Interview mit Bremens Propst Bernhard Stecker

„Nachwuchsmangel ist ein Riesenthema“

Bremens Propst Bernhard Stecker ist zum Sprecher des Priesterrats des Bistums Osnabrück geworden. Im Interview spricht er über seine neue Funktion, das Priesterant und den Nachwuchsmangel.
31.07.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Nachwuchsmangel ist ein Riesenthema“
Von Silke Hellwig
Herr Stecker, Sie sind vor wenigen Tagen zum Sprecher der Priester im Bistum Osnabrück gewählt worden und vertreten damit 335 Ihrer Kollegen. Worum werden Sie sich in dieser Funktion vor allem kümmern?

Bernhard Stecker: Eine der wichtigsten Fragen für uns ist, wie sich das Berufsbild der Priester verändert. Die Leitung von Pfarreien wird mehr und mehr in Hände von Laien gelegt. Daraus leiten sich Fragen ab: Welche Folgen hat das für die Identität der Priester? Welche theologischen Themen tun sich damit auf? Wie wird dieser Wandel erlebt? Welche Hilfestellung kann man dabei geben? Das wird meine Hauptaufgabe für die nächsten Jahre sein.

Gehört es auch zu Ihren Aufgaben, Vorurteile gegenüber dem Priesteramt abzubauen?

Ganz sicher. Das Verständnis für das, was ein Priester ist, kann man heute nicht mehr voraussetzen, auch nicht innerkirchlich. Wir sind also viel stärker gefordert, Rechenschaft über unsere Arbeit abzulegen.

Hängen Ihnen in diesem Zusammenhang die Missbrauchsfälle nach?

Ja. Das hat uns sehr geschadet in der öffentlichen Meinung, vor allem auch die Vertuschungsversuche. Das hängt uns sehr stark nach, obwohl wir viel tun, von Präventionskursen bis zur entschlossenen Aufklärung, um Vorurteile zu entkräften.

Die Zahl der Priester sinkt. Auf der Internet-Präsenz der katholischen Kirche in Deutschland wird gefragt: Hilft nur noch beten?

Der Priestermangel ist tatsächlich ein Riesenthema für uns. In diesem Jahr werden im Bistum Osnabrück zwei Priester geweiht, im Vorjahr gab es niemanden. Wenn wir im Jahr drei bis acht Neuzugänge hätten, wären wir froh. Davon sind wir aber ganz weit entfernt.

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Sie sind ein Exot.

Ein bisschen schon, zumal ich mit 55 noch zu den jüngeren Priestern zähle.

Woran liegt es?

Die Gründe liegen auf der Hand. Man kann den Hauptgrund schon bei einem Gottesdienst am Sonntag erkennen: Dort sind wenig junge Menschen, also ist die Zahl derer, deren Interesse geweckt werden könnte, auch schon sehr klein.

In dem Artikel auf der Seite katholisch.de wird auch darauf verwiesen, dass es nicht viele Eltern gerne sehen, wenn ihre Söhne Priester werden.

Das gibt es sicher, aber das ist nicht das Hauptproblem. Ich denke, heutzutage überlassen Eltern ihren Kindern die Berufswahl.

Was haben Ihre Eltern gesagt?

Wir waren sechs Kinder, ich war der Jüngste. Meine Eltern mussten also meinetwegen nicht auf Enkel verzichten. Mein Vater war Jurist, er hätte sich schon vorstellen können, dass ich in seine Fußstapfen trete. Er und meine Mutter haben mir Fragen zu meiner Entscheidung gestellt, aber als sie merkten, dass ich sie mir gut überlegt hatte, haben sie sie akzeptiert.

Die Anforderungen an das Amt sind hoch. Es heißt, ein Priester müsse eine Art Superman sein: Manager, Seelsorger, Vorgesetzter, Psychiater, Vermittler, Buchhalter und anderes mehr in einem.

Die Anforderungen sind tatsächlich hoch. Mit dem Bild von Don Camillo, der durchs Dorf spaziert und stets für einen kleinen Plausch Zeit hat, hat das wenig zu tun. Der Anteil an administrativen Aufgaben ist hoch. Wir sind für Personal und Ländereien zuständig, für die Trägerschaft von Kindergärten, es wird erwartet, dass wir medial wirksam auftreten, eine Internetseite betreiben, womöglich auch auf Facebook aktiv sind.

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Die Aufnahmekriterien an die Kandidaten für das Priesteramt sind gestiegen, heißt es, auch vor dem Hintergrund der Missbrauchsfälle.

Die Anforderungen sind deutlich gewachsen. Das liegt auch daran, dass viele Kandidaten weniger Vorkenntnisse für das Amt mitbringen. Oft steht hinter dem Wunsch, Priester zu werden, eine persönliche Begeisterung. Die Kandidaten sind entsprechend meist schon älter. Da muss man schon sehr sorgfältig in beiderseitigem Interesse prüfen, ob das funktionieren kann.

Es gibt Priester aus dem Ausland, die hier gewissermaßen aushelfen.

