Einsatz für Bienen

Bienen werden digital überwacht

Forschungsprojekt der Universität Bremen begleitet Imkerei in Bremen-Tenever und in der Neuen Vahr. Es werden noch Betreuer für Bienenstöcke gesucht.
04.07.2018, 16:22
Lesedauer: 3 Min
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Von Maren Brandstätter
Bienen werden digital überwacht

Thorsten Kluß von der Bremer Universität (links) und Felix Thiel bauen das Bienenhaus auf dem Quer-Beet-Gelände an der Neuwieder Straße in Tenever.

PETRA STUBBE

Halbschattige Lage, Eingang in Richtung Brombeerhecke – der Standort ist ideal. Seit Montag leben in Tenever rund 100 000 Honigbienen auf dem Quer-Beet-Gelände an der Neuwieder Straße. Um die beiden Kästen herum haben die Quer-Beet-Mitarbeiter gemeinsam mit Marie Wichmann und Thorsten Kluß von der Bremer Universität eigens einen Schrank gezimmert, um den Bienenstandort möglichst sicher für Kinder zu gestalten. Denn die sollen sich in der kommenden Zeit gemeinsam mit anderen Interessierten um die Pflege der Insekten kümmern – und um deren Honigproduktion.

Die Stöcke der Bienen sind digital vernetzt, denn sie werden überwacht. Kulturwissenschaftlerin Wichmann und Neuroinformatiker Kluß wollen nämlich für ihr Forschungsprojekt Urban Agri Connect herausfinden, was einen Stadtteil für Bienen attraktiv macht. Und sie wollen über das Wohl der Insekten wachen, ohne sie dabei ständig stören zu müssen. „In der klassischen Imkerei werden die Kästen etwa alle neun Tage geöffnet, um nachzuschauen, ob es den Völkern gut geht, für die Tiere ist das relativ stressig“, erklärt Wichmann. Eine Digitalwaage unter jedem Volk soll das Öffnen der Kästen in ihrem Forschungsprojekt weitgehend ersetzen. Nur wenn sich Auffälligkeiten im Gewicht abzeichneten, werde nachgeschaut, ob es Probleme gebe. Die Daten der Waage werden sowohl an die Betreuer vor Ort, als auch an die Universität übertragen. „Man kann je nach Wunsch der Betreuer-Gruppe auch weitere Sensoren einbauen, die zum Beispiel die Temperatur oder die Feuchtigkeit im Stock messen“, sagt Wichmann.

Erste Ernte eingefahren

Wie ergiebig die gewissenhafte Pflege der Bienenstöcke sein kann, hat sich kürzlich in Horn-Lehe gezeigt. Auf dem Campus betreut eine zwölfköpfige Gruppe bereits seit April neun Völker und hat im Juni die erste Ernte eingefahren: 70 Kilo Frühtrachthonig. Organisiert ist die Gruppe als Kurs im Hochschulsportprogramm. „Viele Teilnehmer nutzen das Imkern als eine Art Achtsamkeitstraining“, erzählt Marie Wichmann. Vor der Ernte stehe einmal pro Woche die Pflege der Völker auf dem Programm. Die gestalte sich sehr unterschiedlich: Mal müssten Mittelwände in die Rahmen eingeschweißt werden, mal eine sogenannte Bienenflucht zum Schutz eingesetzt werden, bevor es an die Honigernte gehe. Das Konzept komme an. „Der nächste Kurs ist bereits wieder ausgebucht“, sagt sie. Fachmann vor Ort ist dabei Thorsten Kluß, der nicht nur Neuroinformatiker, sondern auch Imker ist.

Die neue Bienen-Gruppe auf dem Quer-Beet-Gelände in Tenever muss sich erst noch finden, erzählt Mitarbeiter Roland Wozniewski. Der Biologe und seine Kollegen vom Verein Treffpunkt Natur und Umwelt (TNU) wollen sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Erwachsene aus der Nachbarschaft für die neuen Bewohner des Gemeinschaftsgartens begeistern. Neben dem Imkerhandwerk böten die beiden Völker vor allem auch Gelegenheit, die komplexe Sozialstruktur der Bienen kennenzulernen. „Angesichts des Insektensterbens ist es außerordentlich wichtig, dass Kinder am lebenden Beispiel ein Bewusstsein für die Tiere und ihre Lebensbedingungen entwickeln können“, sagt Wozniewski. Neben der Betreuung durch die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität hofft er auf weitere Unterstützung durch Menschen von außen, die sich entweder mit Bienen auskennen oder es lernen wollen. Zunächst einmal müsse aber Material angeschafft werden. Der Aufwand dafür ist laut Wichmann überschaubar. „In Tenever fehlen uns allerdings noch Kinder-Imkeranzüge“, sagt sie. Für deren Anschaffung brauche es noch Sponsoren. Auch der Erlös aus dem Honigverkauf in Horn-Lehe soll dazu beitragen.

Der dritte Standort für das Bienen-Forschungsprojekt ist das Bürgerzentrum Neue Vahr. Hier leben seit Kurzem ebenfalls zwei Bienenvölker, und je nach Wetterlage können die Kinder und Jugendlichen im Bürgerzentrum bereits in diesem Sommer den ersten Honig ernten. „Für uns ist es spannend, was wir in der Vahr daraus entwickeln können, um das Thema für Jüngere begreifbar und erlebbar zu machen“, sagt Martin Ploghöft, Geschäftsführer des Bürgerzentrums, der nun ein pädagogisches Konzept erstellen möchte. Dabei hilft möglicherweise der Austausch mit dem TNU in Tenever, dessen Mitarbeiter dasselbe vorhaben. Denn nicht nur die Vernetzung der Bienenkästen, auch die der Akteure in den unterschiedlichen Stadtteilen ist laut Wichmann ausdrücklich erwünscht.

Am Ende des zweijährigen Projekts will das Forschungs-Team herausgefunden haben, welche konkreten Anforderungen ein Bienenvolk an einen urbanen Standort hat, um sich wohlzufühlen und die Städter mit Honig versorgen zu können. Aktuell produziere Deutschland nämlich gerade einmal 20 Prozent seines Bedarfs, der Rest werde vorrangig aus China und Südamerika importiert.

Weitere Informationen

Wer Lust hat, sich an dem Bienenprojekt in der Vahr oder in Tenever zu beteiligen, kann sich direkt ans Bürgerzentrum Neue Vahr (martin.ploghoeft@bzvahr.de oder Telefon 436 73 45) oder an den TNU (roland.wozniewski@tnu-bremen.de oder Telefon 0176/50961010) wenden.

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