Flüchtlinge ziehen in die Halle 4 Betten statt Messestände

Weil immer mehr Flüchtlinge nach Bremen kommen, muss die Behörde zeitweise auf Notlösungen bei der Unterbringung zurückgreifen. Bis Ende April ziehen bis zu 150 Asylbewerber in eine der Messehallen.
24.03.2015, 12:02
Lesedauer: 3 Min
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Betten statt Messestände
Von Kristin Hermann

Eigentlich stehen hier Messestände. Natürlich, es ist schließlich die Messehalle 4. Doch weil in Bremen zu Beginn des Jahres noch mehr Flüchtlinge als sonst angekommen sind, musste sich die Sozialbehörde um Senatorin Anja Stahmann (Grüne) schnell einen Plan ausdenken, um eine weitere Zwischenlösung für die Asylbewerber zu finden.

Zeitweise war die Not um die Suche nach passendem Wohnraum so groß, dass Zelte und Turnhallen zur Diskussion standen. Doch diese Alternative scheint – vorerst jedenfalls – vom Tisch zu sein. Am Freitag sind im Obergeschoss der Messehalle 30 Schlafräume entstanden. Hier sollen in den kommenden Tagen bis zu 150 Flüchtlinge vorübergehend untergebracht werden. „Das ersetzt uns zwei bis drei Sporthallen“, sagt Bernd Schneider von der Sozialbehörde.

Zahl steigt rasant an

Die Suche nach einer großen Notunterkunft war dringend. In den ersten elf Wochen dieses Jahres sind nach Angaben des Sozialressorts fast 900 Flüchtlinge nach Bremen gekommen. Das ist dreimal so viel wie zur gleichen Zeit im vergangenen Jahr. Die Erstaufnahmen sind überfüllt. Aus diesem Grund habe man auch bei der Messe Bremen angefragt. „Wenn keine Messen anstehen, stellen wir unsere Hallen gerne zur Verfügung“, sagt Hans Peter Schneider, Geschäftsführer der Messe Bremen und der ÖVB-Arena.

So ungewöhnlich der Ort auf den ersten Blick scheint – die Messe Bremen kennt sich damit aus, schnell Raum schaffen zu müssen. Zwar seien es sonst mehr Garderoben und Backstagezimmer bei Großevents wie „Wetten, dass..?“, doch vom Prinzip her sei der Aufbau ähnlich gewesen.

In das 2100 Quadratmeter große Obergeschoss des Hallenkomplexes werden vor allem Flüchtlinge aus Serbien, Albanien, Mazedonien und Syrien einziehen. Die einzelnen Kabinen sind mit Betten, Tischen, Stühlen und Schränken jeweils für vier oder sechs Personen ausgestattet. Die Leiterin der Notunterkunft, Larissa Meyer von der Arbeiterwohlfahrt (AWO), rechnet damit, dass überwiegend Familien und allein reisende Männer untergebracht werden.

Umfängliche Betreuung

Selbst gekocht werden kann in der Messehalle nicht. Die Mahlzeiten liefert ein Menü-Dienst, sie werden im Foyer der Halle eingenommen. Eine Ebene tiefer sind drei Duschcontainer aufgestellt. Während des Aufenthalts werden mehrere Mitarbeiter der AWO die Flüchtlinge betreuen und dolmetschen. Zudem ist ein Sicherheitsdienst rund um die Uhr vor Ort. Angst vor schlaflosen Nächten durch andere Veranstaltungen oder Konzerte in den Nebenhallen müssen die zukünftigen Bewohner nicht haben.

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In der Halle 4 finden in den kommenden Wochen gar keine Veranstaltungen statt. „Und die Halle selbst ist so gut isoliert, dass man von allen anderen Sachen nichts mitbekommt“, sagt Peter Rengel, Leiter der ÖVB-Arena. Trotzdem werden die Flüchtlinge einige ihrer neuen Nachbarn kennenlernen. „Wir planen schon etwas mit den Schaustellern auf der Osterwiese“, sagt Bernd Schneider. Zudem habe der Deutsche Tischtennisbund zwei Tischtennisplatten von den German Open für die Flüchtlinge da gelassen.

Die Halle kann bis zum 30. April genutzt werden, anschließend beginnt der Umbau für einen Kongress. Für die weitere Unterbringung der Flüchtlinge wird derzeit an mehreren Immobilien gearbeitet, darunter am Bundeswehrhochhaus, einem ehemaligen Verwaltungsgebäude auf dem Gebäude des Klinikums Mitte sowie am Neubau der Erstaufnahmeeinrichtung in der Alfred-Faust-Straße.

In allen drei Objekten entstehen zusammen knapp 400 Plätze. Auch eine weitere Unterbringung in der Messehalle 6 steht zur Debatte. Die Belegungssituation lässt es zu, auch von Ende Mai bis Ende Juli sowie im August die Halle 6 für die Unterbringung von Flüchtlingen zu nutzen. „Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit werden wir auf das Angebot zurückkommen“, sagt Anja Stahmann. Zu unsicher seien derzeit die Prognosen über den weiteren Zulauf von Flüchtlingen.

Flüchtlinge in Bremen

Allein im Jahr 2015 haben die Stadtteilbeiräte der Einrichtung von rund 900 Plätzen für Flüchtlinge zugestimmt. Sie sollen voraussichtlich noch in diesem Jahr fertig werden. Mehrere Hundert weitere Plätze für die kurz- und mittelfristige Nutzung sind nach Angaben des Sozialressorts in Vorbereitung. Im Jahr 2014 ist es gelungen, etwa jeden zweiten Flüchtling nach einer Wartefrist von mindestens drei Monaten in eine eigene Wohnung zu vermitteln. In den Monaten Januar und Februar 2015 haben in Bremen 661 Menschen Zuflucht gesucht. 2014 waren es zur gleichen Zeit nur 207. Und allein in den ersten 20 Tagendes März 2015 sind über 210 Menschen aufgenommen worden, doppelt so viele wie im ganzen März 2014. Seit Anfang 2008 bis heute ist Bremen für rund 6000 Flüchtlinge eine neue Heimat geworden, das ist rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung des Bundeslandes.

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