Inklusion in Bremen

Bedrohliche Schieflage bei der Inklusion

In den Osterholzer Schulen fehlen Sonderpädagogen. Lehrer und Eltern sind sehr besorgt.
28.02.2018, 19:27
Lesedauer: 3 Min
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Von Gerald Weßel
Bedrohliche Schieflage bei der Inklusion

Der Beirat und Besucher der Sitzung schauten sich die Albert-Einstein-Oberschule an, der Sonderpädagogen für Inklusion fehlen.

Fotos: PETRA STUBBE

Ihr ist die Frustration anzusehen: "Ich weiß nicht, wie wir das machen sollen". Mit ausgebreitetem Armen steht sie inmitten der in U-Form aufgestellten Tische: Ulla Pörtner, Schulleitern der Albert-Einstein-Oberschule, schaut in die Runde der Männer und Frauen des Beirates Osterholz, der geladenen Gäste und der Bürgerinnen und Bürger im Publikum. Seit etwa eineinhalb Jahren sucht sie händeringend nach Sonderpädagogen – leider ohne Erfolg. In Zukunft wird dieser Mangel in entscheidender Position noch schwerer wiegen: Die Albert-Einstein-Oberschule wächst demnächst, von vier auf fünf Züge. Von der Senatorin für Kinder und Bildung ist die Referentin Andrea Herrmann für Inklusion und Sonderpädagogik zu Gast. Sie gesteht sofort das Offensichtliche ein: "Es gibt zu wenig Fachkräfte." Man sei sich aber der auf den Schulen liegenden Verantwortung bewusst.

Ein neuer Schwung an Sonderpädagogen wird erst in etwa zwei Jahren auf dem Arbeitsmarkt erwartet, wenn diese ihr Masterstudium abgeschlossen haben. Bis dahin habe die Bildungsbehörde alle Möglichkeiten zur Personalgewinnung, die ihr zu Verfügung stünden, ausgeschöpft. "Wir tun, was wir können", sagt Herrmann, muss jedoch auch einräumen: "Es sind nun noch zwei Schuljahre, die sehr lang werden." Hierbei ginge es aber zuerst auch nur um die Primarstufe. Bis eine erhebliche Zahl an Sonder-Lehrkräften für die Sekundarstufe zwei zur Verfügung steht, werden noch etwa fünf Jahre vergehen.

Die Schulen könnten die offenen Stellen der Sonderpädagogen auch mit regulären Lehrkräften besetzen, um die Lage etwas zu entspannen, erklärt Herrmann. Dies stelle aber ein Risiko dar, wenn dann doch gesuchte Kräfte zur Verfügung stünden, seien die Stellen besetzt und es könnten nicht einfach neue Stellen geschaffen werden. "Die Schulleitung darf das, aber ich würde das Risiko an ihrer Stelle nicht eingehen", schließt sie. Auch an der Albert-Einstein-Oberschule seien derzeit vier Stellen unbesetzt. Im Sommer werden dies wohl deutlich mehr sein, so Ulla Pörtner. Auch sie werde aber einige Stellen weiter freihalten. "Wie lange die bestehenden Kollegen die aus der Situation entstehende Doppelbelastung mitmachen, kann ich Ihnen nicht sagen."

Bis sich die Lage bessert und mehr Personal zur Verfügung steht, rät die seit 2010 amtierende Andrea Herrmann, die Ressourcen und Kompetenzen auf die Beratung als eine der drei Säulen (Diagnostik, Beratung und Unterricht) zu bündeln. Sie könne ihren Fachkollegen nur empfehlen, die anderen Lehrkräfte zu unterstützen, indem sie helfen, festzulegen, welcher Schüler, welche Schwerpunkte braucht.

Mehrfach wird von Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter angeregt, ob es nicht möglich sei, Fachkräfte von wo anders nach Osterholz zu versetzen. Das sei leider nicht möglich, erwidert die Behördenvertreterin. Erstens herrsche ein Mangel an Sonderpädagogen nicht nur in Osterholz oder auch nur ganz Bremen, sondern bundesweit, und aufgrund der geltenden Gesetzeslagen sei Freiwilligkeit unabdingbar. Aktuell können Sonderpädagogen "sich aussuchen, wo sie arbeiten wollen", so Herrmann. "Es wird bremenweit um Konzepte gerungen." Als Entlastung bietet Hermann die fachliche Hilfe all ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und von ihr selbst vor Ort an den Schulen an, um die Lehrkräfte zu unterstützen.

"Nur, wie halten wir die neuen Pädagogen in Bremen?", fragt Ralf Dillmann (Grüne). Man wolle alles tun, was die Möglichkeiten hergäben. So habe man Programme für Quereinsteiger ausgeweitet und auch zusätzliche Referendariatsplätze geschaffen. Letztere sollen weiter erhöht werden, verspricht Andrea Herrmann. "Wir haben bisher alles ausgeweitet, was geht, doch irgendwann ist Schluss und dieses Schluss gilt leider bundesweit", beschwört sie. "Die Situation ist sehr unbefriedigend", fasst die Vertreterin der Bildungsbehörde zusammen.

Eine Mutter fragt, wie sie ihren Kindern die Situation erklären soll? Der Unmut ist groß. Auch zwei Sonderpädagogen der Albert-Einstein-Oberschule melden sich noch zu Wort. "Was uns hier hält, ist eben gerade eine gute Inklusion", setzt eine Sonderpädagogin als bundesweit umworbene Fachkraft der Vertreterin der Bildungsbehörde entgegen. Sie sei nach dem Studium aus einem anderen Bundesland nach Bremen gekommen, da gerade die Hansestadt einst als Paradebeispiel und Vorreiter einer gelungen Inklusion gegolten habe. "Reine Beratung", sei es nicht, was sie machen wolle, sondern vor ihrer Klasse stehen, Kindern helfen und sie unterrichten. Eine Kollegin von ihr blickt unter diesem Gesichtspunkt einer sich eher verdüsternden Zukunft entgegen, in der der Rahmen eine gute Inklusion in Bremen nicht mehr zulasse.

Zum Schulneubau südlich der Osterholzer Heerstraße werde es erst in knapp drei Wochen Neues in einer Veranstaltung zu hören geben, habe er im Vorfeld von der Behörde erfahren, teilte Ortsamtsleiter Ulrich Schlüter mit. Im Saal regte sich daraufhin einiger Unmut, viele waren extra zur Sitzung gekommen, um darüber Neues zu erfahren.

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