Harry S. aus Bremen

Besuch bei einem Daesch-Kämpfer

Als er jung war, wollte er Fußballprofi werden. Doch aus Harry S. wurde ein Mann, der nach Syrien reiste, um sich beim Daesch an der Waffe ausbilden zu lassen. Jürgen Hinrichs hat ihn im Gefängnis besucht.
16.06.2016, 22:38
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Besuch bei einem Daesch-Kämpfer
Von Jürgen Hinrichs
Besuch bei einem Daesch-Kämpfer

Harry S. hat die Taten gestanden, die ihm vorgeworfen werden. Ihm drohen bis zu zehn Jahren Gefängnis.

Frank Thomas Koch

Als er jung war, wollte er Fußballprofi werden. Doch aus Harry S. wurde ein Mann, der nach Syrien reiste, um sich beim Daesch an der Waffe ausbilden zu lassen. Jürgen Hinrichs hat ihn im Gefängnis besucht.

Monatelang hat er so gut wie gar nicht geredet. Allenfalls mit den Frauen und Männern im Gefängnis, die ihn bewachen, nicht aber mit den Häftlingen, die im gleichen Trakt ihre Strafe absitzen.

Es ist die Sicherheitsabteilung der Justizvollzugsanstalt in Oldenburg. Der Platz für die ganz schweren Jungs, und als mutmaßlicher Terrorist gehört er dazu. Harry S., ein Bremer, der nach Syrien ausgereist ist, um für den Daesch zu kämpfen. Am kommenden Mittwoch beginnt in Hamburg der Prozess gegen den 27-Jährigen.

Isolationshaft – das gibt es im Norden nur in Oldenburg, deswegen ist Harry S. dort und nicht in Bremen. Die Überwachung ist total. Ein permanenter Ausnahmezustand und so streng reglementiert, dass den Gefangenen nur eines bleibt: Sie müssen sich ergeben, eins werden mit den täglichen Abläufen, denen sie ausgeliefert sind. Sie müssen sich auf sich selbst zurückziehen, weil sie andere nicht haben. Sie schweigen, weil es keinen zum Reden gibt.

Harry S. drohen bis zu zehn Jahre Gefängnis

An diesem Tag ist das anders. Harry S. bekommt Besuch von den Medien. Nach etlichen Wochen Vorbereitung und vielen Schriftwechseln werden sie vorgelassen, um sich einen Eindruck von dem Mann zu verschaffen, dem vorgeworfen wird, Mitglied einer ausländischen terroristischen Vereinigung gewesen zu sein, wie es in der 84 Seiten starken Anklageschrift heißt. Ihm drohen deshalb bis zu zehn Jahre Gefängnis. Zwei Fernsehsender und der Reporter des WESER-KURIER können getrennt voneinander und unter Aufsicht des Bremer Staatsschutzes und der Bediensteten im Gefängnis ihre Fragen stellen.

Harry, der zuletzt wegen einer anderen Sache vor Gericht in Hand- und Fußfesseln vorgeführt wurde, kann sich frei bewegen. Man hat im Besucherraum ein Auge auf ihn, aber sonst ist es wie beim Plausch im Café, nur dass Gitter vor den Fenstern sind. Reden, das hat er drauf, er ist eloquent, es ist seine Geschichte – die von Harry S., der in Bremen in Osterholz-Tenever aufgewachsen ist und für den es eigentlich zunächst sehr gut lief.

Seine Eltern kommen aus Ghana. Die Mutter ist tief katholisch, sie geht regelmäßig in die Kirche, nimmt am Gemeindeleben teil, und irgendwann tun es auch die Kinder. „Ich war immer religiös“, sagt Harry S., „auch als Katholik.“ Jeden Sonntag zum Gottesdienst, oft auch noch am Mittwoch. Die Kommunion – eine Selbstverständlichkeit. Doch später, als die Familie nach London geht, genügt ihm diese Glaubenspraxis nicht mehr. „Ich hatte das Gefühl, mit dem Islam noch näher an Gott zu sein. Mir hat es gefallen, fünfmal am Tag zu beten und die Fastenzeit einzuhalten. Ich mochte die Gemeinschaft in den Moscheen.“ Er konvertiert, die Mutter ist entsetzt, wirft ihn aus dem Haus, nimmt ihn später aber wieder auf. In London ist zuletzt alles in Ordnung. Er macht auf einem Technik-College seinen Abschluss, ist wie vernarrt hinter Fußball her, ein großer Fan der Tottenham Hotspurs, heute noch, und hofft auf eine Profikarriere als Torwart. „Die Begabung hatte ich, da können Sie jeden fragen.“

Der Beweis ist die Aussage eines Mittäters

Jetzt aber steht er nicht im Tor, sondern sitzt im Gefängnis. Es ist nicht das erste Mal. Vor sechs Jahren hat er mit den Kumpel aus Kindheitstagen einen Supermarkt überfallen, die Strafe: zwei Jahre. Weil er die Bewährungsauflagen nicht erfüllte, musste er die Haft antreten. In diesem Jahr ist er wegen eines gemeinschaftlichen Überfalls auf ein Ehepaar in Oyten zu vier Jahren verurteilt worden. Der Beweis ist die Aussage eines Mittäters. Harry S. bestreitet die Tat, sein Anwalt hat Revision eingelegt.

Doch was ist passiert? Warum ist aus einem jungen Mann, der viel aus seinem Leben machen wollte, Halt in der Familie fand und in der Religion, ein Krimineller geworden, vielleicht sogar ein Terrorist?

