Innenstadt und Viertel

Bettler werden in Bremen sichtbarer

Betteln in Bremen konzentriert sich aktuell stark in der Innenstadt und im Viertel. Das liegt auch an Corona. Nicht die Zahl der Bettler sei größer geworden, aber ihre Sichtbarkeit, sagt das Sozialressort.
29.09.2020, 10:52
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Bettler werden in Bremen sichtbarer
Von Timo Thalmann
Bettler werden in Bremen sichtbarer

Marco Anders mit Sammelbecher auf seinem Stammplatz vor einem Supermarkt. Er findet, die Bettelei habe zugenommen.

Timo Thalmann

Der subjektive Eindruck täuscht offenbar nicht. Wer das Gefühl äußert, die Bettelei in der Innenstadt habe zugenommen, findet an vielen Stellen Bestätigung – wenn auch mit Abstrichen: Nicht die Zahl der Bettler sei größer geworden, aber ihre Sichtbarkeit, heißt es, wenn man Streetworker oder Vertreter des Sozialressorts fragt.

Manch Bettler findet allerdings, auch die tatsächliche Zahl habe zugenommen. „Das ist eindeutig mehr geworden. Früher waren wir hier zu zweit, immer abwechselnd, jetzt sind es schon fünf Kollegen“, sagt zum Beispiel Marco Anders. Hier, das ist sein Stammplatz vor einem Supermarkt in Findorff.

Seit neun Jahren „schnorrt“ er sich durchs Leben, wie Anders die Bettelei nennt, und vor vier Jahren wurde er nach eigenen Angaben offiziell wohnungslos. Er ist ein sogenannter stiller Bettler, sitzt vor dem Eingang, vor sich einen Becher fürs Geld und immer einen freundlichen Gruß für die ein- und ausgehenden Kunden. Viele grüßen zurück. „Ich kenne ja die Gesichter hier im Stadtteil“, sagt er. Zugewanderte Rumänen und Bulgaren machen aus seiner Sicht einen erklecklichen Anteil des Bettler-Zuwachses aus. „Das ist bestimmt ein Drittel der Neuen. Und die sind gut organisiert.“ Woher die übrigen zwei Drittel kommen? Anders zuckt mit den Schultern. „Ist jedenfalls mehr geworden dieses Jahr.“

Die Sichtbarkeit ist höher

Nach Angaben von Streetworkern sind es vor allem in der Innenstadt und im Viertel mehr Bettler geworden. „Das hängt einfach mit Verdrängung zusammen“, sagt einer der Sozialarbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. So hätten die Deutsche Bahn und die Innenbehörde in der Nähe des Güterbahnhofs viele Wohnungslose vertrieben, die dort zuvor mehr oder weniger unsichtbar campiert hätten. Nicht alle hätten die begleitenden Hilfsangebote angenommen.

Auch rund um die Stadthalle gab es bis vor Kurzem ein kleines Lager unter dem weiten Vordach. Dort ist jetzt alles mit Zäunen verstellt – was zuletzt nach einem Bericht der „Taz“ für Ärger zwischen den Linken aus Findorff und dem von Kristina Vogt (Linke) geführten Wirtschaftsressorts geführt hat. Auf zehn bis 15 Personen schätzen Szenekenner die Zahl der Wohnungslosen, die sich hier regelmäßig aufgehalten haben und nun ebenfalls in der Innenstadt zu finden sind. „In der Fußgängerzone werden sie natürlich viel häufiger aufgefordert, den Platz zu wechseln“, sagt der Streetworker. Die Folge: Diese Wohnungslosen seien viel mehr unterwegs als vorher. Dadurch entstehe der zusätzliche Eindruck, mehr Menschen würden hier jetzt betteln. „Und wer ständig aufgescheucht wird, gibt sich von vornherein nicht mehr so viel Mühe, seinen Platz und seine Habseligkeiten halbwegs ordentlich einzurichten.“ So wirke die jeweilige Szenerie noch verwahrloster.

