Die Windmacher, Teil 13: Andreas Wellbrock soll für das Bremer Unternehmen ein Geschäftsfeld in dem rasant wachsenden Markt erschließen BLG sieht Chancen bei Windpark-Logistik

Bremen. Die Bremer BLG-Gruppe will künftig verstärkt als Dienstleister ins Geschäft mit der Windkraft einsteigen. Für Hersteller und Betreiber sollen komplette Logistikketten in den Häfen entlang der deutschen Nordseeküste aufgebaut werden. Auch an eigene Schiffseinheiten für den Transport der Anlagenkomponenten ist gedacht. "Wir bauen auf unsere Erfahrungen aus der Autoteilelogistik auf", sagt Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der neuen Unternehmenstochter BLG Windenergie Logistics.
20.12.2010, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Krischan Förster

Bremen. Die Bremer BLG-Gruppe will künftig verstärkt als Dienstleister ins Geschäft mit der Windkraft einsteigen. Für Hersteller und Betreiber sollen komplette Logistikketten in den Häfen entlang der deutschen Nordseeküste aufgebaut werden. Auch an eigene Schiffseinheiten für den Transport der Anlagenkomponenten ist gedacht. "Wir bauen auf unsere Erfahrungen aus der Autoteilelogistik auf", sagt Andreas Wellbrock, Geschäftsführer der neuen Unternehmenstochter BLG Windenergie Logistics.

Noch macht die BLG ihr Hauptgeschäft mit Containern, Automobilumschlag und Kontraktlogistik. Windkraftanlagen werden bislang eher selten umgeschlagen, auch wenn das durchaus von Zeit zu Zeit bereits passiert. Als Projektladung landeten tonnenschwere Komponenten zur Verschiffung im Neustädter Hafen oder auf den Terminals in Bremerhaven. "Das sind bislang aber eher Einzelprojekte", sagt Wellbrock. Künftig will die BLG ein größeres Stück vom Kuchen: "Wir können und wollen die gesamte Logistikkette an Land übernehmen", sagt der Geschäftsführer. Also Teile beschaffen und lagern, kommissionieren, transportieren und zeitgenau in die Produktion bringen. So wie es die Logistikexperten seit Jahren erfolgreich für ihre Automobil-Großkunden erledigen - etwa für Daimler oder VW. Eine Windkraftanlage sei nicht weniger komplex als ein Auto, sagt Wellbrock, "beide bestehen aus rund 3000 Einzelteilen".

Gewaltiger Bedarf prognostiziert

Noch organisieren die Windkrafthersteller ihre Produktion weitestgehend selbst. Mit dem spätestens im kommenden Jahr voll einsetzenden Bau von Offshore-Windparks aber sieht die BLG ihre Chance, als Dienstleister in einem rasant wachsenden Markt Fuß zu fassen. Der gewaltige Bedarf an Fundamenten, Türmen, Turbinen und Rotorblättern werde die Branche zu einem Technologiesprung zwingen, weg von einer bislang eher manuellen Fertigung hin zu einer industrialisierten Serienproduktion. "Auf diese Initialzündung haben wir gewartet", sagt Wellbrock.

Seit vier Jahren werden in der Bremer BLG-Zentrale Ideen und Konzepte gewälzt, die zunächst aber nicht verfingen. "Wir waren zu früh dran", sagt Wellbrock. Das habe sich in den vergangenen Monaten geändert. Bei Herstellern wie Repower oder Multibrid in Bremerhaven sind die Firmengelände dicht an dicht zugestellt mit Anlagen, die auf ihren Abtransport warten. Angesichts der guten Auftragslage ist mit einer erheblichen Ausweitung der Produktion und Kapazitätsengpässen zu rechnen. "Wir wollen dafür die passenden Lösungen anbieten", so Wellbrock.

Im Foyer der BLG stehen in Reihe fünf Schaukästen aus Glas, mit denen das Unternehmen auf der "Windstärke 10" in Bremerhaven erstmals für seine Dienste geworben hat. Eine riesige Halle neben einem Produktionsgelände ist zu sehen, danach ein Offshore-Hafen, den die BLG selbst gern betreiben würde. Dann die Installation auf See, als letztes eine weitere Pier für Wartung und Reparatur. Ein Abbild der Logistikkette, wie sie die BLG ausgemacht hat und die sie, abgesehen von der Errichtung der Windparks auf offener See, möglichst komplett besetzen will.