Die Justizvollzugsanstalt in Oldenburg hat einen Sicherheitsbereich mit zehn Zellen für Straftäter oder Tatverdächtige, die als besonders gefährlich oder gefährdet gelten.

Die Justizvollzugsanstalt in Oldenburg hat einen Sicherheitsbereich mit zehn Zellen für Straftäter oder Tatverdächtige, die als besonders gefährlich oder gefährdet gelten.

Foto: Frank Thomas Koch

Der Angeklagte erklärt das mit dem Tod seines besten Freundes, „er war mehr, er war mein Bruder“. Das habe ihn total aus der Bahn geworfen. „Wir hatten Pläne zusammen, wollten uns etwas aufbauen.“ Er sei dann von London zurück nach Bremen gekommen, um der Familie seines Freundes zu helfen. „Der Fehler war, dass ich geblieben bin.“ Die Kurve ging plötzlich nach unten, so stellt er das dar. Freunde, aber die falschen. „Ich bin faul geworden, dick und träge.“ Nur noch rumhängen, und dann eben der Überfall auf den Supermarkt.

Im Gefängnis sei es dann passiert. „Ich war vorher ein moderater Moslem.“ Später nicht mehr. Harry S. schiebt es auf einen einzelnen Mann, jemanden, der zu der Zeit als verurteilter Terrorhelfer und Islamist in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen seine Strafe von dreieinhalb Jahren abbrummt. „Dieser Mann hat eine Anziehungskraft, das können Sie sich nicht vorstellen.“ Seine Auffassung vom Islam, die Radikalität und Gelehrtheit: „Er kannte auf alle Fragen eine Antwort.“ Jeden Tag hätten sie zusammen gebetet, gekocht und gegessen. Jeden Tag den Koran interpretiert. „Der Islam als Glaube der Liebe – und des Hasses gegen Andersgläubige.“

Ganz auf Linie

Es ist der Salafismus. Einer, der so extrem ausgelegt wird, dass er in die Gewalt führt. In Bremen gab es bis zu seinem Verbot den Kultur- und Familienverein (KuF), der dieser Ideologie gefolgt ist. Harry S. schließt sich dem Verein an. Er ist jetzt ganz auf Linie. Doch nicht lange, wie er schildert. „Ich habe gemerkt, wie falsch, heuchlerisch und menschenfeindlich diese Art des Glaubens ist.“ Er will sich davon lösen, will seine Ruhe, und schafft es auch. Ein neues Zuhause mit seiner Frau, hoffentlich bald eine Arbeit, ein geregeltes Leben.

Alles gut – bis die Polizei kommt. Seine Wohnung wird durchsucht, mehrmals, er erlebt Schikanen. Die Ermittler glauben, dass er weiterhin zum KuF gehört und dort eine wichtige Rolle spielt. Dass er mit dafür verantwortlich ist, wenn immer wieder Menschen aus dem Dunstkreis des Vereins nach Syrien reisen, um für den Daesch zu kämpfen. Ein Verdacht, den Harry S. nicht nachvollziehen kann, er hält das nicht aus, seine Frau auch nicht. Zum Schluss ist da nur noch Wut: „Wenn ihr unbedingt wollt, dass ich ein Terrorist bin, okay, dann werde ich eben einer.“

Das ist seine Version. Die Behörden werden eine andere haben. Unmöglich zu sagen, welche davon die richtige ist. Das Gericht in Hamburg – Hamburg deshalb, weil es dort am Oberlandesgericht anders als in Bremen einen Staatsschutzsenat gibt – wird das Gesamtbild betrachten und eine Bewertung vornehmen. Es wird aber vor allem die konkreten Vorwürfe untersuchen. Harry S. war in Syrien. Er hat beim Daesch eine Kampfausbildung bekommen, ohne allerdings eingesetzt worden zu sein. Er war dabei, als zwei Gefangene der Terrororganisation exekutiert wurden. Er hat als Fahnenträger in einem Propagandavideo mitgewirkt, in dem dazu aufgerufen wird, in Deutschland „Ungläubige“ anzugreifen und zu töten.

Harry S. streitet nichts davon ab. Er hat dem Verfassungsschutz und den Ermittlern des Generalbundesanwalts ausführlich auf ihre Fragen geantwortet und will das auch vor Gericht tun. „Die Jugend soll erfahren, wie man manipuliert werden kann“, sagt er, „ich habe mit eigenen Augen gesehen, wohin das führt.“

Es gibt nichts, das als Waffe benutzt werden könnte

Dann ist der Besuch beendet. Harry S. wird von den Beamten abgeführt und zum Trakt mit den zehn Zellen gebracht. Hinter jeder Tür sitzt ein Schwerverbrecher. Ein unheimlicher Ort. Sehr still. Gegessen wird in den Zellen mit Plastikbesteck. Die Aschenbecher sind aus Kautschuk. Es gibt kein Glas, kein Metall, nichts, was als Waffe benutzt werden könnte.

Den Mann aus Bremen haben sie dort untergebracht, weil er nach Auffassung der Sicherheitsbehörden im Gefängnis in Oslebshausen gefährdet wäre. Es gibt in dem Knast Männer aus der Salafisten-Szene, die ihm nach dem Leben trachten könnten, weil er ausgesagt hat. Von Mittwoch an tut Harry S. es noch mal, vor Gericht, angesetzt sind zehn Verhandlungstage.

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