Mieter gegen Vermieter

Bewohner fühlen sich im Stich gelassen

Heftige Vorwürfe erheben Bremer Mieter aus Gröpelingen gegen eine Wohnungsgesellschaft. Die Vonovia habe bei Bauarbeiten einen Wasserschaden verursacht. Wer für die Schimmelbeseitigung zahlt, bleibt offen.
06.11.2017, 20:19
Lesedauer: 4 Min
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Von Daniel Kähler und Marlo Mintel
Bewohner fühlen sich im Stich gelassen

Seit dem Wasserschaden muss Nicole Özdemir das Essen für ihre Familie auf einem Zwei-Flammen-Kocher zubereiten. Im Hintergrund ist der Wasserschaden zu erkennen.

Karsten Klama

Es riecht modrig, muffig, nach Feuchtigkeit. In der Wohnung von Nicole Özdemir, ihrem Mann und ihren zwei Kindern in einer Wohnanlage an der Seewenjestraße in Gröpelingen ist es unaufgeräumt. Im Wohnzimmer stehen Lebensmittel in Tüten verstaut auf den Stühlen. In der Küche kann die Familie kaum noch etwas lagern. Nach einem Wasserrohrbruch breitete sich in Bad und Küche Schimmel aus, viele Schränke musste die Familie entsorgen. „Auch mein Ceranfeld funktioniert nicht mehr, nachdem das Wasser aus der Wand darauf lief“, beklagt die 45-Jährige, die in einem Kindergarten als Hauswirtschafterin arbeitet. Jetzt bereitet sie das Essen auf einem Zwei-Flammen-Kocher zu. Nicole Özdemir ist enttäuscht – und fühlt sich von ihrem Vermieter, der Wohnungsgesellschaft Vonovia, im Stich gelassen.

Kommunikation läuft nur schleppend

Im Zuge von Bauarbeiten, die die Vonovia in Auftrag gegeben hatte, wurde Ende August ein Wasserrohr im zweiten Stock in einem Versorgungsschacht beschädigt. Das Wasser kam in zwei Wohnungen aus der Wand. Nicht nur bei den Özdemirs in der ersten Etage, sondern auch bei Petra Podobeilo im Erdgeschoss. „Plötzlich hatten wir hier einen kohlrabenschwarzen Schimmelfleck“, sagt sie und zeigt auf die Decke über dem Badezimmerspiegel. Der muffige Geruch habe sich von hier aus in der ganzen Wohnung verteilt. Inzwischen wurde die Stelle im Auftrag der Vonovia zwar neu tapeziert und mit Schimmelspray behandelt – das alles aber, bevor die Mauer überhaupt getrocknet sei, sagen die beiden Mieterinnen.

Mehr als zwei Wochen lang sei Wasser ausgetreten. Das Ergebnis ist der Schimmel in den Wohnungen. In ihren Kellerräumen habe das Wasser knöchelhoch gestanden. Kleidung, Matratzen, Elektrogeräte und Bücher seien jetzt unbrauchbar. Allein bei den Özdemirs sei ein Schaden von rund 3000 Euro entstanden, sagt ihr Anwalt Uwe Piehl. Die Tochter von Nicole Özdemir klage inzwischen über Reizhusten. Der Anwalt vermutet, ausgelöst durch den Schimmel.

Die Kommunikation zwischen den Mietern und der Vonovia läuft nur schleppend. Petra Podobeilo zeigt die automatisiert verfassten SMS-Nachrichten, die sie von der Wohnungsgesellschaft aufs Handy geschickt bekommt. Darin bittet der Konzern um einen Rückruf zwecks Terminabsprache über eine zentrale Hotline. Dann lande man jedoch bis zu einer halben Stunde in einer Warteschleife, berichtet Podobeilo. Die Mitarbeiter am anderen Ende der Leitung könnten die Anliegen häufig trotz Kundennummern nicht zufriedenstellend bearbeiten. „Immer wieder die SMS, immer wieder dort anrufen. Ich kann das nicht mehr“, sagt die Frau, die als Reinigungskraft in einer Grundschule arbeitet.

