Interview zum Ausbau von Kita-Plätzen

Bildungssenatorin Bogedan: "Wir unternehmen, was wir können"

Kinder- und Bildungssenatorin Claudia Bogedan erläutert im Interview, warum weiterhin Kita-Plätze fehlen, obwohl Investoren eingebunden werden.
17.02.2020, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Bildungssenatorin Bogedan:
Von Silke Hellwig
Bildungssenatorin Bogedan: "Wir unternehmen, was wir können"

Für die neue Kita am Wall musste vorübergehend Feuerwehr-Personal eingesetzt werden, weil eine Brandschutztür fehlte.

Frank Thomas Koch
Frau Bogedan, wie schlimm ist es tatsächlich um die Versorgung mit Kita-Plätzen in Bremen bestellt?

Claudia Bogedan: Die Lage ist nicht so, wie wir sie uns wünschen würden, aber das System steht nicht vor dem Kollaps, auch wenn das manchmal so dargestellt wird. Die allergrößte Mehrheit aller Einrichtungen ist in der Lage, Kinder gut zu betreuen. Und die allergrößte Mehrheit der Mädchen und Jungen, die einen Kita-Platz brauchen, haben einen.

Das hilft Eltern nur nicht, die händeringend nach einem freien Platz suchen.

Das stimmt. Es bestehen etwa 1000 Rechtsansprüche auf einen Kita-Platz, die wir derzeit nicht erfüllen können. Wir bauen die Zahl der Plätze aber massiv aus, wir unternehmen alles, was wir können. Die Genehmigungswege sind so kurz wie möglich. Hier bleibt nichts in der Behörde stecken, weil sie so bürokratieversessen ist. Wenn die Umstände günstig sind, können wir durch ressortübergreifende, schlanke Verfahren sehr schnell Nägel mit Köpfen machen. Wenn die Umstände schwierig sind, wie beispielsweise bei der Kita am Wall, wegen ihrer Lage und der baulichen Umstände, kann es länger dauern. Ganz wichtig ist mir, dass die zuständige Deputation eingebunden ist. Schließlich verpflichtet sich die Stadt Bremen, über sehr viele Jahre Miete zu zahlen. Die parlamentarische Beteiligung ist keine Frage der Bürokratie, sondern eine Frage der Demokratie.

Investoren werden nicht vergrault?

Keineswegs. Aber sie müssen ihren Beitrag leisten. Sie müssen wissen, was sie wollen, was es kostet und was rechtlich möglich ist. Die Unterlagen müssen vollständig sein. Ein förderungswürdiger Träger muss gefunden sein. Die Miete muss passen. Das pädagogische Konzept muss stimmen. Wenn wir an allen diesen Punkten einen Haken machen können, geht die Verwirklichung schnell. In der Sonneberger Straße haben wir knapp 18 Monate gebraucht, vom Beschluss bis zur Eröffnung. Wenn Investoren im Kita-Bau erfahren sind, beschleunigt das den Bau enorm.

Bei der Kita am Wall war ein Feuerwehrmann abgestellt, um für den Brandschutz zu sorgen, weil eine Brandschutztür fehlte. Das ist vermutlich ausgesprochen teuer, und eine Posse ist es auch.

Finden Sie? Ich habe ganz andere Rückmeldungen bekommen, nämlich von dankbaren Eltern und Elternverbänden, die froh waren, dass diese Behörde bereit ist, unkonventionelle Wege zu gehen und pragmatische Lösungen zu finden. Die Alternative wäre gewesen, die Einrichtung nicht öffnen zu können.

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Wer bezahlt die Feuerwehr?

Ich weiß, dass wir das nicht bezahlen müssen.

Je mehr Erfahrung ein Investor besitzt, desto schneller kann eine Kita gebaut werden, sagen Sie. Sind Kitas ein neues Betätigungsfeld für Hedgefonds wie einst Seniorenheime?

