Automobillogistik in Bremerhaven BLG verkleinert Technikzentrum

Bremen. Der Export deutscher Premiumfahrzeuge erlebt einen unerwarteten Boom. Das Autoterminal in Bremerhaven füllt sich wieder. Aber die Menge allein macht es nicht. Da der Import fehlt, ist für das Technikzentrum nicht genug Arbeit da. Es soll um ein Drittel schrumpfen.
16.08.2010, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Annemarie Struss-v.Poellnitz

Bremen. Der Export deutscher Premiumfahrzeuge erlebt einen unerwarteten Boom. Das Autoterminal in Bremerhaven füllt sich wieder. Vor der Sommerpause der großen Automobilhersteller stauten sich so viele die Transportschiffe vor der Stromkaje, dass es Engpässe in der Abfertigung gab. Aber die Menge allein macht es nicht. Da der Import fehlt, ist für das Technikzentrum nicht genug Arbeit da. Es soll um ein Drittel schrumpfen.

Die BLG ist der größte Autoterminalbetreiber in Deutschland. Hier hat sie sich hohe Kompetenzen erworben. Das Autoterminal in Bremerhaven erhält in Europa Bestnoten. Erst kürzlich ernannte der Volkswagenkonzern die BLG zum Toplieferanten. Doch auch für die BLG ist das Autogeschäft schwieriger geworden. Es trägt über 30 Prozent zum Umsatz bei, aber nur 25 Prozent zum Gewinn.

Nach dem Rekordjahr 2008 mit 2,2 Millionen Fahrzeugen war der Umschlag 2009 auf 1,2 Millionen Fahrzeuge eingebrochen. Die Lagerflächen waren zum Teil so leer wie ein Fußballfeld nach dem Abpfiff. Jetzt füllen sich die Stellflächen wieder. Bis zum Ende des Jahres rechnet Manfred Kuhr, der im BLG-Vorstand das Autogeschäft verantwortet, mit 1,4 Millionen Fahrzeugen, vielleicht auch etwa mehr. 'Aber von dem Höchststand sind wir natürlich noch weit entfernt, und es ist fraglich, ob wir die 2,2 Millionen jemals wieder erreichen.'

Massenandrang an der Kaje

Der unerwartete Boom im Frühsommer brachte auch Probleme: In der Spitze warteten 16 Schiffe gleichzeitig auf Abfertigung. Das war - zumal mit einer wegen der Krise ausgedünnten Mannschaft - nicht zu schaffen. Für die Reeder bedeutete das lange Wartezeiten, für die BLG viel Ärger und Regressforderungen. Konkurrenzhäfen wie Rotterdam und Zeebrügge witterten ihre Chance und warben bei den Autoherstellern aktiv Transporte ab, sagt Kuhr.

Einige Reeder dirigierten ihre Schiffe in Mittelmeerhäfen um, als sie von den langen Wartezeiten in Bremerhaven erfuhren. Die Höhe des verlorenen Volumens gibt Kuhr mit unter 10000 Fahrzeugen an. Langjährige Geschäftsbeziehungen zu Autoherstellern und Reedern gehen an so etwas nicht kaputt, hofft er. Aber jetzt heißt es erstmal gut Wetter machen - und die anstehenden Verhandlungen um neue Verträge werden auch nicht einfacher.

Für die zweite Jahreshälfte wird ein leichter Rückgang der Nachfrage erwartet. Zur Zeit stehen in Bremerhaven rund 50000 Fahrzeuge auf Abruf bereit, der Platz reicht für 100000. Das bringt zwar Lagergeld, aber verdient wird an den Importfahrzeugen, die nicht nur vom oder auf das Schiff gefahren, sondern in den Technikzentren der BLG für den europäischen Markt umgerüstet werden.

Und genau dort klafft eine Lücke, die sich auch in Zukunft wohl nur schwer schließen lässt. Denn forciert durch die Krise sortiert sich die Branche neu. Alle deutschen Hersteller bauen ihre Produktion in den Schwellenländern aus, während die Asiaten auf dem Sprung nach Europa sind.

