Bremer Diskotheken-Urgestein Bernhard "Natz" Linnenbaum sagt dem "Aladin" adieu

Bremen. 34 Jahre lang hat Bernhard "Natz" Linnenbaum die Diskothek "Aladin" erfolgreich betrieben. Jetzt tritt der Mann hinter der "Rock'n'Roll-Bude" ab.
20.06.2011, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von York Schaefer

Bremen. Eine Kneipe wollte er schon immer haben, dieser Bernhard "Natz" Linnenbaum, schon als Kind. Vielleicht war es der Wunsch, immer Menschen verschiedener Herkunft um sich zu scharen, wie in seiner Kindheit als Enkel eines umtriebigen westfälischen Kleinunternehmers.

Vielleicht war es auch das Aufbegehren des ehemaligen Klosterschülers und langjährigen Betreibers der Diskothek "Aladin" während der bewegten Sechzigerjahre gegen die bürgerliche Enge des Elternhauses und einer ungewollten Zukunft in deren Strickwaren- und Trikotagefabrik.

Die wilde Welt des Großvaters war spannender: Kolonialwaren- und Kokshändler war der, Bierbrauer und Kneipier. Und Steppke Bernhard war immer mittendrin damals, hatte "immer was zu essen und zu trinken, immer High Life in Ghana".

Es ist nicht der einzige altmodisch markige Spruch, den Linnenbaum an diesem Nachmittag raushaut. 59 Jahre ist er alt, der Noch-Inhaber des Aladin, ein stämmiger Mann und kerniger Charakterkopf, ein Clubbetreiber der alten Schule, ehemaliger Harley-Fahrer und ewiger Rock 'n' Roller. Ein strahlend weißes Hemd trägt er, mit goldenen Manschettenknöpfen, dazu eine schwarze Weste, über die das weiß-graue Haar nach hinten fällt, zu einem langen, sehr langen Zopf gebunden. Konventionell wahrscheinlich für Teile seiner Zunft, unkonventionell für den Rest der Welt.

Aus dem "High Life in Ghana" jedenfalls, dem Kneipenwunsch des Bernhard Linnenbaum, wurde erst die Diskothek "Albatross" in Rheine-Mesum und schließlich ab 1977 das "Aladin". Der Volksmund nennt das Haus in der Hannoverschen Straße in Hemelingen auch "Dröhn" wegen seiner legendären Lautstärke, oder einfach nur "Rock 'n' Roll-Bude", wie auch Linnenbaum sein Baby bezeichnet. Auf jeden Fall ist es schon jetzt ein Mythos in der norddeutschen Clublandschaft, auch wenn der Charme in den vergangenen Jahren etwas an Glanz verloren hat.

Nun tritt Bernhard Linnenbaum ab. Ein Urgestein der Bremer Gastronomen-Szene nimmt seinen Hut. Nach 34 Jahren, gut 1000 Konzerten von Accept, den Einstürzenden Neubauten und Nino de Angelo über Motörhead, Pestilence und Peter Maffay bis zu Rio Reiser, Roland Kaiser, Xavier Naidoo und Zeltinger. Nach Hunderten von "Dröhnnächten" und Mottopartys die erst in der Aladin Music Hall, ab 1993 mit dem Techno auch im angrenzenden "Tivoli" und den Locations "Party Point" und "Roadhouse" über die Bühne gingen.

"Ich muss hier nicht in meinen Schuhen sterben", sagt Linnenbaum in der Raucherkneipe des Clubs mit ihrer Einrichtung aus tief hängenden, barock verzierten Lampen, roten Samtvorhängen und kitschigen Fantasy-Malereien im Holzrahmen. Aus der Zeit gefallen könnte man diese Art Deko nennen oder auch einfach: zeitlos.

"Schwer bedanken", sagt Linnenbaum, müsse er sich bei seinen Gästen, die ihm teils über Jahrzehnte die Treue gehalten haben. "Manche der Jungs sind 70 Jahre alt, die spielen hier seit 30 Jahren jeden Freitagabend Billard", schwärmt er. Mit den "Jungs" ist er gemeinsam älter geworden. Linnenbaums Stimme schwankt, wenn er erzählt, zwischen kehlig und tief brummend, die Zigaretten aus dem kleinen blauen Kästchen fordern ihren Tribut.

Dass dem gelernten Industriekaufmann das Albatross in seiner westfälischen Heimat nicht gereicht hat, lag an der dortigen Sperrstunde. Um ein Uhr war damals Zapfenstreich. Natz Linnenbaum wollte mehr, einen richtigen Club. Also hat sich der damalige Mittzwanziger mit seiner Frau ins Auto gesetzt und wurde in Bremen fündig. Das "Luers Tivoli" mit Ballsaal und Stummfilmkino hatte nach fast hundertjähriger bewegter Geschichte gerade geschlossen.

Linnenbaum griff zu. "Gesehen, verliebt, gekauft", erinnert er sich. Sandkasten- und Schulfreunde zogen mit nach Bremen, Tag und Nacht wurde an dem alten Gemäuer gewerkelt. Man lebte, wohnte und arbeitete zusammen. Das Aladin wurde schnell zur Institution. "Rockmusik, Motorräder, Leder", bringt es der Boss auf den Punkt. Angesprochen auf die schweren Jungs in seinem Laden beschwichtigt er: "So wild unser Publikum aussah, so nett und freundlich war es eigentlich. Ist ja ne Amüsierbude, keine Boxbude." Wieder so ein Spruch.

Hoch her ging's trotzdem immer mal wieder. Iggy Pop, der sich auf der Bühne in einem Anflug von Selbstzerstörung früher gern mal selber verletzte, floh vor aggressiven Flaschenwerfern; die Mitglieder einer kalifornischen Metalband ließen sich die Würfe nicht gefallen und vermöbelten gemeinsam den Störenfried. Danach gab's nur noch Bier in Bechern. Musikalisch schwer beeindruckt hat Linnenbaum - das hätte man nicht unbedingt erwartet - Chuck Mangione, ein Jazzer am Flügelhorn.

Nostalgische Gefühle will Bernhard Linnenbaum trotz der 34 Jahre Aladin nicht aufkommen lassen. "Besser wird's nicht mehr", sagt er und ist sich sicher, dass er würdige Nachfolger gefunden hat. "Keine Durchgeknallten, die aus dem Laden eine Achterbahn machen." Auch mal einfach Gast sein will er und sich um seine Enkel kümmern. "Ich weiß es noch nicht, vielleicht fahr ich Fahrrad". Oder vielleicht doch noch mal Harley.

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