Trödelei während der Corona-Krise

Veranstalter dürfen auf Öffnung von Flohmärkten in Bremen hoffen

Bislang galten für Flohmärkte in Bremen die gleichen Kriterien wie für andere Großveranstaltungen während der Corona-Pandemie. Nun will das Wirtschaftsressort eine Lösung für eine mögliche Öffnung finden.
02.08.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Von Anke Velten
Veranstalter dürfen auf Öffnung von Flohmärkten in Bremen hoffen

Die Veranstalter der Flohmärkte wie hier auf der Bürgerweide möchten baldmöglichst wieder öffnen.

Christina Kuhaupt

„Nein, am Sonntag findet noch nichts statt.“ „Ja, wir wissen, dass die Niedersachsen schon längst wieder öffnen dürfen.“ „Nein, wir haben keine Informationen, wann es weiter geht.“: Harald Siegel hat aufgehört zu zählen, wie oft er diesen Dialog am Telefon geführt hat. Täglich bis zu vierzig E-Mails stellen dieselbe Frage: Wann darf in Bremen endlich wieder getrödelt werden? Das wüssten Siegel und seine Kollegen auch gerne. Bislang beharrte das Ordnungsamt auf der Ansicht, dass für die Bremer Flohmärkte dieselben Kriterien gelten wie für alle anderen Großveranstaltungen der Stadt.

Die Frage, ob das unbedingt so bleiben muss, beschäftigt jetzt die Spitzen der zuständigen Behörden. „Es erschließt sich nicht, dass Einkaufszentren und Wochenmärkte geöffnet sind, während Flohmärkte, die draußen an der frischen Luft stattfinden, geschlossen bleiben“, lautet die Position von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt. Für die kommende Woche haben sich die Ressorts für Wirtschaft, Inneres und Gesundheit vorgenommen, eine Lösung zu finden.

Lesen Sie auch

Die Flohmarktsaison auf der Bürgerweide wurde beendet, bevor sie überhaupt anfangen konnte. Am Sonntag, 8. März, war der letzte Termin auf dem Parkplatz des Hansa-Carrees, dem Winterquartier des Flohmarkts. Dann schickte Harald Siegel seine fest angestellten Mitarbeiter in Kurzarbeit. Das Team der geringfügig Beschäftigten wurde entlassen.

„Wir wussten nie, woran wir sind. In keiner offiziellen Verordnung wurden wir erwähnt“, sagt der Geschäftsführer der Breminale GmbH, die seit 1993 auch den ältesten unter den großen Bremer Flohmärkten organisiert. Es gab einen Hoffnungsschimmer: In der Pressekonferenz vom 19. Mai, als die Bremer Landesregierung die Lockerungen unter anderem für Freibäder und Fitnessstudios verkündete, hatte Innensenator Ulrich Mäurer auch die Öffnung der Flohmärkte in Aussicht gestellt. Voreilig, wie sich im Anschluss erwies. Mehr als zwei Wochen, nachdem Siegel beim Ordnungsamt schriftlich die Wiedereröffnung beantragt hatte, kam die knappe Antwort: Großveranstaltungen wie diese seien bis mindestens 31. August untersagt. Ausnahmegenehmigungen würden nicht erteilt.

Keine Hektik und keine Drängelei

„Da werden Äpfel mit Birnen verglichen“, sagt Siegel. Anders als etwa bei Open-Air-Konzerten oder Bundesligaspielen, wo die Zuschauer dicht an dicht stünden, sei es auf dem Bürgerweide-Flohmarkt mit seinen knapp 30.000 Quadratmetern ein Leichtes, sich aus dem Weg zu gehen. „Auf dem Flohmarkt gibt es keine Hektik, keine Drängelei. Die Leute bleiben nicht stehen, sondern sind ständig in Bewegung – genau wie auf den Wochenmärkten, die ja durchgehend öffnen durften.“ Man müsse auch bedenken, sagt er, dass Flohmärkte mehr seien als ein Freizeitvergnügen für Sammler und Liebhaber von Antikem und Kuriosem. „Für viele Menschen mit knappem Budget sind sie existenziell wichtig. Die einen sind dankbar, dass sie Dinge des täglichen Bedarfs günstig einkaufen können. Die anderen können sich einen Groschen obendrauf verdienen.“

Als Großveranstaltung gilt in Bremen bislang alles, was die Zahl von 400 Besuchern übersteigt. In anderen Bundesländern sieht man das lockerer. In Niedersachsen durften Flohmärkte bereits Anfang Juni wieder öffnen, mussten allerdings bislang durch Einlasskontrollen und die Erhebung von Eintrittsgeldern darauf achten, dass die maximale Zahl von tausend Ausstellern und Besuchern nicht überschritten wird.

