Bremen

Beistand in Extremsituationen

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, kann sich an den Weißen Ring wenden und bekommt Hilfe, erklärt Rechtsanwältin Isabella Surek, die seit acht Jahren ehrenamtlich für den gemeinnützigen Opferschutzverein tätig ist. Die 29-Jährige leitet in Bremen eine der insgesamt vier Außenstellen des Weißen Rings.
05.10.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Christiane Mester
Beistand in Extremsituationen

Isabella Surek ist Rechtsanwältin und leitet eine Bremer Außenstelle des Weißen Rings.

Frank Thomas Koch

Wer Opfer einer Straftat geworden ist, kann sich an den Weißen Ring wenden und bekommt Hilfe, erklärt Rechtsanwältin Isabella Surek, die seit acht Jahren ehrenamtlich für den gemeinnützigen Opferschutzverein tätig ist. Die 29-Jährige leitet in Bremen eine der insgesamt vier Außenstellen des Weißen Rings. „Damit wir helfen, muss vorher keine Strafanzeige bei der Polizei gestellt worden sein“, sagt Surek. Jeder, der subjektiv den Eindruck habe, Opfer einer Straftat geworden zu sein, könne Kontakt zum Weißen Ring aufnehmen.

Rund 16 000 Mal im Jahr klingelt das bundesweit geschaltete Opfer-Telefon nach Angaben des Vereins. Die Menschen, die dort anrufen, befinden sich in Folge einer Straftat in ganz unterschiedlichen Notlagen. Sie sind überfallen worden und fühlen sich seither unsicher in der Öffentlichkeit, sie kämpfen mit den psychischen und materiellen Folgen eines Wohnungseinbruchs oder sie haben sexuelle Gewalt erlebt. Nicht selten seien es auch Angehörige, die sich melden, sagt die Bremer Anwältin und stellt klar: „Stellen Sie sich vor, ihr Kind wurde umgebracht, oder ihr Partner, dann sind auch Sie Opfer.“

Wie sich die Tatfolgen im Alltag der Betroffenen konkret auswirkten, sei ganz unterschiedlich, aber ein Gefühl teilen wohl die meisten, meint Isabella Surek: „Ihr Grundvertrauen ist erschüttert. Es gab eine Situation, in der sie nicht mehr selbst bestimmen konnten. Ob im kleinen Rahmen, wenn ihnen jemand das Handy aus der Hand gerissen hat oder in einem sehr großen Rahmen, wie im Falle einer Vergewaltigung.“ Beides gehe letztlich einher mit einer gewissen Ohnmacht und der Erfahrung, einer anderen Person ausgeliefert gewesen zu sein.

Menschen, die sich an den Weißen Ring wenden, befinden sich in einer Ausnahmesituation, in der sie auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen können. „Opfer sind oft völlig überfordert und brauchen Beistand, den sie woanders nur schwer finden“, weiß die Anwältin. Die Aufgabe der Polizei ist es, die Straftat aufzunehmen und sich der Aufklärung widmen.

Wer die Nummer des Weißen Rings anwählt, hat einen Gesprächspartner am anderen Ende, der zunächst einmal ein offenes Ohr hat. Zuhören ist die erste Leistung der Opferbetreuung. „Manchen Menschen reicht bereits ein solches Gespräch“, sagt Surek und erklärt, wie es weitergeht, wenn weiterführende Hilfe gefragt ist: „Ruft beispielsweise jemand aus der Vahr diese zentrale Rufnummer an, erhält er dort im Laufe des Gesprächs meine Telefonnummer. Ich lasse mir daraufhin schildern, um was es geht und stelle dann den Kontakt zu einem unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter her.“

Innerhalb von 24 Stunden komme es dann zum persönlichen Erstkontakt mit einem erfahrenen Helfer. Im Gegensatz zu Freunden und Familien eines Opfers, die angesichts drastischer Erlebnisschilderungen womöglich schnell überfordert sein können, sind die Ehrenamtlichen des Weißen Rings darauf geschult, Menschen in Extremsituationen eine Stütze zu sein. „Unsere Mitarbeiter sind vorbereitet und bilden sich in Aufbaukursen zu speziellen Themen fort.“ Auf dem Seminarplan steht die Begleitung ins Gericht, aber auch eine Auseinandersetzung mit aktuellen Kriminalitäts-Phänomenen, wie Stalking oder Cybermobbing.

Die Ehrenamtlichen, die Isabella Surek für den Weißen Ring koordiniert, sind oftmals Ruheständler. „Die Hilfe soll schnell kommen und daher müssen unsere Mitarbeiter ständig erreichbar sein“, erklärt sie. Menschen, die voll im Beruf stehen, könnten dies nur im Einzelfall leisten. Beim Weißen Ring in Bremen engagieren sich zum Beispiel ehemalige Geschäftsleute oder Lehrer und ein pensionierter Psychiater sei auch dabei. Sie selbst achte darauf, je nach Opfer die richtigen Personen zusammenzubringen.

