"One Brewer Day" Bier-Sommelier Oliver Wesseloh besucht Bremen

Bier aus Deutschland ist auf der ganzen Welt bekannt. Für die Markenprodukte der Großbrauer hat Oliver Wesseloh nur ein müdes Lächeln übrig. Als Biersommelier ist er ein absoluter Fachmann auf seinem Gebiet.
04.07.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Bier-Sommelier Oliver Wesseloh besucht Bremen
Von Jan Oppel

Bier aus Deutschland ist auf der ganzen Welt bekannt. Für die Markenprodukte der Großbrauer hat Oliver Wesseloh nur ein müdes Lächeln übrig. „Langweilig“, sagt er. „Austauschbar – trinke ich nur noch, wenn ich muss“. Die großen Markenbiere können seinen geschulten Gaumen längst nicht mehr kitzeln. Wesseloh ist Biersommelier und Diplom-Ingenieur für Brauwesen. Der Hamburger lebt für den Gerstensaft. Am Sonnabend besucht er anlässlich des „One Brewer Day“ das Fachgeschäft Brolters im Bremer Viertel.

Wesseloh weiß, wovon er spricht. Nach seinem Abschluss an der Technischen Universität Berlin hat der 41-Jährige auf der ganzen Welt Bier gebraut, probiert und als Berater gearbeitet – von Miami bis in die Karibik. Seit 2012 ist er zertifizierter Biersommelier, nur ein Jahr später holte er sich den Weltmeistertitel in dieser Disziplin. Der Experte kann nicht nur gutes Bier herstellen und beurteilen, er kennt auch zu jedem Essen den passenden Begleiter.

Sommelier – wie beim Wein? „Ja“, sagt Wesseloh. „Nur ist Bier deutlich vielschichtiger.“ Braustil, Hopfen, Malz, Kohlensäure – alles Faktoren, die den Geschmack beeinflussen. Damit zu spielen und mit neuen Kreationen den Biermarkt zu beleben, ist Wesselohs Passion. Seit Jahren hätten die deutschen Hersteller Raubbau am Bier betrieben, meint er. Weltweit gebe es fast 150 Bierstile. In Deutschland würden aber nur etwa 35 davon gebraut. Pils, Weizen und Alkoholfreies – Biere, die auch in Bremer Kneipen durch die Hähne der Kneipentresen in die Gläser laufen. Dazu einige britische Sorten in den Irish Pubs der Stadt. Das sei es dann vielerorts auch schon, beklagt der Bierexperte. „Wer mehr will, muss lange suchen.“

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Die Craft-Bier-Szene will das ändern. Die Kleinbrauer bringen Bewegung in die Branche. Täglich erfinden sie neue Biere und holen alte Braustile aus der Versenkung. Noch vor ein paar Jahren hätte man für eine gute Berliner Weiße in die USA fliegen müssen, erinnert sich Wesseloh. Zum Glück seien diese Zeiten vorbei. Bei den Kunden beobachtet er ein Umdenken: „Sie sind bereit, für höhere Geschmacksqualität zu zahlen.“ Craft-Bier ist angesagt. „Das ist die Zukunft“, sagt Wesseloh. „Wenn ich nicht daran glauben würde, hätte ich nicht meine Existenz da-rauf aufgebaut“. Der Bierexperte ist Inhaber der Hamburger „Kehrwieder Kreativbrauerei“, dazu gibt er Braukurse und Seminare für Bier-Sommeliers.

Kleinbrauer-Szene mit Potenzial

Den Hype ums Bier haben auch Großbrauereien mitbekommen. „Pale Ale“, „Amber Lager“ – klangvolle Namen, mit denen auch in Bremen die bekannten Hersteller ihr Sortiment ergänzen. „Die Branchenriesen machen das nicht aus Liebe zum Bier“, sagt Wesseloh. Denen gehe es vor allem um den Profit. Er hat selbst für diese Unternehmen gearbeitet. Binding in Frankfurt, Bacardi in Buxtehude: zwei weitere Stationen seiner Karriere. Die Reaktion der Großbrauereien wertet Wesseloh als bestes Zeichen für das Potenzial der neuen Bierszene. „Wir werden den Markt sicher nicht übernehmen, aber bereichern“, sagt er. In Deutschland werden derzeit jährlich mehr als 80 Millionen Hektoliter Bier abgesetzt. „Wenn wir nur ein Prozent davon erreichen, können alle gut von ihrer Arbeit leben“, meint Wesseloh.

Ein Bier, das der Diplom-Brauer speziell den Norddeutschen ans Herz legen möchte, ist das „India Pale-Ale“. Schon im 19. Jahrhundert wurde es in England und Schottland für die Reise in die indischen Kronkolonien gebraut. Ein hoher Alkohol- und Hopfengehalt waren nötig, um die lange Seereise zu überstehen. Heute ist das „India Pale Ale“ im Alkoholgehalt nicht mehr so stark wie früher. „Dafür aber immer noch ziemlich herb – mit malzigem Körper“, beschreibt Wesseloh. Das füge sich gut in die Reihe der norddeutschen Biere ein. Zwar kennt der Experte unzählige Sorten, ein absolutes Lieblingsbier hat er aber nicht. „Es kommt ganz darauf an wann und mit wem ich Bier trinke.“ Wesseloh kennt Biere für alle Gelegenheiten. „Ein gutes Bier sollte nach dem Trinken einen Eindruck hinterlassen“, sagt er. „Es muss Charakter haben und überraschen“.

Ein Bier, das nach Obst riecht

Das Flaggschiff in seinem Sortiment ist eigentlich ein Zufallsprodukt: „Prototyp“, heißt es – ein Lagerbier. „Das war nie so geplant“, sagt Wesseloh. Er braut es bis heute. In sein Paradebier investiert er ausschließlich hochwertige Rohstoffe: Handgewendetes Malz, dazu einen aromatischen Hopfen. Was dabei herausgekommen ist, bringt den 41-Jährigen ins Schwärmen: „Ein Bier mit schlankem Körper, eine leichte Note von Holz und Karamell.“ In der Nase erinnere das fruchtige Hopfenaroma an Maracuja, Litschi und Holunder. Eingebunden in eine moderate Bitterkeit „etwa auf Bremer Niveau“, meint Wesseloh. Was isst man zu einem Glas dieses Meisterwerks? „Gedünsteten Fisch“, empfiehlt der Sommelier. Der nehme die Fruchtigkeit des Bieres am besten auf. Sein Prototyp sei nicht nur etwas für Profis: „Es holt die Leute da ab, wo sie stehen, und bereitet sie darauf vor, was sie erwartet.“

Brauexperte zu Gast im Viertel: Das Bierfachgeschäft Brolters (Vor dem Steintor 140) lädt für diesen Sonnabend interessierte Besucher zum „One Brewer Day“ ein. In diesem Jahr wird der Bier-Sommelier Oliver Wesseloh in der Zeit von 12 bis 20 Uhr hinter dem Tresen stehen und einige seiner Biere frisch vom Fass ausschenken. Darunter auch seinen preisgekrönten „Prototyp“. Weitere Informationen zum „One Brewer Day“ im Brolters gibt es bei Facebook unter www.facebook.com/brolters. Näheres zu Oliver Wesseloh und seiner „Kehrwieder Kreativbrauerei“ finden Sie im Internet unter www.kreativbrauerei.de

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