Werte einmal pro Woche gemessen

Erst vor anderthalb Jahren hätten sie und ihr Mann, selbst Maler, das Bad renoviert. Eigentlich seien sie bis zum Wasserschaden mit der Vier-Zimmer-Wohnung zufrieden gewesen, sagt die 54-Jährige. Bis Dezember 2015 habe noch die Gagfa das Gebäude verwaltet, damals habe man zumindest einen Ansprechpartner gehabt. „Jetzt kommt gar keine Antwort mehr, nie hat man einen Verantwortlichen, den man erreichen kann. Es ist eine Frechheit“, ergänzt Nicole Özdemir. Ein Wasserrohrbruch durch Bauarbeiten, das könne ja durchaus einmal passieren, sagt sie. „Aber die Vonovia hätte wenigstens vorbeikommen, sich entschuldigen und den Schaden beheben müssen."

Gemeinsam holten sich beide Familien einen Rechtsanwalt zur Hilfe. Zunächst hatten sie Angst, ihr Mietvertrag könnte gekündigt werden, und wandten sich deshalb nicht selbst mit ihren Forderungen an die Vonovia. Anwalt Uwe Piehl nahm Kontakt zur Wohnungsgesellschaft mit Sitz in Bochum auf. Von ähnlichen Problemen mit der Vonovia habe er zwar schon gehört, sagt er. Für ihn sei es aber der erste Fall. Piehl wirft dem Unternehmen vor, die Mängel seit Wochen zu verschleppen und insbesondere den Schaden nicht nachhaltig zu beseitigen. „Aber so langsam bewegt sich Vonovia endlich auf uns zu."

Vonovia-Sprecher Max Niklas Gille wehrt sich gegen den Vorwurf, das Unternehmen habe zuvor kaum etwas gegen die Schäden unternommen. Die Werte der betroffenen Wände würden einmal pro Woche von Handwerkern gemessen. „Sobald die Wände trocken sind, können wir tätig werden. Die Mieter sollen sich so schnell wie möglich wieder in ihren Wohnungen wohlfühlen“, sagt Gille. Deren Unmut könne er dennoch nachvollziehen. Ein Wasserschaden sei besonders ärgerlich. „Wir können uns dafür nur entschuldigen. Wir haben auch kein Interesse daran, dass die Wohnungen verfallen.“

Kompromiss bevorzugt

Sollte es einen Zusammenhang zwischen den gesundheitlichen Beschwerden von Nicole Özdemirs Tochter und dem Schimmel in der Wohnung geben, werde die Vonovia das Gespräch mit der Familie suchen. „Wir nehmen die Gesundheit unserer Mieter sehr ernst“, versichert Gille. Notfalls wäre auch eine Umquartierung denkbar.

Welche Kosten die Vonovia übernimmt, bleibt offen. So lange die Schäden noch nicht beglichen sind, möchte Rechtsanwalt Piehl für seine Mandanten eine Mietminderung zwischen 50 und 70 Prozent erzielen. Angeboten hat die Vonovia jedoch 20 Prozent. „Viel zu wenig“, sagt Piehl. Die Vonovia bevorzugt dagegen einen Kompromiss. Eventuell bei den Kosten für das Inventar, das durch den Feuchtigkeits- und Schimmelpilzbefall zerstört und entsorgt wurde. Piehl aber möchte Schadensersatzansprüche geltend machen. Dafür hat er der Vonovia eine Frist von zwei Wochen gesetzt. Er sieht den Konzern in der Pflicht, da die Schäden nicht durch die Mietparteien entstanden seien.

Nicole Özdemir hat erst einmal genug vom Bochumer Konzern. „Wenn ich jetzt ein anderes Wohnungsangebot bekommen würde, dann würde ich sofort umziehen. Nur natürlich nicht wieder zur Vonovia.“

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