Ausstellung in der Villa Sponte

Mutterland und Vatersprache

Vier befreundete Druckgrafikerinnen aus unterschiedlichen kulturellen Hintergründen, beleuchten in der gleichnamigen Ausstellung in der Villa Sponte ihr Verhältnis zu „Mutterland und Vatersprache“.
15.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Mutterland und Vatersprache
Von Sigrid Schuer
Mutterland und Vatersprache

Ilona Tessmer vor ihrer Installation "Solidarität, Brüderlichkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie, Freiheit".

Roland Scheitz

Sobald die großen Flügeltüren der Villa Sponte geöffnet sind, dann geraten Solidarität, Brüderlichkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Demokratie und Freiheit in Bewegung. So lautet der Titel der Installation, die die Bremer Grafikdesignerin Ilona Tessmer geschaffen hat. Die Namen der Werte, die für eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft stehen und die gerade in der Corona-Krise, aber auch schon zuvor, kräftig durcheinandergewirbelt wurden, hat Tessmer auf Quadrate von weißem Büttenpapier per Prägedruck aufgebracht und zu einer Installation geformt, die freischwebend einen Teil des Ausstellungsraumes füllt. Wichtig sei ihr, die Werte in den Vordergrund zu rücken, „die für unser gemeinschaftliches, friedliches Zusammenleben so wichtig sind, und die jede und jeder von uns leben kann“, unterstreicht sie. Ihre Botschaft: „Den Schatz, den wir haben, die Demokratie, dürfen wir nicht leichtfertig aufs Spiel setzen“.

Das Grundgesetz zieht sich wie ein „roter Faden“, so der Titel einer weiteren Arbeit, durch ihre in der Villa Sponte gezeigten Werke. Unter dem berühmt gewordenen Kanzlerinnen-Credo „Wir schaffen das“ hat Tessmer Ausgaben des Grundgesetzes in verschiedenen Sprachen zusammengefügt, die wie ein aufgeschlagener Fächer wirken. Der Blick aufs Wesentliche sei ihr wichtig, sagt sie. Der aber drohe immer mehr verloren zu gehen in einer Zeit, in der Individualität und Selbstverwirklichung das Maß aller Dinge seien.

Von der Kraft der Musik

„Norddeutschland ist meine Heimat. In der gedanklichen Auseinandersetzung mit dem Thema ‚Mutterland – Vatersprache‘ bin ich im wahrsten Sinne des Wortes hängen geblieben. Diese Ausstellung ist für uns vier Künstlerinnen eine Herzensangelegenheit. Wir kennen uns seit unserem Studium in Münster und sind seitdem befreundet“, erzählt sie. Bewusst haben sie, aus verschiedenen, kulturellen Hintergründen stammend, das Wortspiel „Mutterland – Vatersprache“ als Titel für ihre dialogisch ausgerichtete Ausstellung gewählt, die bis Sonntag, 8. November in der Villa Sponte, Osterdeich 59B, zu sehen ist. Zwei weitere, gerahmte Prägedrucke von Ilona Tessmer wirken wie ein Kommentar zur Corona-Krise: „Atmen“ und „Stille“ ist da in Versalien zu lesen.

MIT Osterdeich Villa Sponte Aussstellung Mutterland / Vatersprachen

Kindheitserinnerungen von Gintare Skroblyte.

Foto: Roland Scheitz

Für ein Quartett von filigranen Kaltnadel-Radierungen bilden Volks- und Heimat-Lieder die Grundmelodie. Die Künstlerin hat sich darin mit den Erinnerungen und Emotionen der Kriegsgeneration auseinandergesetzt. Bedingt durch Missbrauch und Instrumentalisierung des Volksliedgutes durch das NS-Regime war das Singen in Deutschland lange mit einem Makel behaftet, anders als in den skandinavischen und baltischen Nachbarstaaten. Als Titel für die Arbeiten dienten Lied-Titel oder -Zeilen wie „Wandern ohne Sorgen“. Das Kinderlied „Maikäfer flieg“ ist nah dran am Kriegsgeschehen. Von der Kraft, die die Musik zu geben vermag und dem Wunsch, an einem anderen Ort zu sein, erzählt die pastellfarbene Landschaft eines Schattenwaldes, zu der sich die Grafikerdesignerin von Franz Schuberts in volksliedhaftem Ton gehaltenen „Am Brunnen vor dem Tore“ inspirieren ließ. Darin heißt es: „Nun bin ich manche Stunde entfernt von diesem Ort und immer hör ich’s rauschen, du fändest Ruhe dort“. Das Motiv von Heimweh und Sehnsucht nach Ruhe findet sich auch in den Werken von Gintare Skroblyte.