Lesen Sie auch

Sozialressort-Sprecher Bernd Schneider spricht ebenfalls von einer „höheren Sichtbarkeit“ von Wohnungslosen und der damit zumeist verbundenen Bettelei in der Innenstadt. Neben der Verdrängung sei die Entwicklung auch mit der Pandemie verknüpft. „Viele Hilfsangebote in den Stadtteilen für diese Klientel sind deswegen ausgefallen und fehlen auch jetzt noch.“ Vor allem ältere Ehrenamtliche hätten zuvor zum Beispiel in den Kirchengemeinden mitgeholfen. Aber gerade diese Gruppe sei am meisten durch Corona gefährdet und habe daher aus guten Gründen das Engagement zurückgefahren. Zusätzlich habe die zentrale Anlaufstelle der Suppenengel hinter dem Bahnhof in den zurückliegenden Monaten dafür gesorgt, dass sich viele Wohnungslose aus den Stadtteilen in Richtung Innenstadt orientiert hätten. „Es sind darum wohl nicht mehr Köpfe in der Stadt, aber sie sind sichtbarer und konzentrierter.“

Für eine höhere Sichtbarkeit sorgt auch, wenn der Wunsch nach einer milden Gabe sehr offensiv vorgetragen wird. Marco Anders hat im Hauptbahnhof Erfahrungen damit gemacht. „Da wurde sogar ich um Geld gebeten, einer hat mich dabei festgehalten. So funktioniert das doch nicht“, sagt er. Aus seiner Sicht ist das nicht nur aggressive Konkurrenz, sondern auch etwas, was seine Existenz nachhaltig stört. „Wer das erlebt, der gibt doch hinterher niemandem mehr etwas.“

Fehlende Einnahmequellen sorgen für mehr Verteilungskämpfe

Die Pandemie spiele auch bei diesen Vorkommnissen eine Rolle, sagen Sozialarbeiter. Im Frühjahr sei mit den geschlossenen Geschäften und den fehlenden Passanten die Einnahmequellen der Bettler versiegt. Auch jetzt blieben die Menschen eher auf Distanz. „Da werden die Verteilungskämpfe noch härter“, sagt ein Streetworker.

Bettlern mit rumänischem oder bulgarischem Migrationshintergrund wird dabei häufig organisiertes und erwerbsmäßiges Auftreten unterstellt. Doch fragt man Sozialarbeiter, finden sie dafür keine Belege. „Richtig ist, dass diese Leute ganz gut zusammenhalten, wenn es zum Beispiel darum geht, einen Platz fürs Betteln zu sichern“, sagt der Streetworker. Aber kaum jemand von ihnen sei zum Betteln nach Deutschland gekommen. Die typische Geschichte sei vielmehr eine gescheiterte Einwanderung als EU-Bürger.

Der Ausblick auf Herbst und den nahenden Winter stimmt kaum zuversichtlicher. Die Pandemie reduziert zum Beispiel die Plätze in den Notunterkünften. Marco Anders, der derzeit in einer Unterkunft in Oberneuland übernachtet, berichtet von Vierbettzimmern, die als Doppelzimmer belegt sind. „Das ist schön für die, die da sind. Aber wenn man seinen Platz aufgibt, ist der sofort wieder weg.“ Bernd Schneider vom Sozialressort ist optimistischer. „Wir sind in Sachen Notunterkünften auf den Winter gut vorbereitet“, sagt er und verweist auf Zimmer in Schlichthotels, die als zusätzliche Schlafplätze bereitstehen. Bremen habe sich schon jetzt entsprechende Kontingente gesichert.

Lesen Sie auch

Info

Zur Sache

Die juristische Sicht

Bis 1974 galten Bettelei und Landstreicherei in Deutschland als Straftatbestand. Das Oberlandesgericht Köln beurteilte etwa 1961 die Bitte eines Angeklagten um ein Butterbrot für seine Freundin nicht als „fremdnützige Bitte“ wie die Verteidigung es meinte. Zur strafrechtlich unbedenklichen „Sammlung“ fremder Gaben wird das Erbitten laut diesem Urteil erst, wenn der Empfänger der Gabe dem Sammler gänzlich unbekannt ist. Jemand, der für seine in nicht-ehelicher Gemeinschaft lebende Freundin bitte, bettle strafwürdig.

Heute gilt nur noch aufdringliches Betteln als Ordnungswidrigkeit. Dazu bedarf es einer direkten Ansprache („Haste mal einen Euro?“) bis hin zur Tätlichkeit, etwa wenn der Bettler jemanden festhält oder sich in den Weg stellt. Wer für eine milde Gabe falsche Tatsachen vortäuscht, kann wegen Betrugs auch strafrechtlich belangt werden. Bei Drohungen ist von Nötigung auszugehen. Stilles Betteln, bei dem einfach eine Dose für das Geld platziert oder in allgemeiner Form auf einem Schild um Geld gebeten wird, ist dagegen erlaubt. Versuche einzelner Kommunen, auch diese Form durch Verordnungen zu verbieten, wurden wiederholt von höheren Gerichten als unrechtmäßig eingestuft. Einnahmen aus Bettelei gelten übrigens wie freiwillige Trinkgelder ganz offiziell als steuerfrei.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+