Lesen Sie auch

Die Personenbeschränkung galt unabhängig von der Dimension des Marktes, und damit auch für den Hannoveraner Flohmarkt auf dem Gelände der Galopprennbahn Neue Bult: Nach Angaben des Veranstalters Dhd-Märkte mit Sitz in Barntrup handelt es sich um den Giganten unter den niedersächsischen Flohmärkten, und ist mit einer Fläche von rund 80.000 Quadratmetern fast drei Mal so groß wie der Flohmarkt auf der Bürgerweide. „Das machte überhaupt keinen Sinn und war nicht nachvollziehbar“, sagt Marktleiter Christian Nahrwold. „Die Besucher verliefen sich auf dem Areal, der Markt sah leer aus.“

Mittlerweile hat die niedersächsische Landesregierung die Verordnung novelliert: Ab dem 31. August ist die Teilnehmerbegrenzung für Messen und Märkte aufgehoben – wenn die Veranstalter nachweisen, dass die Abstandsregelungen eingehalten werden können. Erreicht wurde das über „penetranten Druck und permanente Kommunikation mit den Behörden“, sagt Nahrwold: Ein Druck, der sich im kleinen Bremen mit seiner Handvoll Veranstalter wohl nicht aufbauen ließ. Pragmatisch handelt man auch in Hamburg. Laut Susanne Meinecke, Sprecherin der Hamburger Wirtschaftsbehörde, sind Messen, Ausstellungen, Spezial- und Flohmärkte seit Anfang Juli den Wochenmärkten gleichgestellt. Unter freiem Himmel können unbegrenzt viele Besucher kommen, solange Masken getragen und die allgemeinen Hygiene- und Abstandsregelungen eingehalten werden.

Problemlose Einhaltung der Vorgaben in Nordrhein-Westfalen

„Die Bremer sind ein flohmarktfreudiges Völkchen. Höchste Zeit, dass sich die Behörden bewegen“, findet Fritz Scholz, dessen Dortmunder Unternehmen Marktkom die Sonntagsflohmärkte am Arsterdamm, an der Duckwitzstraße und an der Vahrer Straße organisiert. „Stünden die Märkte in Nordrhein-Westfalen, hätten wir schon Mitte Juni loslegen können.“ Dort funktioniere die Einhaltung der Vorgaben problemlos, und auch für die Bremer Märkte ließe sich der Hygieneschutz leicht umsetzen, so Scholz. „Wir hatten monatelang keine Einnahmen. Es ist wichtig, dass unsere Leute endlich wieder in Lohn und Brot kommen.“

Auch im Sander-Center kann man die Wiedereröffnung kaum erwarten. „Wir hoffen, dass der Flohmarkt wie geplant am 6. September öffnen darf“, sagt Veranstalter Azad Güngor. Aussteller und Veranstalter seien „hoch motiviert, nach der langen Durststrecke wieder loszulegen, sobald die Bedingungen für alle Beteiligten wieder im Vertretbaren liegen“, sagt Christine Glander, Sprecherin von M3B/Messe Bremen, Veranstaltungsgesellschaft auch für den Weserflohmarkt an der Schlachte und die saisonalen Märkte vor dem Speicher XI in der Überseestadt.

Flohmärkte unter freiem Himmel

Flohmärkte seien „Orte der Nachhaltigkeit, Einnahmequelle und Einkaufsmöglichkeit nicht nur, aber eben auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel“, sagt Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt. Eine Öffnung unter Einhaltung von Schutzkonzepten sei deshalb folgerichtig. Für die kommende Woche habe man sich das Thema „auf den Haken“ genommen, bestätigt Silke Stroth, Staatsrätin der Senatorin für Gesundheit. „Wir werden mit Hochdruck daran arbeiten, eine Klärung herbeizuführen, wie und unter welchen Vorgaben Flohmärkte unter freiem Himmel baldmöglichst wieder stattfinden können.“

Harald Siegel hat dem Innenressort bereits vor Wochen ein fünfseitiges Hygienekonzept für die Bürgerweide vorgelegt, das unter anderem doppelt so breite Laufwege, Einbahnstraßen-Regelungen und die Bereitstellung von Desinfektionsanlagen vorsieht. Er ist davon überzeugt, dass die Umsetzung unter den Bedingungen des Infektionsschutzes problemlos möglich wäre. Außerdem sei mittlerweile das Abstandsverhalten im öffentlichen Raum „gut eingeübt“. „Und ein Stück Eigenverantwortlichkeit kann man den Bürgern ruhig überlassen.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+