Schon in den 1960er-Jahren wurden in Deutschland Priester aus dem Ausland übernommen, wenn es dort quasi einen Überschuss gab. Das hat sich nur in Teilen bewährt, wie sich bald zeigte. Heute nehmen wir gerne Priester aus dem Ausland auf, weil sie unsere Kirche bereichern. In Bremen gibt es derzeit zwei Priester aus Indien. Aber das wird unser Nachwuchsproblem nicht lösen. Es ist uns und den Kirchen der Heimatländer wichtig, dass sie irgendwann wieder nach Hause zurückkehren. Auch dort gibt es meist genug zu tun.

Was halten Sie davon, auch verheiratete Priester zuzulassen?

Ich bin sehr dafür, dass wir in diese Richtung denken. Natürlich muss eine Reihe von Fragen geklärt werden. Wenn es darum geht, das Priesteramt neben einer anderen beruflichen Tätigkeit auszuüben, müssen ganz andere Kriterien für das Amt zugrunde gelegt werden als bei einem hauptberuflichen Priester. Aber weder theologisch noch kirchlich spricht etwas dagegen. In einigen katholischen Kirchen sind verheiratete Priester schon lange üblich, etwa in den Ostkirchen, die dem byzantinischen Ritus folgen. Aber diese Frage muss man grundsätzlich erwägen, nicht vor dem Hintergrund des Priestermangels. Ich sähe es für uns als Klerus insgesamt als Gewinn an, wenn es auch Priester mit eigener Familie gäbe. Sie haben einen anderen Blick, das merke ich im Austausch mit verheirateten Diakonen.

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Kämen für Sie auch Priesterinnen infrage?

Ich stehe dem aufgeschlossen gegenüber. Aber Frauen im Priesteramt dürften quasi nicht die 1b-Lösung sein, weil es an Männern fehlt. Meiner Meinung nach würde es dem Klerus und seiner gesellschaftlichen Situation helfen, wenn Frauen dazu gehörten. Es gibt große theologische Bedenken dagegen, von starken Gruppen. Es gibt triftige Einwände, die man nicht vom Tisch wischen kann. Aber wir müssen uns dieser Frage stellen.

Werden Sie noch erleben, dass Sie eine Kollegin bekommen?

Das ist schwer einzuschätzen. Vieles, was man früher für unmöglich gehalten hatte, geschieht plötzlich doch. Womöglich gibt es eines Tages eine regionale Lösung, sodass die Kirche in Deutschland anders aussehen darf als in den USA, Indien oder Nigeria. Momentan sieht man vieles in Bewegung, aber in dem Punkt der Priesterinnen bin ich eher pessimistisch.

In den vergangenen Tagen hat ein Vatikan-Papier des Papstes für Unruhe in der katholischen Kirche gesorgt. Darin geht es um die Rolle von Laien in den Kirchengemeinden. Sie und viele Ihrer Kollegen kritisieren das Papier. Warum?

Die Instruktionen aus Rom haben alle überrascht. Niemand kennt den Anlass oder Auslöser. Die Anweisungen sind nicht nur schlecht, aber sie repräsentieren ein sehr altes und stark priesterzentriertes Bild von Kirche und zeugen von großer Wirklichkeitsentfremdung. Zum Beispiel wird angeregt, dass die Priester bei ihren Eltern wohnen sollen. Es wird auch gesagt, dass man Kirchen nicht profanieren darf, selbst wenn kein Geld mehr da ist, um sie zu erhalten. Keiner weiß, wie das funktionieren sollte. Würde es durchgesetzt, entfremdete es die Ortskirchen noch weiter von Rom, nicht nur in Deutschland. Das wäre fatal.

Und nun?

Die meisten deutschen Bischöfe sind sich einig, dass sie den beschrittenen Weg fortsetzen wollen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Bernhard Stecker

ist seit wenigen Tagen sogenannter Moderator des Priesterrats. Seit September 2019 ist er Propst für Bremen und Pfarrer der Propsteigemeinde St. Johann. 1996 wurde er zum Priester geweiht. Bevor Bernhard Stecker nach Bremen kam, war er Pfarrer und Stadtdechant in Osnabrück.

Info

Zur Sache

335 Priester

Zum Bistum Osnabrück gehören 335 katholische Priester, 99 sind im Ruhestand. In der Stadt Bremen sind 16 Priester tätig, nicht alle gehören zum Bistum Osnabrück. Der Priesterrat hat die Aufgabe, die Bistumsleitung in Fragen der Seelsorge zu beraten. Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode sitzt ihm vor. Das Bistum Osnabrück umfasst den größten Teil Bremens und den Westen Niedersachsens mit der Stadt Osnabrück, den Landkreisen Diepholz, Osnabrück, Emsland und Grafschaft Bentheim sowie die Region Ostfriesland. Im Bistum Osnabrück leben mehr als 550.000 katholische Christen in 208 Pfarrgemeinden, 46 000 in der Stadt Bremen südlich der Lesum.

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