Das erste Treffen findet meist bei der betroffenen Person zu Hause statt, aber auch in einem Café oder im Zeugenbetreuungszimmer im Bremer Landgericht. Eine zentrale Frage an das Opfer sei dann: „Was können wir aus Ihrer Sicht für Sie tun?“ Die Angebote, die der Weiße Ring daraufhin machen kann, sind vielfältig: „Wir begleiten zu einer polizeilichen Vernehmung oder auch in eine Gerichtsverhandlung“, zählt die Anwältin auf. Es gebe aber auch die Möglichkeit, finanzielle Hilfe zu gewähren – vorausgesetzt, die betroffene Person kann glaubhaft machen, dass sie wirtschaftlich bedürftig ist: „Resultiert aus einer Straftat ein finanzieller Schaden, können wir auch hier einspringen.“

Das kann die Rentnerin sein, die am Geldautomat überfallen wurde und der nun das Geld für die Miete fehlt oder der Auszubildende, dem bei einem Konzert das Handy gestohlen wurde und der sich kein neues kaufen kann. Manchmal seien es auch Kleidungsstücke, die nach einem Verbrechen von der Polizei beschlagnahmt wurden und für die schnell Ersatz besorgt werden müsse. „Der Weiße Ring stellt Schecks aus, für eine anwaltliche Erstberatung oder eine rechtsmedizinische Untersuchung“, so Surek weiter. Wer in Deutschland Opfer einer Straftat wird, hat darüber hinaus unter Umständen Anspruch auf Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz und erhält beim Weißen Ring Hilfe bei der Antragstellung.

Die Ehrenamtlichen nehmen aber vor allem auch eine Lotsenfunktion ein. Die Mitarbeiter sind informiert darüber, welche Beratungsstellen es in Bremen gibt und helfen dabei, die richtige davon auszuwählen. „Gibt es Anzeichen für eine posttraumatische Belastungsstörung, verweisen wir an einen Therapeuten oder die Trauma-Ambulanz am Klinikum Ost“, sagt Isabella Surek und macht auf ein weiteres Problemfeld aufmerksam.

Zusätzlich zu den psychischen und womöglich wirtschaftlichen Folgen, unter denen Kriminalitätsopfer leiden, seien die Betroffenen urplötzlich mit Rechtsfragen konfrontiert, mit denen sie sich zuvor noch nie auseinandergesetzt haben. „Wer weiß schon, wie ein Strafverfahren im Einzelnen abläuft“, sagt Surek und zählt typische Fragestellungen auf: „Wie lange dauert es, bis es zu einer Anklage kommt? Werde ich informiert darüber, wie der Täter verurteilt wurde? Darf ich an der Verhandlung teilnehmen?“ Geraten die Ehrenamtlichen bei sehr speziellen Fragen selbst an ihre Grenzen, beraten sie sich in regelmäßigen Runden gegenseitig oder suchen ihrerseits fachkundige Hilfe bei öffentlichen Stellen. Ihre Klienten begleiten sie manchmal über Jahre hinweg.


Das bundesweite Opfer-Telefon des Weißen Rings ist täglich von 7 bis 22 Uhr kostenfrei erreichbar unter der Telefonnummer 11 60 06.

Hier stehen weitergehende Informationen oder Termine, Hier stehen weitergehende Informationen oder Termine,
40 Jahre Weißer Ring „Wenn alle den Täter jagen, wer bleibt dann beim Opfer?" – Diese grundlegende Frage führte 1976 zur Gründung des Weißen Rings, der seither Menschen dabei hilft, mit den Folgen einer Straftat umzugehen. In diesem Jahr ist die Opferschutz-Organisation 40 Jahre alt geworden. Aktuell umfasst das bundesweite Hilfsnetz etwa 420 Beratungsstellen. Mehr als 3000 ehrenamtlich tätige Mitarbeiter kümmern sich dort um Kriminalitätsopfer. Opfer von Straftaten können sich direkt an die Außenstellen des Vereins wenden oder anonym Hilfe suchen, unter der bundesweiten Rufnummer der Hilfsorganisation. Seit einiger Zeit gibt es das Angebot einer Onlineberatung. Wer sich ehrenamtlich in der Opferbetreuung engagieren möchte, muss ein Führungszeugnis vorlegen und wird vorab für die Arbeit qualifiziert. Die Akademie des Weißen Rings bietet den Engagierten zudem spezielle Schulungsprogramme an. Der Weiße Ring finanziert sich nach eigenen Angaben aus Spenden und Mitgliedsbeiträgen und arbeitet unabhängig von staatlichen Finanzmitteln.
„Damit wir helfen, muss vorher keine Strafanzeige gestellt worden sein.“ Isabella Surek
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