Angebot der Volkshochschule

Behördendeutsch endlich verständlich

Damit Formulare von Bremens Behörden nicht mehr länger in schwer verständlichem Amtsdeutsch abgefasst werden, bietet die Volkshochschule der Verwaltung eine Servicestelle für einfache Sprache an.
20.09.2017, 18:49
Lesedauer: 3 Min
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Behördendeutsch endlich verständlich
Von Ralf Michel
Behördendeutsch endlich verständlich

Mansour Ismaiel leitet die Servicestelle für einfache Sprache der Volkshochschule. Sie bietet allen Bremer Behörden an, ihre Formulare in einfach verständliche Sprache zu "übersetzen" und auch optisch anschaulicher zu gestalten.

Christina Kuhaupt

Natürlich kann man Zeugen auf einem Behördenformular mit folgendem Satz zu einer Aussage auffordern: „Zur Aufklärung der Ordnungswidrigkeit bitte ich Sie, nachfolgende Fragen möglichst eingehend zu beantworten.“ Man könnte aber auch ganz einfach schreiben: „Bitte beantworten Sie dazu die Fragen, die Sie auf dem Zeugenfragebogen finden.“ So, wie man statt „Wertzeichen“ auch „Briefmarken“ schreiben oder statt „Personenvereinzelungsanlage“ einfach nur „Drehkreuz“ sagen könnte.

Genau darum geht es in der neu eröffneten Servicestelle der Volkshochschule Bremen: um einfache Sprache im Behördenalltag. Der Sprachwissenschaftler Mansour Ismaiel und sein Team beraten Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes in Sachen einfache Sprache, überarbeiten auf Wunsch deren Texte und bieten Workshops an, in denen die Grundregeln für verständliches Formulieren vermittelt werden.

Deutsch zu lernen ist nicht die einzige Hürde

Den Stress mit Amtsdeutsch kennt Mansour Ismaiel nicht nur aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Als der gebürtige Syrer 2005 mit einem Germanistik-Stipendium nach Deutschland kam, merkte er schnell, dass Deutsch zu lernen, nicht die einzige Hürde war, die es zu nehmen galt. Zu verstehen, was mit dem Behördendeutsch gemeint war, bedeutete nicht selten eine zusätzliche Herausforderung. Der 33-Jährige erinnert sich beispielsweise an seinen Antrag auf die Zulassung zum Studium oder an die Formulare, mit denen er regelmäßig die Verlängerung seines Aufenthaltes beantragte.

Schon damals gründete er einen Verein, der Geflüchteten beim Verstehen und Ausfüllen all der Vordrucke, Formulare und Anträge half. Jetzt nähert sich Ismaiel dem Problem sozusagen schon eine Stufe vorher: „Wir wollen erreichen, dass die Formulare gar nicht erst unverständlich formuliert werden.“ Damit niemand mehr Hilfe braucht, um sie zu verstehen.

Unter „einfache Sprache“ versteht Ismaiel eine neue Strategie der barrierefreien Kommunikation. Sie soll ein Mittelweg sein zwischen unverständlicher Fachsprache und der „leichten Sprache“ für Menschen mit kognitiver Behinderung, erklärt er. Anders als leichte Sprache mit ihrem festen Regelwerk verletze die einfache Sprache die Regeln der Grammatik nicht. „Der Text bleibt lebendig, klar und verständlich.“ Die Texte würden übersichtlich gehalten, mit kurzen Sätzen – „maximal ein Komma pro Satz“ – und Fachbegriffe erklärt. „Wenn man einfache Sprache gut macht, merkt der Leser gar nicht, dass das ein anderer Sprachstil ist.“

„Wir haben keine bestimmte Zielgruppe“

Der 33-Jährige hat das Konzept für die Servicestelle selbst entwickelt. Seit Juni gibt es das Büro, derzeit rührt Ismaiel dafür bei den Bremer Behörden die Werbetrommel. Eine erste Rückmeldung habe er bereits vom Migrationsamt erhalten, erzählt er. Aber das Angebot sei ausdrücklich nicht nur für Formulare gedacht, die sich an Menschen mit geringen Deutschkenntnissen wenden. „Wir haben keine bestimmte Zielgruppe“, betont der Sprachwissenschaftler, der überzeugt ist, dass sich alle Behörden mit komplizierten Formulierungen letztlich selbst schaden. „Wenn Formulare nicht richtig verstanden werden, werden sie falsch ausgefüllt. Das bedeutet zusätzliche Arbeit, weil sie erneut ausgefüllt werden müssen, vielleicht sogar mehrmals.“

Deshalb können sich ab sofort alle Bremer Behörden an die Servicestelle der Volkshochschule wenden. Sie wurde zunächst bis Ende 2018 eingerichtet und wird mit Bundesmitteln finanziert. „Die Behörden können uns Formulare schicken, wir machen sie verständlicher und auch optisch anschaulicher“, erläutert Mansour Ismaiel eines der durchweg kostenlosen Angebote. Möglich sei zudem auch eine Beratung, worauf zu achten ist, wenn ein Behördenmitarbeiter mit einem Kunden spricht. „Damit so ein Gespräch bürgernah und kundenfreundlich verläuft und der Mitarbeiter seinen Inhalt auch sofort rüberbringt.“

Drittes Angebot an alle Bremer Behörden sind praxisnahe Workshops, in denen vermittelt wird, worum es bei einfacher Sprache geht. Für das erste dieser Seminare gibt es bereits vier Termine, den ersten am 18. Oktober: „Einfacher schreiben im öffentlichen Dienst“. Das nächste ist bereits in Planung und wird „Einfacher mündlich beraten“ heißen. Einen Termin hierfür gibt es noch nicht, er wird in Kürze unter www.pro-einfache-sprache.de auf der Homepage der Servicestelle veröffentlicht. Telefonisch ist das Büro montags bis donnerstags von 9 bis 17 Uhr unter 0421 / 361 126 18 zu erreichen.

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