Ehemaliger Zwangsarbeiter im Bunker

Begegnung mit Harry Callan

Der 94-jährige Harry Callan war Zwangsarbeiter im U-Boot-Bunker Farge. Jetzt hat er im heutigen Denkort mit Schülern über seine Erinnerungen gesprochen.
27.04.2018, 17:40
Lesedauer: 3 Min
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Von Christian Pfeiff
Begegnung mit Harry Callan

Harry Callan und seine Schwiegertochter Michèle sprechen im Bunker mit Schülern.

Maximilian von Lachner

Blumenthal. Erst allmählich wird der Name Harry Callan einer größeren Öffentlichkeit bekannt. Die Impulse, die er gesetzt hat, riefen indes bereits internationale Resonanz hervor. Für manche Menschen ist er bereits zu einem Symbol geworden. So trägt auch der Gedächtnislaufs vom einstigen U-Boot-Bunker und der heutigen Gedenkstätte „Valentin“ zum Geschichtslehrpfad, den die Sportleistungskurse der Oberschule an der Egge seit 2005 alljährlich veranstalten, seit drei Jahren seinen Namen.

Als 17-Jähriger geriet Callan 1941 als irischer Seemann zusammen mit der 32 Mitglieder zählenden Besatzung seines Schiffs in deutsche Kriegsgefangenschaft und wurde 1943 unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit beim Bau des geplanten U-Boot-Bunkers gezwungen. Nach seiner Befreiung im März 1945 sollte es fast sechzig Jahre dauern, bis er über seine traumatisierende Zeit als Zwangsarbeiter in Farge sprechen konnte – zunächst mit seiner Familie, später auch öffentlich.

Gemeinsam mit Schwiegertochter Michèle verarbeitete Callan seine Erlebnisse in Farge in Buchform und wurde dadurch seit Erscheinen des Buchs im vergangenen Jahr zu einem Sprachrohr. Callans Memoiren verleihen nicht nur ehemaligen irischen Kriegsgefangenen nach mehr als einem halben Jahrhundert eine Stimme, die öffentlich zu vernehmen ist. Sondern sie repräsentiert auch die grausamen Erfahrungen einstiger Zwangsarbeiter weltweit.

Sprachrohr der Zwangsarbeiter

So berichtete Michèle Callan jetzt im Rahmen einer Fragestunde, die vor dem Traditionslauf im Bunkerinneren mit den Oberschülern der Egge abgehalten wurde, sogar von dankbaren Rückmeldungen aus Neuseeland, die dem Tenor aus der irischen Heimat glichen: „Ihr Buch hat uns geholfen, die Geschichte unseres Großvaters verstehen zu können, der über seine dortigen Kriegs- und Lagererfahrungen niemals gesprochen hat,“ hieß es unter anderem.

Auch Callan brauchte lange Jahre, um sein Schweigen brechen zu können: „Ich habe nach meiner Befreiung ein ganzes Jahr gebraucht, um mich psychisch und physisch soweit zu regenerieren, dass ich zumindest wieder arbeiten konnte. Wenn unsere Seerouten anschließend an Bremen vorbeiführten, stand ich jedes Mal wie versteinert an der Rehling und schaute in Richtung des Bunkers, in Trauer um meine damaligen Mitgefangenen und die vielen tausend weiteren Zwangsarbeiter. Die anderen Seeleute wussten nicht, warum ich dies tat. Und ich sagte es ihnen auch nicht, sie hielten mein Verhalten schlicht für wunderlich.“

Callan benötigte fast sechzig Jahre, um über das in Farge Erlebte zu sprechen und schließlich sogar an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Über seinen Besuch am Bunker kam er auch mit Monika Eichmann in Kontakt, die neben ihrer pädagogischen Tätigkeit an der Oberschule Egge im Bunker als ehrenamtlicher Guide tätig ist.

Nachdem sich Callan daraufhin seit 2013 als Zeitzeuge für den jährlichen Gedächtnislauf am 26. April, dem Jahrestag der Befreiung Bremens, zur Verfügung gestellt hat, wurde dieser seit 2015 offiziell zum „Harry Callan Lauf“ – als Ehrung für den letzten Überlebenden der damaligen irischen Zwangsarbeiter, dessen Geschichte, die seit Kurzem auch in deutscher Sprache als Buch erhältlich ist, auch international einen wichtigen Beitrag gegen das Vergessen darstellt.

So teilt Callan inzwischen selbst sein Gedenken an die verstorbenen Mitgefangenen am Mahnmal – was für ihn anfangs eine rein private Zeremonie darstellte. Er teilt sie mit den Schülern der Egge und auch der Öffentlichkeit: Dutzende Kameras sind auf die Callans gerichtet, als Michèle am Mahnmal die Namen derer verliest, die gemeinsam mit Harry Callan in Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit gerieten.

Startzeichen für die Läufer

Durch den Denkort und die damit verbundene Erinnerungsarbeit konnte sich Callan mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Befreiung sogar mit diesem Ort unfassbarer Grausamkeit und dessen dunkler Vergangenheit aussöhnen: „Durch die Erinnerungsarbeit ist hier etwas Gutes, Positives entstanden. Mittlerweile komme ich sehr gerne nach Farge und habe auch viele Freunde hier“, schilderte er den Oberschülern inmitten jener Mauern, deren Errichtung ihn nach dem faschistischen Prinzip „Vernichtung durch Arbeit“ fast das Leben gekostet haben, hätte der zuständige Lagerarzt Dr. Heidbreder, dessen Sohn später zum Schulleiter des damaligen Schulzentrums an der Eggestedter Straße wurde, den bereits stark unterernährten und lebensbedrohlich geschwächten Callan nicht von der Arbeit am Bunker entbunden und ihn stattdessen Ersatzdienst im eigenen Garten verrichten lassen.

Der heute 94-jährige Callan ließ es sich nicht nehmen, einmal mehr persönlich das Startzeichen für die Teilnehmer des Gedächtnislaufs zu geben, zu denen neben den Schülern der Sportleistungskurse auch Schulleiter Andreas Kraatz-Röper gehörte. Die Gruppe der Läufer machte sich danach auf den fünf Kilometer langen Weg vom Bunker über die Lagerstraße bis auf das Gelände der Kaserne in Schwanewede zum einstigen Arbeitserziehungslagers – eine Strecke, die Callan einst selbst täglich unter grausamen Bedingungen zu absolvieren hatte.

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