Deutscher Kriegsgräberfürsorge Benefizkonzert für Erinnerungsarbeit

Erinnerungsarbeit, das ist seit fast 100 Jahren die Aufgabe des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge. Die Bundeswehr gibt in Bremen ein Benefizkonzert zugunsten der Jugendarbeit.
09.04.2018, 16:14
Lesedauer: 4 Min
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Benefizkonzert für Erinnerungsarbeit
Von Sigrid Schuer

In diesem und im nächsten Jahr wird an zwei historisch bedeutsame Ereignisse erinnert, die zum Gedenken mahnen: Vor 100 Jahren ging der Erste Weltkrieg zu Ende. Und 2019 ist es 80 Jahre her, dass von Hitler-Deutschland der Zweite Weltkrieg entfacht wurde. 2019 kann der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge ebenfalls auf 100 Jahre Arbeit zurückblicken. Drei Jubiläen, die auch den Volksbund bewegen.

Aus diesem Anlass initiierte der Verband jüngst eine Plakataktion. Unter der Überschrift: Darum Europa! sind auf den Plakaten die endlosen Reihen eines Kriegsgräberfeldes abgebildet. Der Volksbund setzt nach eigenen Angaben vor dem Hintergrund einer in Europa um sich greifenden Renationalisierung verstärkt auf Völkerverständigung – gerade zwischen den jungen Generationen Europas.

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Bildungsreferentin Anke Büttgen initiiert entsprechende Schulprojekte, etwa mit dem Bildungspaket zum Thema "Krieg und Menschenrechte". Die 30-Jährige ist seit 2015 für den Volksbund tätig. Der ist neben den Mitgliedsbeiträgen auch auf Spenden angewiesen, um die Projekte zur Erinnerungsarbeit verwirklichen zu können.

Erstmalig gibt das Musikkorps der Bundeswehr am Donnerstag, 12. April, um 20 Uhr in der Glocke ein Benefizkonzert zugunsten des Volksbundes. Karten sind ab 18 Euro zu haben. Die studierten Musiker spielen ein buntes Programm, das von Udo-Jürgens-Titeln bis hin zu Opernmusik von Verdi, Puccini und Carl Maria von Weber reicht.

Zwei Schwerpunkte der Erinnerungsarbeit des Volksbundes liegen beispielsweise im weißrussischen Minsk und im lettischen Riga, wie Isa Nolle erläutert. Sie ist seit sechs Jahren Geschäftsführerin des Landesverbandes Bremen der Deutschen Kriegsgräberfürsorge. "Alle Kriegstoten sind uns wichtig, und das heißt gerade auch Zwangsarbeiter und nicht nur Soldaten", sagt Isa Nolle, die seit 23 Jahren für den Volksbund arbeitet.

Patenschaften zu Stolpersteinen

Ein Faktum, das vielen nicht bekannt ist: Jugendliche aus der Hansestadt pflegen auch eine der größten Begräbnisstätten des nationalsozialistischen Terrors im Wald von Bikernieki nahe Bremens Partnerstadt Riga. Dort waren Juden aus Nordrhein-Westfalen ermordet worden. Am 29. Juni wird die Gedenkstätte in Malyi Trostenez nahe dem weißrussischen Minsk eröffnet, dorthin wurden Bremer Juden deportiert. In der Ausstellung wird auch an ihr Schicksal erinnert.

Daran beteiligt sich der Volksbund ebenfalls finanziell. Der Verband engagierte sich aber auch für die Ausstellung "Vernichtungsort Malyi Trostenez, Geschichte und Erinnerung", die 2017 in der Unteren Rathaushalle zu sehen war. Auch hier bot der Volksbund Führungen für Schulklassen an.

