Kämpferin gegen die Genitalverstümmelung

Betroffene bricht das Schweigen

Weibliche Genitalverstümmelung ist weltweit verbreitet. Die auch in Deutschland davon betroffenen Frauen haben oft keine Lobby. Das will die Menschenrechtsaktivistin Fadumo Korn ändern.
14.10.2019, 21:27
Lesedauer: 5 Min
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Betroffene bricht das Schweigen
Von Sigrid Schuer
Betroffene bricht das Schweigen

Fadumo Korn ist durch und durch Bayerin. 2012 gründete sie den Verein "Nala", der Aufklärungsarbeit zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung leistet.

Koch

„Wir sind Schwestern“, sagt Fadumo Korn und lächelt, wenn sie über die in Kirchweyhe geborene Katja Riemann spricht. Seit mehr als 20 Jahren kämpfen sie Seite an Seite gegen einen Brauch, der Millionen Frauen überall auf der Welt das Leben kostet: die weibliche Genitalverstümmelung. Die Schauspielerin ist Schirmherrin des Vereins Nala – Bildung statt Beschneidung, den Fadumo Korn 2012 gegründet hat. „Nala“ bedeutet in der Sprache der Kisuaheli „Löwin“. „Wir haben diesen Namen gerade deshalb gewählt, weil wir wie die Löwinnen kämpfen“, sagt die Menschenrechtsaktivistin nun bei einem Besuch in Bremen.

Der Verein Nala betreibt Aufklärungsarbeit und Sensibilisierungskampagnen zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung in Deutschland, aber auch in und um Ouagadougou in Burkina Faso. Ziel ist die weltweite Abschaffung der Mädchen- und Frauenbeschneidung (Female Genital Mutilation FGM) mit Hilfe von Bildung und Aufklärung. Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge sind etwa 200 Millionen Frauen und Mädchen weltweit von Genitalverstümmelungen betroffen. „25 Prozent der Betroffenen sterben daran“, sagt Fadumo Korn.

Verstümmelung ist ein Asyl-Grund

Aufgrund der starken Zuwanderung ist die Zahl der in Deutschland lebenden, genitalverstümmelten Frauen nach ihren Angaben zuletzt noch einmal gestiegen. Aktuell seien geschätzt 58.000 Frauen betroffen und mindestens 13.000 weitere Mädchen gefährdet, weil es demnach auch hierzulande eine illegale Beschneider-Szene gebe. Was den Betroffenen bei ihrer Ankunft in Deutschland oft nicht vermittelt werde: Drohe den Frauen in ihrer Heimat eine Beschneidung, sei dies ein Asyl-Grund. „Es fehlt an Kulturmittlerinnen und Dolmetscherinnen“, sagt Korn.

Das Thema unterliegt oft noch dem Gebot des Schweigens. So ist es nicht einfach, eine Frau zu finden, die bereit ist, über das traumatische Erlebnis der Beschneidung und deren Folgen zu reden. Zu groß ist die Scham, zu groß sind die Ängste, Schande über die eigene Familie zu bringen oder von der eigenen Gemeinde verstoßen zu werden. Fadumo Korn ist eine der wenigen Betroffenen, die spricht. Die für ihr Engagement mehrfach ausgezeichnete Menschenrechtsaktivistin, die hauptberuflich als Kulturmittlerin und Dolmetscherin arbeitet, war jüngst in der Hansestadt zu Gast, um auf Einladung der FDP-Fraktion und von Pro Familia über das Thema zu sprechen. Die gebürtige Somalierin, seit 36 Jahren mit einem Münchner verheiratet, wischt mit ihrem bayerischen Akzent und ihrer lebensbejahenden Art alle Peinlichkeiten weg.

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Denn die Praxis einer Genitalverstümmelung, so wie Korn sie beschreibt, ist nichts für schwache Nerven: Dabei werden den Mädchen ohne Narkose und ohne medizinische Versorgung die Klitoris und die inneren Schamlippen herausgeschnitten. Die äußeren Schamlippen werden entweder geritzt, geschält oder ebenfalls entfernt. Durch den Eingriff wird die Harnröhre, die direkt unter der Klitoris sitzt, verletzt. Dann werden die verbliebenen Hautreste zusammengenäht bis auf eine vier bis sechs Millimeter kleine Öffnung, sodass eine verschlossene, komplett blanke Vagina übrig bleibt. Aus dieser Öffnung müssen fortan Urin und Menstruationsblutung abfließen.