Bremerhaven könnte ein erstes "Leuchtturmprojekt" werden, "das liegt bei uns irgendwie nahe", sagt Wellbrock. Denn die BLG hat eigene Terminals, auf denen heute schon Umschlag stattfindet. Da ist die Halbtochter Eurogate, die mit RWE einen gewichtigen Offshore-Kunden an Land gezogen hat. Der Essener Energiekonzern will ab 2012 seinen ersten Windpark in der Nordsee errichten. Und dann ist da noch der erste Windkraft-Kunde für die neue BLG-Sparte. In Speckenbüttel werden heute schon Komponenten von bis zu 43 Tonnen Gewicht gelagert und bei Bedarf ausgeliefert.

Der Plan: Die BLG will in direkter Nähe zu den Herstellern ein großes Logistikzentrum errichten und dort für die Kunden Wareneingang und -auslieferung organisieren. Das allein wäre für die Auftraggeber zu teuer, räumt Wellbrock ein. "Wir müssen einen Mehrwert bieten." Etwa mit einer allen zur Verfügung stehenden Lagerfläche oder einer gemeinsam genutzten Flotte an Spezialfahrzeugen. So sollen die Kosten für die Produzenten sinken. Bei der Errichtung des Offshore-Testfeldes "alpha ventus" hatten die Investoren EWE, Vattenfall und E.ON teures Lehrgeld gezahlt. Ohne funktionierende Liefer- und Transportketten hatten sie die Einzelkomponenten aus drei Himmelsrichtungen zum Baufeld transportieren müssen. Ohne einen solchen "Komponententourismus", mit nur einem Basishafen, wo auch Produktion und Montage erfolgten, ließen sich Millionensummen einsparen.

Auf 130 Milliarden Euro wird der Offshore-Markt in der Nordsee in den kommenden zehn Jahren geschätzt. Die Logistikkosten werden derzeit auf ein Viertel der gesamten Installationskosten eines Windparks geschätzt, das macht in der Regel einen hohen dreistelligen Millionenbetrag aus. "Mit unserer Hilfe soll es gelingen, die Ausgaben um zehn bis 15 Prozent zu senken", sagt Wellbrock, gelernter Speditionskaufmann und seit mittlerweile elf Jahren in leitender Position bei der BLG. Prozesse müssten intelligenter und kundengerechter gesteuert und damit kostengünstiger werden, sagt der 46-Jährige.

Eigener Seehafenumschlag geplant

Die BLG will dabei mit zwei Pfunden wuchern: mit ihrer in der Automobilsparte erprobten Industrie- und Produktionslogistik, die letztlich alle Abläufe schneller und günstiger machen soll, sowie mit dem eigenen Seehafenumschlag möglichst in einem neuen Offshore-Hafen - diese Kombination hat sonst kein Wettbewerber zu bieten. Und auch für Transport- und Zubringerdienste gibt es eigene Ideen und eine Bremer Reederei als potenziellen Partner.

Schienen, verlegt an Land und auf dem Schiffsdeck, und standardisierte Bajonettverschlüsse (Twistlocks) sollen die Verladung der Windkraftanlagen vereinfachen und beschleunigen. Die BLG will dabei eigene Zubringerdienste, beispielsweise zwischen dem Fischereihafen und dem Offshore-Terminal, organisieren. Ein mit einem ausgeklügelten Ballastierungssystem ausgestatteter 70 Meter langer und 32 Meter breiter Spezial-Ponton ist entworfen und eine mögliche Bauwerft gefunden.

Bis der neue Offshore-Hafen, möglichst in BLG-Regie, in Betrieb geht, könnte übergangsweise neben dem Containerterminal CTI in Bremerhaven, der teilweise von RWE gemietet worden ist, ein zweiter Umschlagplatz für Windkraftanlagen entstehen, um auch andere Kunden bedienen zu können. "Es gibt bei der Abwicklung von Projekten derzeit noch viele lose Enden. Wir wollen sie künftig bestmöglich verknüpfen."

Unsere nächste Windmacherin ist Irina Lucke, Projektleiterin bei den Offshore-Vorhaben des

Oldenburger Energieversorgers EWE.

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