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Die Jugendlichen, die sich ehrenamtlich für den Volksbund engagieren, übernehmen aber auch immer wieder Patenschaften für Stolpersteine auf Gehwegen. "Erst jüngst hatten wir den Fall, dass Angehörige aus den USA nach Bremen kamen, um das Grab ihres Vaters auf dem alten jüdischen Friedhof zu besuchen", erzählt Isa Nolle. "Sie waren sehr berührt davon, dass sich die Jugendlichen mit dem Schicksal ihrer Familie beschäftigt haben", sagt sie. Dieses persönliche Erlebnis sei auf beiden Seiten mit Tränen und vielen Emotionen verbunden gewesen. "Das sind dann meine Volksbund-Momente", so Isa Nolle.

Führungen werden von Bildungsreferentin Anke Büttgen auch zu den Kriegsgräberstätten auf dem Osterholzer Friedhof angeboten. Dass das Feld K eigens für 577 Kriegstote angelegt wurde, ist vielen nicht bekannt. Es ist eine Bremer Besonderheit, dass dort Zwangsarbeiter, die beim Bau des Bunkers Valentin ums Leben kamen, genauso wie Ermordete aus Konzentrationslagern und Bremer, die im Zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen starben, neben Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkriegs beigesetzt wurden.

Auch eine ehemalige U-Boot-Besatzung aus dem Ersten Weltkrieg wurde dort begraben. 1947 legte der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen während einer Gedenkwoche für die Opfer des Faschismus eine Urkunde in den Grundstein, die mit folgenden Worten endet: "Im Tode sind alle Menschen Brüder. Mögen sie lernen, es auch im Leben zu sein!"

Jugendliche pflegen die Vergangenheit

Um den Opfern ein Gesicht zu verleihen, arbeiten Schüler die Biografien der Kriegstoten auf. Ab 2019 soll eine Informations-Tafel auf dem Friedhof an die Toten erinnern. "Viele Zeitzeugen sind inzwischen gestorben oder schon sehr alt. Umso wichtiger ist es, dass die Erinnerungsarbeit weiter lebt. Für die Jugendlichen ist das ein ganz anderer Zugang zur Geschichte und eine Mahnung, dass es nie wieder Krieg geben darf", sagt Isa Nolle.

Mit Biografien wird auch bei der Pflege von Kriegsgräbern in England, Frankreich oder Riga gearbeitet. Jugendliche aus verschiedenen Nationen verbringen ihre Sommerferien in Workcamps, so Nolle. Inzwischen seien Tausende von Jugendlichen durch die Versöhnungs- und Friedensarbeit miteinander in persönlichen Kontakt gekommen.

Und noch ein Projekt hat der Volksbund anlässlich der drei Jahrestage initiiert: "Toter sucht Angehörigen". Gerade durch die intensive biografische Arbeit könnten immer wieder Kriegstote identifiziert werden, wenn es etwa in Osteuropa zur Exhumierung von Toten und zur Zusammenlegung von Gräbern komme.

"Trauer braucht einen Ort", sagt Isa Nolle. "Viele sind dankbar dafür, wenn sie ihre Familiengeschichte vervollständigen können. Angehörige können sich gerne an uns wenden". Kooperiert werde in diesem Jahr besonders mit dem Allgemeinen Turn- und Sportverein Bremen von 1860, dessen Präsident lange Zeit Isa Nolles Vater Siegfried Falke war. "Viele Sportler waren Mitglied im 75. Bremer hanseatischen Regiment, und im Archiv von Bremen 1860 gibt es noch viele Originaldokumente dazu", berichtet die Geschäftsführerin.

Über Jahrzehnte hinweg wurde vom Volksbund die Musikschau der Nationen organisiert und veranstaltet, die jedes Jahr im Januar in der ÖVB-Arena und zuvor in der Stadthalle über die Bühne gegangen war. Die Organisation dieses mehrtägigen Festivals habe allerdings viel Zeit und Energie gekostet, räumt Isa Nolle ein. "Wir konzentrieren uns jetzt wieder auf unsere Kernaufgaben", betont sie. Das Benefizkonzert der Bundeswehr zugunsten des Volksbundes soll künftig jedes Jahr veranstaltet werden.

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