Vor 60 Jahren: Bremen kippte Preis für Grass

Blechtrommel galt als Gefahr für Jugend

Der Bremer Literaturpreis kam 1959 zu zweifelhafter bundesweiter Berühmtheit, als der Bremer Senat dem damals 33-jährigen Autor Günter Grass die Auszeichnung aberkannte.
26.12.2019, 15:09
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Blechtrommel galt als Gefahr für Jugend
Von Sigrid Schuer

Couragiert war Annemarie Mevissen, die Frau Senatorin und spätere Bürgermeisterin Bremens, schon. So gibt es Fotos von der ersten Sportsenatorin Deutschlands, auf denen zu sehen ist, wie sie im adretten Kostüm beherzt gegen den Fußball tritt. Nicht weniger couragiert zeigte sich Mevissen, als sie mit Flüstertüte in der Hand auf eine Kiste kletterte, um die jugendlichen Demonstrierenden der Bremer Straßenbahnunruhen zu beruhigen. Aber die Causa Günter Grass war dann doch eindeutig zu viel für die sonst so unerschrockene Sozialdemokratin.

Mevissen stufte den damals frisch erschienen Roman „Die Blechtrommel“ des gerade mal 33-jährigen Günter Grass als „jugendgefährdend“ ein, als ihm die hochkarätig besetzte Jury Ende 1959 den renommierten Bremer Literaturpreis zuerkannt hatte. Sie und mit ihr drei weitere Kollegen des damals neunköpfigen Bremer Senates lehnten kurzerhand die Verleihung des Preises an Grass ab. Vier weitere ihrer Senatskollegen enthielten sich. Eine rühmliche Ausnahme gab es allerdings: Der damalige Bildungssenator Willy Dehnkamp votierte für die Entscheidung der Jury. Die offizielle Begründung für die Aberkennung klang eher nebulös: Befürchtet wurde „eine Diskussion in der Öffentlichkeit, ... welche nicht den unbestrittenen literarischen Rang des Buches, wohl aber weite Bereiche des Inhalts nach außerkünstlerischen Gesichtspunkten kritisieren würde“.

„Moralisch-sittlich fragwürdig“

Unser überaus geschätzter, viel zu früh verstorbener Feuilleton-Kollege Rainer Mammen dechiffrierte zum 50. Jahrestag dieses Eklats die wahren Beweggründe: „Zur Begründung ihrer ablehnenden Haltung sollen mehrere Senatoren die Ansicht geäußert haben, der Roman könne moralisch-sittlich nicht voll vertreten werden“. So habe Mevissen argumentiert, sie könne unmöglich der Auszeichnung zustimmen, wenn sie dieses Werk womöglich als Jugendsenatorin als „jugendgefährdend“ auf den Index setzen lassen müsste. Dann könnte sie sich in dem Dilemma befinden, ein Werk verbieten zu müssen, dessen Auszeichnung mit dem Bremer Literaturpreis sie vorher gebilligt habe.

Die Entscheidung des Bremer Senats gegen den späteren Weltbestseller sorgte in den bundesdeutschen Feuilletons für unrühmliche Schlagzeilen. So tadelte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“: „Der Senat hat Porzellan zerschlagen, das nicht mehr zu kitten ist“. „Mit einer nicht mehr diskutablen Entscheidung“ habe er „der Freiheit der Literatur einen empfindlichen Schlag versetzt“, ist in dem Artikel von Rainer Mammen nachzulesen. Aber er zitiert auch aus einer Rezension von Marcel Reich-Ranicki, die dieser später zurück zog.

Grass brach „den bösen Bann“

Der Kritiker-Papst Reich-Ranicki hatte, frei den Philosophen Friedrich Nietzsche zitierend, geurteilt: „Nichts Menschliches und Allzumenschliches braucht der Schriftsteller zu umgehen. Aber er muß durch sein Werk überzeugen, daß die Berücksichtigung dieser Vorgänge notwendig ... war. Das vermag Grass nicht“. Als dem Grass dann im Jahr 1999 der Literatur-Nobelpreis verliehen wurde, befand der Laudator: Mit „Der Blechtrommel“ habe Grass den „bösen Bann gebrochen, der über Deutschlands Vergangenheit lastete“. Nebenbei bemerkt: 1988 ging der Bremer Literaturpreis übrigens an Peter Handke – und damit an just jenen österreichischen Autor, der aufgrund seiner vermeintlichen Nähe zu dem serbischen Kriegsverbrecher Milosevic zuletzt für einen noch größeren Sturm im Wasserglas sorgte, als er jüngst mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet wurde.

Als Politikum bezeichnete es Professor Wolfgang Emmerich, von 1977 bis 1987 selbst Bremer Jury-Mitglied, in einem Interview, dass 1956 dem umstrittenen „Stahlgewitter“-Autoren Ernst Jünger der Literaturpreis zuerkannt wurde. Und zwar, ohne dass der von jeher sozialdemokratisch besetzte Bremer Senat gemurrt hätte.

In Bremen hatte die Entscheidung des Senates gegen Grass Konsequenzen: Die düpierte Jury trat zurück, darunter der berühmte Germanistik-Professor Benno von Wiese und Rudolf Hirsch, Cheflektor des S. Fischer Verlages. In den Jahren 1960 und 1961 wurde der Preis nicht verliehen. „Die Bremer sahen sich gezwungen, den kompromittierten Preis rasch zu liquidieren und einen neuen zu gründen, dessen Jury jetzt unabhängig zu sein scheint“, war dann auch im Februar 1964 in der Wochenzeitung „Die Zeit“ zu lesen. Fazit der „Zeit“: „Der 'Blechtrommel'-Skandal war eine Lehre für das Bremer Stadtparlament“. 1961 organisierte die Stadt die Preisvergabe neu: War die Auszeichnung bisher auf Vorschlag einer Jury durch den Senat verliehen worden, wurde nun die Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung ins Leben gerufen, so ist es im Grass-Medienarchiv nachzulesen. Grass, der zur fraglichen Zeit Urlaub in der Schweiz machte, soll auf die Aberkennung ebenso überrascht wie enttäuscht reagiert haben.

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