Sind die Flügeltüren der Villa Sponte geöffnet, dann sind die Aquatinta-Radierungen der litauischen Künstlerin in Bewegung. Ein Fries aus luftigem Japan-Papier wirkt so, als ob sich die Ostsee in Wogen wiegen würde. Inmitten der Papierfluten scheinen Fischschwärme zu schwimmen. Sie bewegen sich von hellem Beige hinein ins Blassblaue und weiter ins Hellrote. In Skroblytes Werken blitzen Kindheits- und Jugenderinnerungen auf, wie der Spaziergang im Wald, die Badende, die Schwimmende, die Spielende oder Fischerboote unter dem Sternenhimmel. Es ist, als ob die Leichtigkeit des Charles Trenet-Chansons „La Mer“ vorüber wehen würde.

Seit 2004 lebt und arbeitet sie als freischaffende Künstlerin in Münster. Trotzdem, ein bisschen Heimweh ist immer geblieben. „Wir fühlen uns sicher im Vaterland (Mutterland). Sprache und Land sind das, was uns in unserem Leben Schutz gibt. Das Leben hat im Mutterland eine Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit, die man in einem fremden Land so niemals haben wird, egal wie lange man dort lebt. In einem fremden Land bin ich heimisch geworden, bin jedoch nicht mehr dieselbe wie in meinem Mutterland“, sagt Skroblyte, die bereits mehrfach an zahlreichen, internationalen Grafik-Biennalen teilgenommen hat.

MIT Osterdeich Villa Sponte Aussstellung Mutterland / Vatersprachen

Das zarte Fries aus Japan-Papier stammt von der litauischen Künstlerin Gintare Skroblyte. In der Installation „Wasser“ spielt sie mit dem Facettenreichtum des Elementes.

Foto: Roland Scheitz

Die Dritte im Künstlerinnen-Bunde ist Mari Girkelidse. Die aus Georgien stammende Druckgrafikerin hat in Münster eine zweite Heimat gefunden. Sie hat vor zwei Jahren das Gastland Georgien auf der Frankfurter Buchmesse repräsentiert. Starke und kluge Frauen seien typisch für beide Länder, sagt sie. Und schöne und selbstbewusste vielleicht auch. Denn die sind, oft mit signalrotem oder pinkem Mund, auf ihren pop-art-bunten Siebdrucken zu sehen. Girkelidse spielt mit den Attributen, die dem Weiblichem oft genug zugeordnet und in der Gender-Debatte kritisch hinterfragt werden. Zwei der Schönen der Nacht, die sie in rotes Licht getaucht hat, tragen ihre üppigen Dekolletés zur Schau, eine Raucherin zelebriert sich mit knallrotem Mund in lässiger Pose.

Last not least: Daniela Schlüter als Wanderin zwischen zwei Welten. Von 2004 bis 2008 lebte und arbeitete sie in New York und lehrte als Professorin für Druckgrafik und Fine Arts an der Felician University. Bis 2015 gefolgt von einer Professur für Druckgrafik und Zeichnung an der University of Alberta im kanadischen Edmonton. Heute lebt sie geerdet auf einem Bauernhof im Münsterländischen und setzt ihre Lehrtätigkeit fort. Ihre prämierten Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen und Biennalen, in Europa und Übersee zu sehen. Mit ihren großformatigen Werken in Mischtechnik will sie die Betrachtenden mit „den verwirrenden Widersprüchen einer Zeit tiefgreifender, politischer und ökologischer Veränderungen konfrontieren“.

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Mutterland – Vatersprache“, ist bis Sonntag, 8. November, in der Villa Sponte, Osterdeich 59B, zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags, sonnabends und sonntags von 15 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei, Spenden erbeten.

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