Umweltsenator erwägt Abfalllager im Industriepark West Beiräte wollen keine neuen Chemie-Betriebe

Die Menschen in Gröpelingen und Burglesum sind in Sorge wegen der geplantgen Ansiedlung eines Zwischenlagers für chemische Abfälle. Sie fürchten eine ähnliche Katastrophe wie im September in Ritterhude. Umweltsenator Lohse versucht zu beschwichtigen.
07.12.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Anne Gerling

Jahrelang ist in Hemelingen um die Ansiedelung eines Zwischenlagers für chemische Abfälle gestritten worden. Nun ist stattdessen der zwischen A 281 und Grambker See gelegene Industriepark West als Standort im Gespräch. Unmittbar betroffen wären die Menschen in Gröpelingen und Burglesum. Ihre größte Sorge: eine ähnliche Katastrophe wie im September in Ritterhude. Auf einer gemeinsamen Beiratssitzung hat sich der Umweltsenator nun um Beschwichtigung bemüht.

Ost oder West? Wohin kommt nun das geplante Chemikalien-Zwischenlager der Firma Pro-Entsorga, die in Hambergen eine Entsorgungsanlage für chemische Stoffe betreibt? Darüber haben die Beiräte Gröpelingen und Burglesum am Donnerstag mit Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne) diskutiert.

Genehmigungsverfahren verlängert

Lohse hatte Mitte September nach der Explosion in einem Ritterhuder Chemie-Betrieb die Reißleine gezogen und das Genehmigungsverfahren für die Zwischenlager-Ansiedelung an der Hemelinger Hermann-Funk-Straße um drei Monate verlängert, um die Entscheidung zu vertagen. Dabei hatte er als weiteren möglichen Standort den Industriepark West ins Spiel gebracht.

Dieses 140 Hektar große Gewerbegebiet bei den Stahlwerken gehört verwaltungstechnisch zum Bezirk des Ortsamtes West; wegen der räumlichen Nähe zu Grambke hat allerdings der Gröpelinger Beirat die Entscheidungshoheit einst an seine Burglesumer Kollegen abgetreten.

Beide Gremien haben sich schon vor Jahren entschieden dagegen ausgesprochen, dass in dem Gebiet die Abfallwirtschaft zentralisiert oder weitere belastende Betriebe angesiedelt werden. Stattdessen wünschen sie sich dort die Ansiedelung der Transport- und Logistikbranche, für die mit dem Autobahn-Ringschluss der A 281 günstige Voraussetzungen geschaffen würden.

Lohse: „Das ist kein Giftmüll“

Seit Mitte September fragen sich die Ortspolitiker: Kommt das Chemie-Zwischenlager nun also in den Industriepark West? „Genau auf diese Frage werde ich Ihnen heute keine Antwort geben können“, machte Lohse gleich zu Beginn der rund zweistündigen Diskussion klar. Dennoch liefen entsprechende Gespräche mit dem Wirtschaftsressort und der Wirtschaftsförderung (WFB), wobei mittlerweile „drei Himmelsrichtungen“ im Spiel seien.

So wollte der Umweltsenator lieber darüber sprechen, um was für ein Unternehmen es sich überhaupt handelt. 275 Tonnen Abfälle – unter anderem flüssige wie pastöse Stoffe aus Industrie, Handel, Krankenhäusern oder Arztpraxen oder Leuchtstoffröhren – dürfe der Betrieb insgesamt lagern, davon 50 Tonnen sogenannte gefährliche Abfälle.

„Das ist kein Giftmüll“, betonte Lohse, der angesichts der Abfallmenge von einem kleineren Unternehmen sprach. Da dort außerdem Abfälle lediglich gelagert und nicht etwa – wie in dem Ritterhuder Betrieb – erhitzt oder anderweitig bearbeitet würden, seien Unfälle eher unwahrscheinlich.

Insbesondere die Gröpelinger Ortspolitiker wollten sich mit diesen Aussagen nicht zufriedengeben. „Wir haben das Unglück in Ritterhude durch das Wackeln unserer Fenster und Türen erlebt“, sagte etwa Hannes Grosch (SPD). Außerdem erinnerte er an einen Unfall auf dem Gelände der Schadstoffentsorgung Nord (SEN) an der Reitbrake in Oslebshausen im September 2011. Dabei wurden rund 400 Fässer Industrieschlamm umverpackt, um in eine Leverkusener Spezialanlage transportiert und dort verbrannt zu werden.

"Kein Vertruen"

„Dort wurde auch ‚nur’ etwas ‚umgekippt’. Wir fragen seit drei Jahren bei Ihrer Behörde nach, was da genau passiert ist – und wir kriegen seit drei Jahren keine Antwort. Ich habe da kein Vertrauen!“, sagte Grosch. Auch habe der Gröpelinger Beirat auf seinen 2011 gestellten Antrag, ein Schadstoffregister zu erstellen, bis heute keine Antwort erhalten. Solch ein Kataster wäre dringend nötig, so Grosch, etwa damit die Feuerwehr im Notfall schnell weiß, mit welchen Stoffen sie es zu tun hat.

Wie auch andere Beteiligte vermutet Reinhard Hennig (SPD), stellvertretender Burglesumer Beiratssprecher, dass der Industriepark West als Standort längst ausgemachte Sache ist. Er fragt sich eher, wie Lohses Behörde reagieren wird, wenn es in dem Chemie-Zwischenlager eines Tages gut läuft und das Unternehmen seine Kapazitäten dann womöglich erweitern will.

Die Politik müsse sich diesen Fragen stellen und sie sachlich diskutieren, wenn sie nicht zu einer ungeordneten und kaum kontrollierbaren Müllwirtschaft zurück wolle, so Lohse, der außerdem Bremens Verantwortung als fünftgrößter Industriestandort Deutschlands – und damit auch als großer Verursacher von Chemieabfällen – unterstrich: „Unter Wirtschaftsansiedelungspolitik verstehe ich nicht: Ich interessiere mich nur für die Filetstücke. Da muss man sich auch mit dem Bereich Recycling und Entsorgung befassen.“

Verunreinigter Regen

Im Publikum warnte Rolf Wroblewski, der bis zu seinem Parteiaustritt für die Grünen im Gröpelinger Beirat saß, vor dem bekannten Problem des verunreinigten Regens, den das Stahlwerk verursacht. Dieser könnte sich womöglich durch die Behälter im Zwischenlager ätzen. „Und wer kommt für die Wertminderung unseres Wohneigentums auf?“, fragte eine Anwohnerin.

Durch den fraglichen Betrieb werde keine solche Wertminderung entstehen, behauptete der Umweltsenator. Und Lohse versprach, dass der Gröpelinger Beirat noch Antworten auf die offenen Fragen bekommen werde. Überzeugen konnte der Senator die Beiräte aber bislang nicht: Sie sprachen sich erneut geschlossen gegen die weitere Ansiedelung von Betrieben im Industriepark West aus, die gefährliche Güter vertreiben oder lagern.

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