Neues Projekt mit Ehrenamtlichen am Klinikum soll Pflegekräfte unterstützen Begleiter der Demenzkranken

Eine Tüte mit alten Einschulungsfotos funktioniert bei Ursula Elies Krankenhausbesuchen wie eine Eintrittskarte. Die ehrenamtliche Demenzbegleiterin am Klinikum Nord findet mit den Bildern schnell Zugang zu den Patienten, die eher in der Vergangenheit als im Hier und Jetzt verhaftet sind.
10.06.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Begleiter der Demenzkranken
Von Patricia Brandt

Eine Tüte mit alten Einschulungsfotos funktioniert bei Ursula Elies Krankenhausbesuchen wie eine Eintrittskarte. Die ehrenamtliche Demenzbegleiterin am Klinikum Nord findet mit den Bildern schnell Zugang zu den Patienten, die eher in der Vergangenheit als im Hier und Jetzt verhaftet sind.

Als die Tür zum Krankenzimmer aufgeht, weiß die alte Dame erst gar nicht, wer vor ihr steht. „Ich dachte, Sie wären Christel“, meint sie etwas verwirrt. Demenzbegleiterin Ursel Elies erklärt nicht groß, wer sie ist. Sie sagt nur laut und im beschwingten Tonfall: „Sie kennen mich doch, ich war doch gestern schon da“ und verwickelt die Patientin dann in ein Gespräch über den Krankenhausalltag.

Elies ist eine von 13 ehrenamtlichen Demenzbegleitern am Klinikum Nord. Die Gesundheit Nord (Geno) hat das Projekt vor rund zwei Monaten ins Leben gerufen, um Ärzte und Pfleger bei der Begleitung von Demenzpatienten zu unterstützen. Denn der Anteil der Demenzpatienten im Klinikum sei spürbar angestiegen, sagt Daniel Goerke aus der Presseabteilung des Klinikverbunds. Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Patienten in Nord hätten kognitive Einschränkungen. Es reiche nicht, wenn das Klinikum – wie geplant – zwei Zimmer mit einem Alarmsystem ausstattet, das die Flucht von Demenzpatienten vereiteln soll: Demenzkranke, so Goerke, hätten erhöhten Bedarf an persönlicher Zuwendung.

An diesem Tag machen sich Ursula Elies und Heiko Ohmstedt auf den Weg in die Station 7, die Geriatrie. Ohmstedt hat schon vorher im Klinikum ausgeholfen – als Lotse für Besucher. Andere wie Ursula Elies haben sich auf einen Aufruf des Klinikums hin gemeldet. „Es gab Schulungen für Demenzbegleiter. An drei, vier Wochenenden wurden wir auf die Arbeit vorbereitet“, berichtet der 69-jährige Ohmstedt.

Spannende Besuche

Als beide aussteigen, wissen sie nicht, was auf sie zukommt. Für die Demenzbegleiter sei der Besuch im Klinikum deshalb immer spannend. „Es ist nie absehbar, was man macht. Ob der Patient im Rollstuhl gefahren werden oder Mensch-ärger-Dich-nicht spielen will“, sagt Ohmstedt. Elies studiert derweil die Liste mit Namen dementer Patienten, die die Stationsleitung für die Demenzbegleiter im Dienstzimmer ausgelegt hat. Ohmstedt bleibt vor der Tür, als Elies in eins der Krankenzimmer tritt.

Sie kennt die grauhaarige Frau in dem Raum mit dem Krankenbett inzwischen ganz gut. „Ihr Name darf nicht in die Zeitung – das wollen die Angehörigen nicht“, berichtet sie. Die abnehmende Gedächtnisleistung der Patienten sei vielen Angehörigen unangenehm, hat sie erfahren. Auf den ersten Blick wirkt die alte Dame ganz fit. Obwohl sie schwer gestürzt gewesen sei. „Sie sind so fröhlich. Es ist toll, wenn man jemanden hat, mit dem man reden kann. Auf meine Familie lasse ich aber nichts kommen“, sagt die Patientin zum Beispiel. Und sie berichtet, dass sie gerne nach Hause gehen würde. „Erstmal müssen Sie ganz gesund sein“, winkt Elies ab und bietet der Frau ein Glas Wasser an.

Seit April gehört die 68-jährige Elies zum Team der Demenzbegleiter. Zweimal pro Woche besucht sie Demenzpatienten. „Für mich ist das eine tolle Sache. Ich komme mit den Patienten klar“, sagt sie und schiebt einen Bericht über ein Kaffeekränzchen mit einer 87-Jährigen hinterher. Dass sie wie andere Demenzbegleiter von den Patienten auch mal abgelehnt wird, scheint ihr nicht passieren zu können. Obwohl sie beruflich nie etwas mit Medizin zu tun hatte: „Wir hatten ein Architekturbüro in Vegesack“, sagt Elies. Sie habe dennoch gewusst, was im Klinikum auf sie zukommen würde, weil ihre Mutter und ihr Mann an Demenz erkrankt gewesen seien.

Die meisten Patienten begrüßten das neue Angebot, heißt es beim Klinikverbund. „Die Mitarbeiter auf der Station berichten, dass die Patienten ruhiger und entspannter geworden sind. Davon profitieren natürlich auch die Ärzte und Pflegekräfte. Der Stationsalltag gewinnt an Struktur“, sagt Pressesprecher Goerke.

Doch nicht alle Ehrenamtlichen, die sich zunächst freiwillig für das Projekt gemeldet hatten, sind noch dabei. Ein paar Demenzbegleiter sind wieder abgesprungen. „Man muss den Schalter nach zwei, drei Stunden wieder umlegen können“, versucht Ohmstedt zu erklären, warum nicht jeder Demenzbegleiter sein könne. Ohm-

stedt ist Teamleiter der Demenzbegleiter. „Manche kommen nicht damit zurecht, zehnmal das Gleiche zu hören“, sagt er. Schlimmer noch als die ewig gleichen Geschichten seien besonders traurige Erinnerung. Fremden Trost zu spenden, sei hier nicht immer leicht. In der Schulung haben die Begleiter gelernt, mit Problemen umzugehen.

Beispiel Fluchtverhalten. Irgendwann komme immer der Punkt, an dem die Weglauf-Tendenz der dementen Patienten besonders stark sei. „Neulich hatte ich einen Zwei-Meter-Mann, der wollte unbedingt raus“, hat Elies vorhin erzählt. Aber ins Freie gehe sie nie mit den Patienten. „Die Verantwortung übernehme ich nicht.“ Stattdessen sei sie mit ihm auf dem Krankenhausflur auf und ab gelaufen. „Ich habe mit ihm dabei erzählt und er wurde ruhiger.“

Auch die alte Dame drängt es aus dem Zimmer. Ablenkungsversuche scheitern. Elies schiebt die Patientin mit dem Rollstuhl auf den grauen Krankenhausflur, bugsiert ihn vorsichtig an Essenswagen vorbei. Sie lässt einen Pfleger mit leerem Bett passieren. Durch eine der offenen Krankenzimmertüren dringt Radiomusik. Der Blick fällt auf einen schlafenden Mann. Elies schiebt den Rollstuhl weiter – immer auf und ab, von einem Flurende zum anderen. Nach ein paar Runden bringt sie die Patientin zurück aufs Zimmer. Die alte Frau ist müde geworden.

Das Projekt am Klinikum Nord soll noch ausgeweitet werden. Wer sich den Demenzbegleitern anschließen möchte, meldet sich bei Heiko Ohmstedt, Telefon: 04 21/ 66 49 95.

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