Ausstellung am Sonntag in Osterholz Besondere Würdigung einer Lebensleistung

Osterholz·Findorff. Die in Findorff lebende Künstlerin Ingrid Kemnade hat mit ihrer älteren Schwester Waltraut 100 Sprichwörter und Redensarten, mit denen ihre verstorbene Mutter erzogen hat, auf fantasievoll-vielfältige Weise in Kleinformaten bebildert.
23.08.2010, 08:20
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Besondere Würdigung einer Lebensleistung
Von Ulrike Troue

Osterholz·Findorff. Alleinerziehend mit zwei Töchtern und als Krankenpflegerin in der Psychiatrie beschäftigt hat Änne Kemnade bereits ab Anfang der 1950er Jahre Emanzipation (vor-)gelebt. Das ist Waltraut und Ingrid Kemnade erst 2002 nach dem Tod ihrer 93-jährigen Mutter zusehends bewusst geworden. Und sie würdigen die Lebensleistung ihrer Mutter nun in einer ganz besonderer Weise.

Den 100. Geburtstag von Änne Kemnade im vergangenen Sommer wollten die Schwestern gebührend mit Familie, Freunden und ehemaligen Weggefährten von Änne Kemnade feiern, um ihrer Mutter posthum die Ehre zu erweisen wie sie großen Dichtern und Denkern zuteil wird. 'Ich find?s schön für meine Mutter', fasst Ingrid Kemnade tiefste Verbundenheit in Worte.

So kam den Schwestern die Idee, 100 Sprichwörter, Redensarten und Sprüche aus ihren Kindertagen zusammenzutragen. 'Mit diesen Lebensweisheiten wurden meine Schwester und ich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts erzogen', berichtet Ingrid Kemnade - neben dem Vorbild, das die Mutter selbst war.

Malgründe und Material vielfältig

Die heute in Findorff lebende Künstlerin hat dann dazu im Urlaub Bilder gezeichnet und gemalt - auf verschiedene Malgründe mit verschiedenen Materialien - und abfotografieren lassen. Daraus ist ein wunderbarer Band für die Familie entstanden. Von den 100 Memoiren-Miniaturen stellt die 66-Jährige nun 60 beim Ellener Dorffest aus. Denn jahrzehntelang hat ihre Mutter Änne Kemnade in Osterholz gewohnt, gewirkt und nach ihrem Lebensmotto 'Nicht ärgern, nur wundern!' gelebt, das zugleich der Titel der sehenswerten Ausstellung ist.

Diesen Spruch im kleinen Holzrahmen habe ihre Mutter immer irgendwo hängen gehabt, erinnert sich Ingrid Kemnade. 'Die Ideen zu einigen Bildern fand ich in Kinderbüchern, Zeitungsartikeln, auf Buchumschlägen oder Plakaten', erzählt die 66-Jährige. Da die Künstlerin in erster Linie großformatig und abstrakt arbeitet, war die Auseinandersetzung mit realistischen, naturalistischen Abbildungen im 20 mal 20 Zentimeter Kleinformat eine besondere Herausforderung für die Findorfferin.

Wie spannend dieser Prozess der Auseinandersetzung mit dem Lebensweg der Mutter und dem eigenen Werden war, lässt sich an den sehr unterschiedlichen Bildern ablesen. So hat Ingrid Kemnade zum Beispiel das Sprichwort 'Der Klügere gibt nach' mit zwei Skatspielern als Bleistiftzeichnung illustriert. Bonbonpapier in kräftigen Farben und Goldfolien hat sie zum Spruch 'Es ist nicht alles Gold, was glänzt' als Collage arrangiert. Die Redensart 'Langes Fädchen, faules Mädchen' findet ihren Niederschlag in der Hommage in fröhlichen Farben und Fäden in Mischtechnik.

Die bunte Einmachglasriege zu dem Spruch 'Spare in der Zeit, dann hast Du in der Not' stellt wieder ganz persönlichen Bezug für die Findorfferin her. Denn in ihren Kindertagen wurde alles, was der Garten hergab, verwertet. Andere Verse rufen bei ihr konkrete Situationen wieder ins Gedächtnis. 'Die waren auf mich gemünzt', gibt sie freimütig zu. Sie sei oft ungestüm gewesen und hätte häufig etwas kaputt gemacht. Diese Dilemmas habe ihre Mutter mit 'Ungeschick lässt grüßen' kommentiert, schildert die 66-Jährige.