So schildert es Korn in ihrer an Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) gerichteten Petition, die inzwischen von mehr als 72.000 Menschen unterzeichnet wurde. Darin wird Giffey aufgefordert, diese Praxis in Deutschland zu beenden und sich für ein Aktionspaket für mehr Aufklärung rund um die Genitalverstümmelung einzusetzen. Dass die Beschneidung von Frauen seit 2013 in der Bundesrepublik gemäß Paragraf 226a ein Straftatbestand sei, reiche bei weitem nicht aus. Denn, so Korn weiter, Genitalverstümmelung werde illegal auch in Deutschland praktiziert, vor allem in Hessen, aber auch in Bayern.

"Wochenlang kämpfte ich mit dem Tod"

Sie weiß, wovon sie spricht. „Meine Mutter und Tante hielten mich fest, als ich mit sieben Jahren beschnitten wurde. Die Wunde entzündete sich. Wochenlang kämpfte ich mit dem Tod“, erinnert sich die Menschenrechtsaktivistin an ihr Kindheitserlebnis. Offensichtlich sei eine Kurpfuscherin, eine alte Frau, die kaum etwas habe sehen können, am Werk gewesen. „Wenn ich meine Periode bekam, fühlte sich das an, als ob ein wildes Tier in meinem Inneren wüten würde. Ich konnte weder lernen noch arbeiten, ich schrie nur noch“, sagt die Kulturmittlerin.

Fadumo Korn wurde wie Waris Dirie, eine weitere prominente Vorkämpferin gegen FGM, als Nomadin in Somalia geboren. Dort werden 98 Prozent aller Mädchen beschnitten. Oft sind es dabei die Großmütter und Mütter, die darauf bestehen, dass die kleinen Mädchen beschnitten werden, da ihre Heiratschancen sonst gegen null tendieren. Und das, obwohl sie selbst das damit verbundene Martyrium durchlitten haben. Viele Kinder und Mütter schafften es indes nicht, so Korn, sie stürben bei der Geburt, weil die Mutter beschnitten sei und dies zu unweigerlichen Komplikationen führe. Auch bei der Beschneidung selbst verbluteten viele Betroffene.

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„Anders als oft behauptet, hat diese Art der Beschneidung nichts mit der Religion zu tun: Sie ist ein gesellschaftliches Problem“, sagt Korn. So werde diese auch in Südamerika, in Israel oder in Australien und in den USA praktiziert. Ein unverhohlener Angriff auf die sexuelle Selbstbestimmung der Frauen, so Korn. Besonders erschüttert habe sie der Fall einer Jüdin, an der – wie an vielen anderen jüdischen Mädchen – Nazi-Ärzte mit genitaler Verstümmelung experimentiert hätten.

2013 gründete Fadumo Korn daher einen weiteren Verein Nala Mädchen, in dem sie Mädchen aus verschiedenen afrikanischen Staaten und Afghanistan, die größtenteils als unbegleitete Geflohene nach Deutschland gekommen sind, eng betreut – gerade, wenn diese sich dazu durchringen, sich einer Operation zur Rekonstruktion ihrer Vulva zu unterziehen. „Es geht darum, ihnen mit Empowerment den Rücken zu stärken“, sagt die 55-Jährige.

Aufklärung und Bildung unerlässlich

Korn arbeitet ehrenamtlich. „Es ist eigentlich beschämend, dass das alles nur über Spenden finanziert wird“, sagt sie und fügt hinzu: „Ich weiß, wie die Mädchen sich fühlen“. All deren Traumata und Schmerzen habe sie selbst durchgemacht: die panische Angst vor dem Geschlechtsverkehr, vor dem Urinieren oder vor der Geburt ihres Kindes. Der Kritikpunkt der Menschenrechtsaktivistin: Oftmals liege der Schwerpunkt der Betreuung auf geflüchteten jungen Männern. „Wir stolzen afrikanischen Frauen haben dagegen keine Lobby“, sagt sie.

Hier setzt Korn an: In ihrem Aktionspaket fordert sie eine verpflichtende Weiterbildung für berufstätige Gynäkologen, Kinderärzte, Hebammen, Lehrer, Sozialarbeiter, Kindergärtner, Juristen und Polizisten. Zwecks Prävention müsse die Problematik schon im Studium thematisiert werden. Und noch etwas liegt der Menschenrechtsaktivistin sehr am Herzen: Alle weiblichen Einreisenden aus betroffenen Ländern sollten ein Informationsblatt zur Strafbarkeit von FGM in Deutschland sowie zu Möglichkeiten der Behandlung in verschiedenen Sprachen erhalten.

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