Lost Place in der Überseestadt

Bittersüße Reise zurück: Instawalk durch einstige Kellogg-Fabrik

Die Produktion in der einzigen deutschen Kellogg-Fabrik wurde Ende 2017 eingestellt. Am Samstag konnten 30 Teilnehmer bei einem Instawalk die einstige Fabrik erkunden und fand teils Kurioses vor. Ein Rundgang.
13.01.2019, 15:07
Lesedauer: 3 Min
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Bittersüße Reise zurück: Instawalk durch einstige Kellogg-Fabrik
Von Stefanie Heitmann
Bittersüße Reise zurück: Instawalk durch einstige Kellogg-Fabrik

Die Hallen sind heute verwaist, das Dach undicht, die Maschinen fast verschwunden.

Stefanie Heitmann

Die Produktion in der Bremer Kellogg-Fabrik wurde 2017 eingestellt. Doch für die 30 Teilnehmer eines sogenannten Instawalks wurden die Tore des Werks am Sonnabend noch einmal geöffnet. Bei dem Rundgang hatten sie die Möglichkeit, die Fabrikhallen und Produktionsstätten noch einmal zu besichtigen.

Michael Schoppe und Olaf Clausing, beide selbst aktive Instagrammer in Bremen, haben die Besichtigung möglich gemacht. Nach rund zwei Wochen Vorbereitungszeit und in Kooperation mit der Firma Überseeinsel, den Besitzern des Fabrikgeländes, startete am Samstagmittag die mehrstündige Tour in zwei Gruppen.

Nicht jeder, der sich für den Walk angemeldet hat, hat auch teilnehmen können. „Es haben sich über 700 Menschen bei uns gemeldet“, sagt Michael Schoppe. Viele ehemalige Mitarbeiter der Fabrik wollten die Gelegenheit nutzen und einen letzten Blick auf ihren alten Arbeitsplatz werfen, so der Organisator.

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Und in der Tat kommen bei einer Teilnehmerin, die vor über zehn Jahren bei Kellogg gearbeitet hatte, wieder alte Erinnerungen hoch. So erinnert sie sich noch genau an den Tisch in der Kantine, an dem sie und ihre Kollegin sich immer trafen. Oder wohin die langen verschlungenen Wege in dem fünfstöckigen Gebäude führten.

Hier oben fing alles an

Denn ein erfahrener Führer ist wichtig. Teilweise sind Strom und Wasser in dem Gebäudekomplex abgestellt. Viele Maschinen sind abgebaut worden, es klaffen tiefe Löcher im Boden oder Betonaufbauten werden im Dunkeln schnell zur gefährlichen Stolperfalle. Deshalb haben Schoppe und Clausing Knicklichter an gefährlichen Stellen platziert. Bevor die Gruppen starten, gibt es zudem eine Sicherheitseinweisung.

Zunächst geht es in den vierten Stock. Hier oben fing damals alles an: Die Rohstoffe wurden in dicken Rohren nach oben gepumpt und hier den ersten Verarbeitungsschritten unterzogen. In langen Reihen stehen schwere Maschinen, es riecht nach gerösteten Erd- und Walnüssen. Und leicht nach Karamell. Ein Duft, den man bis zum Verlassen des Gebäudes nicht wieder loswird.

Diese Schlüssel werden wohl nie mehr sortiert.

Diese Schlüssel werden wohl nie mehr sortiert.

Foto: Stefanie Heitmann

Die großen Maschinenblöcke sind mit Flatterband abgesperrt. In den Gängen bauen die ersten Teilnehmer ihre Stative auf und suchen nach dem morbiden Charme von verfallener Industrie. Und da wird man in den über 100 Meter langen Hallen überall fündig: Die Decken sind undicht, es tropft und Pfützen bilden sich auf den stumpfen Fliesen. Überall sehen Arbeitsbereiche so aus, als wären sie gerade noch benutzt worden. Etwa in dem Teil, wo einst die Schoko-Cornflakes hergestellt wurden. Es riecht nach Zucker, an den Rohren und Stahltanks liegt noch der dünne Überzug aus braunem Kakaopulver.

Weiter unten findet sich eine rund 90 Meter lange Trocknungsstraße. Die einzige, die nicht abgebaut wurde. Man kann sich vorstellen, wie eng und warm es hier gewesen sein muss, als noch drei von diesen riesigen Maschinen hier standen.

Am stärksten riecht es ein Stockwerk tiefer nach verbranntem Karamell. In den einstigen Mischanlagen, in den etwa Vitamine und Farbstoffe abgewogen und zugegeben wurden, liegt nicht nur ein bittersüßer Geruch in der Luft. Der ganze Boden klebt. Schwer vorstellbar, dass man nach einer Schicht in diesem Bereich noch Lust auf etwas Süßes hatte.

War sicher ein Aufreger

Doch nicht nur diese fremde Welt der Lebensmittelproduktion macht einen Gang durch die verwaisten Hallen so spannend. Es sind vor allem die kleinen verbliebene persönlichen Dinge der Menschen, die hier täglich arbeiteten. So finden sich in den Umkleideräumen in den Spinden alte Sticker, die von den Vorlieben ihrer Besitzer erzählen. Namensschilder sind in Pausenräumen zu sehen. Jemand hat eine Bremer Bildzeitung von 2017 liegen lassen. Damals lautete der Aufmacher „Behörde ruiniert Bauer Uli - 189.000 Euro Zwangs-Beitrag für eine Straße, die er nie wollte“. War sicher ein Aufreger. Auch alte Cornflakes-Packungen sind noch auf den Bändern zu finden. Allerdings sind die „Frosties“ und „Chocos“ bereits mehrere Jahre abgelaufen.

Hatte mal Charme: die ehemalige Kantine.

Hatte mal Charme: die ehemalige Kantine.

Foto: Stefanie Heitmann

In einem der verlassenen Büros im einstigen Verpackungsbereich erwartete die Instagrammer aber eine besondere Kuriosität. Auf einem Tisch liegen Hunderte Schlüssel. Die wurden nach dem Ende der Produktion eingesammelt. Aber da Ordnung ja sein muss, hatte jemand noch begonnen, die vielen einzelnen Schlüssel einander zuzuordnen. Fertig geworden ist derjenige aber nicht. Ein großer Korb mit unzähligen Schlüsseln wartet wohl vergeblich auf seine Sortierung.

Fast ist man froh wieder im Erdgeschoss angekommen zu sein und frische Luft draußen an der Weser schnappen zu können. Es scheint als ziehen einen diese Lost Places mit ihren unerzählten Geschichten und Geheimnissen in ihren Bann und geben die Teilnehmer nur widerwillig wieder in die Gegenwart zurück. Da kommt zum Abschluss ein Abstecher auf den Aussichtsturm neben dem Silo doch gerade recht. Denn der Blick von hier oben zeigt die Überseestadt und welches Zukunftspotential das Vergangene haben kann.

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