Das kann ich nicht sagen. Klar ist, dass Investoren die Kitas nicht nur bauen, weil sie Kinder so lieb haben. Der Mietzins, den die Kommunen zahlen, ermöglicht eine Rendite, auch wenn sie nicht riesig ist. Kitas sind also auch ein Geschäftsmodell. Dagegen spricht nichts. Wir sind froh, dass es Investoren gibt, sonst hätten wir niemals so viele Plätze schaffen können. Die Trägerlandschaft hat sich auch deutlich verändert, meiner Meinung nach nicht zum Schlechten. Sie ist bunter geworden. Unsere Vorstellung ist, dass Eltern in nicht allzu ferner Zukunft Wahlfreiheit haben und sich die Kita für ihr Kind nach dem pädagogischen Konzept aussuchen können.

Woran es momentan noch mehr fehlt als an Räumen: an Fachpersonal. Was wird da getan?

Richtig, das ist ein Problem. Wir haben 400 Plätze, die wir belegen könnten, wenn wir das entsprechende Personal hätten. Wir bemühen uns sehr, es zu gewinnen, durch ein ganzes Bündel von Maßnahmen: Wir bieten Programme für Quereinsteiger an, wir wollen Menschen mit ausländischen Ausbildungsabschlüssen schnell weiterqualifizieren, wir werben mit der Bundesagentur für Arbeit Fachkräfte aus Spanien an, wir werden ab Sommer zumindest einen kleineren finanziellen Anreiz für die Erzieherausbildung an der Fachschule leisten können.

Der Erzieherberuf galt immer als recht attraktiv. Ist das nicht mehr so?

Doch, sonst wäre die Lage deutlich ernster. Aber wir brauchen so viel mehr Erzieherinnen und Erzieher, dass die Teilmenge an jungen Menschen, die sich nach der Schule für den Beruf entscheiden, nicht mehr ausreicht. Dabei ist der Beruf reizvoll, auch gerade in Bremen: wegen der Gruppengrößen, der vielfältigen Einrichtungen und des vielfältigen pädagogischen Angebots. Unsere Ausstattungsstandards können sich im bundesweiten Vergleich sehen lassen. Wir können in Teilen sogar etwas mehr bezahlen als andere Kommunen im Umland.

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Noch einmal zurück zu den Eltern: Was würde passieren, wenn sie den Kita-Platz einklagen, der ihnen von Rechts wegen zusteht. Würden ihre Kinder dann irgendwo in eine Gruppe gepresst?

Wenn das Gericht der Klage stattgäbe, würde das im Zweifel passieren.

Sind Klagen anhängig?

Momentan sind keine Klagen anhängig.

Wie erklärt sich das?

Ich glaube, Eltern möchten die bestmögliche Betreuung für ihr Kind und nicht eine, die auf Biegen und Brechen organisiert wird. Wer klagt, hat keine Wahlfreiheit. Er kann sich die Kita nicht aussuchen, sondern muss den Platz nehmen, der ihm angeboten wird.

Was raten Sie Eltern, die geradezu verzweifelt nach einem passenden Platz für ihr Kind suchen?

Ich rate Ihnen, sich die Finger wundzutelefonieren und nicht so schnell aufzugeben. Es kommt immer wieder vor, dass überraschend ein Platz frei wird. Natürlich tun auch die zuständigen Kolleginnen und Kollegen alles, um Kindern einen Platz zu ermöglichen – und das mit viel Engagement und Herzblut.

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Gibt es nicht überall ewig lange Wartelisten?

Doch, die gibt es hier und da, aber lange nicht mehr in dem Umfang wie früher.

Eltern sollten wohl auch den Platz in einer Kita akzeptieren, die nicht um die Ecke liegt …

Eine gewisse Flexibilität vereinfacht die Suche, ganz klar. Mein Traum ist ein Online-Anmeldeportal, in dem Eltern quasi auf einen Blick sehen können, wo es freie Plätze gibt. Ich hatte gehofft, dass wir es dieses Jahr schon anbieten können, aber es kommt auf jeden Fall in dieser Wahlperiode.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Claudia Bogedan

ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung. Zuvor war die Sozialdemokratin (seit 2002) und zweifache Mutter Leiterin der Abteilung Forschungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung.

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