Verkehrssicherheit kaum zu gewährleisten

Baumpflege in Bremen am Limit

Um Grünanlagen in Schuss zu halten, gibt Bremen weitaus weniger Geld aus als andere Städte. Das bringt Probleme bei der Baumpflege mit sich. Der Umweltbetrieb muss inzwischen kalkulierte Risiken eingehen.
23.02.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Baumpflege in Bremen am Limit
Von Christian Weth
Baumpflege in Bremen am Limit

Baumschnitt am Osterdeich: Ein Mitarbeiter des Umweltbetriebs kappt Zweige und Äste.

Karsten Klama

Um Parks und Grünanlagen in Schuss zu halten, gibt Bremen weitaus weniger Geld aus als andere Städte. Das bringt zusehends Probleme bei der Pflege von Bäumen mit sich. Der Umweltbetrieb muss inzwischen kalkulierte Risiken eingehen und kann gerade noch so der Pflicht zur Verkehrssicherung von Wegen und Straßen nachkommen. Weil dessen Personalstand immer weiter sinkt, gehen Anwohner davon aus, dass sogar gesunde Bäume gefällt werden – um Kosten zu sparen.

Die Beschwerden kommen aus allen Stadtteilen. Und sie kommen geballt: Noch bis Sonnabend ist Fällsaison. Bei der Umweltbehörde und beim Umweltbetrieb gehen deshalb mehr Anrufe ein als sonst. Es sind Anwohner, die sich beklagen, dass vor ihrem Haus Bäume gefällt werden. Menschen wie Ernst Mersmann aus Kattenturm, der nicht verstehen kann, warum die Weide auf dem Grundstück gegenüber weg musste – „die war schützenswert“. Menschen wie Daniel Schneider aus Schwachhausen, der nicht glauben will, dass ein alter Kirschbaum in Peterswerder einfach so gefällt werden konnte – „der war bestimmt 100 Jahre alt“. Schneider geht davon aus, dass in Bremen mittlerweile mehr und auch gesunde Bäume abgesägt werden, um Kosten zu sparen.

Heiner Baumgarten vom Umweltbetrieb kennt die Vorwürfe der Kritiker. Nur stimmten sie nicht. Jedenfalls nicht so, wie die Anrufer es darstellten. „Natürlich werden in Bremen auch gesunde Bäume gefällt, aber nur dann, wenn etwa ein Beirat entscheidet, dass ein Gehölz ausgelichtet werden soll.“ Das sei die einzige Ausnahme. Ansonsten versuche der Betrieb, jeden Baum so lange zu erhalten wie möglich. „Wir haben viele kranke Bäume und lassen sie trotzdem stehen.“ Bis es nicht mehr zu verantworten sei, dann müssten sie weg. Für diese Saison hat er 1087 Bäume auf der Fällliste. Die Zahl sei jedes Jahr ähnlich. Baumgarten: „Von einem Plus kann also keine Rede sein.“

Was allerdings stimme, sei der zunehmende Kostendruck bei der Baumpflege. Er ist mittlerweile so groß, dass für Baumgarten „das Ende der Fahnenstange erreicht ist“. Mit dem Etat sei der Personalstand immer weiter zurückgegangen. Nach seinen Angaben gab es in den 80er-Jahren noch 400 Mitarbeiter, die sich um die Baumpflege kümmerten. „Heute sind es nicht mal mehr 200.“ Die Zahl der Bäume sei hingegen gleich geblieben. Der Umweltbetrieb ist für alle Bäume auf öffentlichem Grund und Boden zuständig. Das macht 70 000 Straßen- und 220 000 Parkbäume. Laut Baumgarten sei die Situation mittlerweile so angespannt, dass die Mitarbeiter gerade noch so die Verkehrssicherung gewährleisten könnten. „Kommt noch eine einzige Sparrunde, können wir für nichts mehr garantieren.“ Schon jetzt sei man gezwungen, in manchen Fällen ein kalkuliertes Risiko einzugehen.

Baumgarten kennt zwar keinen Gerichtsprozess, in dem der Stadt und damit indirekt dem Umweltbetrieb zur Last gelegt wurde, einen Baum gefällt zu haben, der gar nicht hätte gefällt werden dürfen. Aber er weiß von mindestens einem Verfahren, in dem die Richter zu dem Schluss kamen, dass ein Baum hätte öfter kontrolliert werden müssen als es die Intervalle des Umweltbetriebs vorsahen. Der Fall liegt zwei Jahre zurück. Ein Baum war umgestürzt und hatte erheblichen Schaden angerichtet. Baumgarten: „Seither stehen die Mitarbeiter nicht mehr nur unter dem Druck, ihr Kontrollpensum zu schaffen, sondern auch unter dem, ja nichts zu übersehen.“

Dass es immer wieder Anlass zu Beschwerden gibt, kommt nicht von ungefähr. Bremen investiert weitaus weniger Geld in die Grünpflege – und damit in die Baumpflege – als andere Städte. Wie berichtet, wird die Stadt seit Jahren mit elf weiteren Kommunen verglichen. Und seit Jahren belegt sie in mehreren Kategorien den letzten Platz. Nach dem neuesten Bericht der Kommunalen Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement in Köln hat Bremen vor zwei Jahren 67 Cent pro Quadratmeter für die Pflege von Parks und Grünanlagen ausgegeben. Der Durchschnittswert lag bei 1,23 Euro. Spitzenreiter Stuttgart bezahlte 2,21 Euro.

Die grün-geführte Umweltbehörde, die für den Etat des Umweltbetriebs verantwortlich ist, steht dem Kölner Ranking skeptisch gegenüber. Die Kommunen, die verglichen würden, seien zu unterschiedlich, als dass die Studie als Gradmesser herangezogen werden könne, meint Jens Tittmann. Der Sprecher von Umweltsenator Joachim Lohse verweist auf eine andere Untersuchung, nach der Bremen gemeinsam mit Hamburg einen dritten Platz belegt. Forsa hatte abgefragt, wie zufrieden Städter mit ihren Parks und Grünanlagen sind. Gleichwohl sieht es Lohse mittlerweile genauso wie Baumgarten vom Umweltbetrieb: dass das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Der Senator kündigt an: „Mit mir wird es keine weitere Sparrunde beim Umweltbetrieb geben.“

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