Geld. Das hilft mir nicht bei der Ernte“, betont er.

Die bürokratischen Hürden für Menschen, die arbeiten wollen, sind seine größte Sorge. Anfragen von Freiwilligen hat er in den vergangenen Tagen zu Genüge erhalten. Ob Schausteller der Osterwiese oder Zulieferer der Messen und Großveranstaltungen – sie alle suchen nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten, damit die Angestellten nicht arbeitslos werden. Besonders bewegend war für Kaemena eine Seniorin, die in den vergangenen Tagen bei ihm geklingelt hat. „Sie wollte ehrenamtlich helfen“, berichtet der Landwirt.

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