Bio-Vorgaben nicht erfüllt

Kantine der Bremer Finanzbehörde schließt

Nach fast zehn Jahren schließt das „Lacantina“ in der Finanzbehörde. Der Betreiber der auch für die Öffentlichkeit zugängliche Kantine scheiterte an der Umstellung seines Angebots auf Bio-Kost.
24.09.2020, 05:00
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Kantine der Bremer Finanzbehörde schließt
Von Ralf Michel

Der „Aktionsplan 2025“, der die schrittweise Umstellung der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung in Bremen auf Bio-Produkte vorsieht, hat ein Opfer gefordert: Khaldun Saidavi, seit fast zehn Jahren Pächter der Kantine in der Finanzbehörde, schließt das „Lacantina“. Gegen seinen Willen, er hätte gerne weitergemacht. Doch die Behörde hat den zum Jahresende auslaufenden Pachtvertrag nicht verlängert. „Ich brenne angeblich nicht genug für Bio“, erzählt der spürbar enttäuschte Saidavi.

Wer auf den wöchentlichen Speiseplan der auch für die Öffentlichkeit zugänglichen Behörden-Kantine schaut, ahnt, wo es hakt: „Hacksteak Holzfäller Art mit Schmorzwiebeln, Spiegelei und brauner Soße“, lautet eines der Tagesangebote für das Essen I, und auch „Gepökelter Schweinerücken-Krustenbraten“ sowie eine „Krakauer Bratwurst mit Zwiebelbratensoße“ stehen in derselben Woche noch auf dem Plan. Andererseits findet sich an jedem Tag der Woche als Essen II auch ein vegetarisches Gericht. „Persisches Kichererbsen-Reisgericht mit frischem Gemüse und Koriander“, „Gefüllte Zucchini“, „Basisches Bulgur Chili“... Und dazu täglich ein veganer Tageseintopf („Spinat-Kartoffelsuppe mit Quinoa“).

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Er habe sich nie gegen die Umstellung auf Bio-Produkte gesperrt, betont Khaldun Saidavi. Im Gegenteil. „Das ist eine gute Sache.“ Er habe auch in Workshops der Bioprojektgruppe mitgearbeitet, wo gemeinsam darüber diskutiert worden sei, wie man den Aktionsplan am besten umsetzen könne. Andererseits müsse sich das Ganze für ihn natürlich auch rechnen, die Umstellung auf Bio sei nun einmal auch eine Kostenfrage. Für eine Vollzertifizierung sei das „Lacantina“ mit täglich etwa 120 bis 200 (im Winter) Gästen einfach nicht groß genug. Aber einen Teil der Produkte auf Bio umzustellen, wie ja auch schon geschehen, sei natürlich möglich.

Einen weiteren Aspekt in dieser Diskussion nennt seine Frau und Mitarbeiterin Sabine Saidavi – die Wünsche der Kunden. Als man seinerzeit in der Finanzbehörde angefangen habe, hätte man Angebote wie zum Beispiel Curry-Wurst mit Pommes eigentlich nicht mit auf den Speiseplan setzen, sondern ausschließlich auf gesunde Kost setzen wollen. „Aber da hatten wir die Rechnung ohne unsere Kunden gemacht.“

Ein attraktives Verpflegungsangebot

Behördensprecherin Dagmar Bleiker bestätigt die Trennung. Ziel des Aktionsplanes 2025 sei es, ein attraktives Verpflegungsangebot mit möglichst regionalen, ökologischen Produkten zu bieten, erklärt sie. „Dieses Ziel wurde in der Kantine auch nach einem dreijährigen Umstellungsprozess nicht erreicht.“

Insbesondere im vergangenen Jahr habe es eine enge Begleitung und Beratung des Kantinenbetreibers sowie regelmäßige Arbeitsgruppentreffen gegeben. Darüber hinaus sei eine Bestandsaufnahme durch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung mit entsprechenden Handlungsvorschlägen erfolgt. Ziel dabei sei es gewesen, „den Betreiber mithilfe konkreterer Maßnahmen in die Lage zu versetzen, die Anforderungen schrittweise umzusetzen“. Doch all diese verschiedenen Unterstützungsmaßnahmen hätten nicht zu den erhofften Effekten geführt. Deshalb der Entschluss, den zum 31. Dezember auslaufenden Vertrag nicht zu verlängern.

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Trotz des skizzierten Vorlaufs sei diese Entscheidung für ihn überraschend gekommen, sagt Khaldun Saidavi. Mitgeteilt worden sei ihm dies im ersten Gespräch, das er überhaupt mit dem neuen Finanzsenator Dietmar Strehl (Grüne) gehabt habe. Er sei völlig verdutzt gewesen, hatte zu diesem Zeitpunkt eher mit Unterstützung gerechnet. Hintergrund: Seit Mai ist die Kantine wegen Corona für Publikumsverkehr geschlossen, mit entsprechenden gastronomischen Einbußen. „Dass einem Wirt mitten in der Corona-Zeit gekündigt wird, ist irgendwie traurig und tut nach so langer Zeit wirklich weh.“

Die Reißleine gezogen

Nicht einmal das zehnjährige Jubiläum von „Lacantina“ am 10. Dezember dieses Jahres werden Saidavi und seine sechs Mitarbeiter noch erleben. Mit Blick auf die schlechte wirtschaftliche Lage durch Corona hat der Pächter die Reißleine gezogen und schließt im Einvernehmen mit dem Finanzressort als Vermieter bereits Ende September.

Danach wird die Kantine auf jeden Fall eine Zeit lang geschlossen bleiben, sagt Behördensprecherin Bleiker. Derzeit bereite man die Ausschreibung für die Nachfolge vor. Ist ein neuer Pächter gefunden, soll der die Kantine auch wieder für die Öffentlichkeit öffnen – sobald Corona es zulässt.

Info

Zur Sache

Gesunde Ernährung

Der „Aktionsplan 2025 – Gesunde Ernährung in der Gemeinschaftsverpflegung der Stadtgemeinde Bremen“ wurde im Februar 2018 von der Bürgerschaft beschlossen. „Mehr Bioprodukte, weniger Fleisch aus Massentierhaltung“ lautet das Ziel dieses Plans, der in Schulmensen, Kindertagesstätten sowie den städtischen Krankenhäusern und Betriebskantinen umgesetzt werden soll.

In Schulen und Kitas ist die schrittweise Umstellung auf Bio-Kost bis 2022 vorgesehen, in Krankenhäusern bis 2024. Festgelegte (Bio-)Quoten geben dabei vor, wie viel Prozent bei tierischen und pflanzlichen Produkten in jedem Jahr sowie am Ende des Plans jeweils erreicht sein müssen. Auslöser für den Aktionsplan war ein Bürgerantrag gegen Billigfleisch im September 2016.

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