Als eher pummeliges Kind habe sie auch 'Eine kleine Dickmadame' zu hören bekommen. Die putzig-naive Bebilderung durch Elefanten in der Bimmelbahn spiegelt das im Kern liebevolle Verhältnis zwischen Mutter und Tochter wider. Auch wenn Ingrid Kemnade es nicht ausspricht, kommt dieses in der Schilderung der Biografie ihrer Mutter, deren Wertvorstellungen, Selbstständigkeit, Güte, Toleranz, Gastfreundlichkeit und Fröhlichkeit sie und ihre acht Jahre ältere Schwester geprägt haben, durchgängig zum Ausdruck. Dabei besinnt sich die Tochter keineswegs verklärend auf ihre Wurzeln, sondern hinterfragt so manches.

Änne Kemnade scheint Entschlossenheit in die Wiege gelegt worden zu sein. Als eines von acht Kindern 1909 in Waldkappel geboren stand für sie schon im Mädchenalter der Berufswunsch fest: Krankenschwester, um dann zu Albert Schweitzer nach Lambarene reisen zu können. Mit 14 Jahren verließ Änne Kemnade die Schule und ging in Recklinghausen als Haushaltshilfe in Stellung. Mit ihrer Volljährigkeit - im Alter von 20 Jahren - erfüllte sich 1929 ihr Wunsch: Änne Kemnade begann in der Heil- und Pflegeanstalt Ellen in Osterholz die Ausbildung zur Krankenpflegerin. Dort lernte sie ihren Mann kennen, einen Krankenpfleger. Nach der Heirat 1933 bezog das Paar eine Wohnung im Osterholzer Möbelhaus Hilken und dann 1939 eines der kleinen Häuser am Oewerweg. Vier Jahre zuvor war Tochter Waltraut geboren.

Ab 1951 - nach Krieg und Scheidung - entpuppte sich Änne Kemnade aus Sicht ihrer Töchter erst recht als 'starke Frau'. Sie hat nun in der städtischen Nervenklinik in Osterholz gearbeitet, um das Haus zu halten und die Kinder - 1944 war die zweite Tochter Ingrid zur Welt gekommen - versorgen zu können. Änne Kemnade hat in der arbeitstherapeutischen Gruppe für Menschen mit Neurosen, Depressionen, Schizophrenie und Suchtkranke in der Schälküche gearbeitet. 'Immer mit scharfen Messern', fügt Ingrid Kemnade hinzu. Ein Schützling aus der Familienpflege hat zudem über Jahre bei ihnen gewohnt.

'Wir fragen uns heute, wie sie das nur gemacht hat und finden das bewundernswert, wie sie das gemeistert hat', gesteht Ingrid Kemnade. Sie hat vor allem die Lebensfreude ihrer Mutter vor Augen, die sie trotz der vielen Arbeit und des geringen Verdienstes ausgestrahlt hätte. Sonntags hätte sie sich immer Zeit für die Kinder genommen - zum Spielen oder für Ausflüge. 'Wir mussten auf nichts verzichten', stellt Ingrid Kemnade in dankbarer Erinnerung fest. Besonders das Bestreben, die Mädchen zur Selbstständigkeit zu erziehen und ihnen Bildungswege, den Besuch des Gymnasiums, zu ermöglichen, führt sie an.

Das berufliche Engagement von Änne Kemnade fand auch von anderer Seite Anerkennung. Zu deren Pensionierung 1969 hätten sich Patienten persönlich durch Bilder und Gedichte bedankt, erzählt Ingrid Kemnade, habe die Klinikleitung herausgestellt, dass ihre Mutter sich mit Güte durchsetzen konnte, ihr Einfühlungsvermögen attestiert und anerkennend festgestellt, dass sie schwierigen Situationen nie ausgewichen sei. Eine große Ehre war die Wahl zur verdienten Bürgerin der Stadt Bremen 1964. Als eine von 20 ausgewählten Bürgern durfte Änne Kemnade einen Kuraufenthalt in Italien verleben.

So einen Urlaub hatte sie sich bis dahin nie ermöglichen können. Damit war ihre Reiselust geweckt. Ab dem 70. Geburtstag von Änne Kemnade sind die Töchter jedes Jahr einmal mit der Mutter verreist. 'Das hat sie richtig genossen', ist Ingrid Kemnade überzeugt. Bis zum 90. Geburtstag hat Änne Kemnade noch im Oewerweg gewohnt. Die letzten beiden Lebensjahre bis zu ihrem plötzlichen Tod verbrachte sie in der Egestorff-Stiftung. 'Und an ihrem nächsten Geburtstag gehen meine Schwester und ich wieder ans Grab und singen für sie', spricht Ingrid Kemnade ein wichtiges Ritual an.

Die Ausstellung 'Nicht ärgern, nur wundern' mit bebilderten Sprichwörtern, Redensarten und Sprüchen von Änne Kemnade (1909 - 2002) ist beim Ellener Dorffest am Sonnabend, 28. August, von 11 bis 17 Uhr in der Albert-Einstein-Schule, Kolk 2, im Ellener Feld in Osterholz zu sehen

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