Der südkoreanische Autobauer Hyundai/KIA, der früher große Mengen für den europäischen Markt über Bremerhaven geliefert hat, produziert heute in eigenen Werken in der Slowakei und in Tschechien. Davon profitiert zwar das BLG-Netzwerk, das Teile der Werklogistik übernimmt und die Fahrzeuge in eigenen Zügen der Tochtergesellschaft BLG-Autorail transportiert. Davon profitiert auch das Technikzentrum in Kehlheim, wo die BLG ein großes Binnenlandterminal betreibt.

Aber für Bremerhaven fällt das Volumen weg. 'Wir werden die Technikzentren nicht mehr so wie früher auslasten können', sagt Manfred Kuhr. Die Kapazitäten müssten entsprechend angepasst werden. Rund 30 Prozent weniger Fahrzeuge - das heißt auch 30 Prozent weniger Beschäftigung für die 550 Mitarbeiter im Technikzentrum Bremerhaven. Keine Entlassungen, kein Rütteln an den Besitzständen, versichert er umgehend, aber ein Teil der Beschäftigten müsse umgesetzt werden, könne aber bei Bedarf wieder ins Technikzentrum zurückkehren.

Dieser Bedarf lässt sich für die Zukunft schwer vorhersagen. Es gebe einige neue Chancen, sagt Kuhr. Daimler startet 2011 in den USA mit neuen Modellen der M- und R-Klasse, BMW baut dort den neuen X3. Die BLG wird sich für dem Import über Bremerhaven bewerben.

Auch das intensive Werben um die chinesischen Automobilhersteller dient dazu, die Auslastung des BGL-Netzwerkes für die Zukunft zu sichern. 2008 war der Versuch gescheitert, direkt in die Werklogistik im China hineinzukommen. 'Es ist schwierig, dort als Logistiker Fuß zu fassen', räumt Kuhr ein. Jetzt geht es darum, dass chinesische Hersteller ihre Fahrzeuge über Bremerhaven nach Europa schicken und Dienstleistungen wie Tüv und Zollabfertigung in Anspruch nehmen. Wie berichtet gibt es intensive Verhandlungen mit dem chinesischen Autobauer Geely, mit denen man schon im italienischen Hafen Gioia Tauro in kleinem Umfang im Geschäft ist. 'Wir wollen da einen Anker werfen, damit die über unser Netz in den europäischen Markt gehen', sagt Kuhr. Denn auch wenn der Europa-Start von Landwind und Brilliance schief gegangen ist, 'die Chinesen werden kommen'.

Jetzt kommen allerdings erst einmal die Inder. Auf dem BLG-Autoterminal in Bremerhaven wird demnächst den ersten Tata Nano auf europäischen Boden rollen. Er ist für das Deutsche Museum in München bestimmt. Den Transport quer durch Deutschland und durch München übernimmt ein BLG-Truck - ob mit oder ohne Werder-Wimpel ist noch offen.

'Die Automobilsparte bleibt neben dem Containergeschäft die tragende Säule der BLG', sagt Kuhr, 'auch wenn wir zur Zeit ein Ergebnisproblem haben.' Windenergie sieht er für das Unternehmen eher als Nische. Windmühlen seien nun mal keine Massenware. Geringe Stückzahl, großes Volumen und hohes Gewicht - für Logistiker sei es schwierig, damit Geld zu verdienen. Es gebe Anfragen von Windanlagen-Herstellern nach Flächen auf dem Autoterminal, das werde intern geprüft. Aber Kuhr bleibt skeptisch. Das Autoterminal sollte keine Flächen an die Windenergiebranche abgeben, die Kosten für die Befestigung seien zu hoch, eine kurzfristige Umwidmung nicht möglich.

Ziel müsse es sein, die Wertschöpfung im Bereich Automobile zu erhöhen. Eine einfache Lösung dafür gibt es aber nicht, nur viele kleine Puzzlestücke. Der plötzliche Boom hat die Frage nach der Zukunft der Automobilindustrie verdrängt - auch für den Dienstleister BLG.

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