Neue Ausgabe der Zeitschrift der Straße berichtet über die Justizvollzugsanstalt Oslebshausen Blick auf und hinter Gefängnismauern

Für die neue Ausgabe der Zeitschrift der Straße mit dem Titel „Fuchsberg“ waren die Autoren auf der Suche nach Geschichten rund um die Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen. Herausgekommen ist ein Magazin mit Geschichten über Anwohner, (Ex-)Häftlinge und Rollstuhlfahrer, das im Lloydhof vorgestellt wurde. Ein Blick vor und hinter die Mauern.Für die neue Ausgabe der Zeitschrift der Straße mit dem Titel „Fuchsberg“ waren die Autoren auf der Suche nach Geschichten rund um die Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen. Herausgekommen ist ein Magazin mit Geschichten über Anwohner, (Ex-)Häftlinge und Rollstuhlfahrer, das im Lloydhof vorgestellt wurde. Ein Blick vor und hinter die Mauern.
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Von Tobias Meyer

Für die neue Ausgabe der Zeitschrift der Straße mit dem Titel „Fuchsberg“ waren die Autoren auf der Suche nach Geschichten rund um die Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen. Herausgekommen ist ein Magazin mit Geschichten über Anwohner, (Ex-)Häftlinge und Rollstuhlfahrer, das im Lloydhof vorgestellt wurde. Ein Blick vor und hinter die Mauern.

Sven Lambrecht blickt selbstbewusst in die Kamera, den Mund zu einem schiefen Lächeln verzogen. In der rechten Hand hält er ein Bier, in der linken den Lenker seines Fahrrads, das er – auf dem Hinterrad balancierend – vor sich herschiebt. Im Hintergrund ein Discounter an der Waller Heerstraße. Dort haben sich Sven Lambrecht und Alexander Kowalski immer an der Haltestelle getroffen, gelacht und geredet und Alkohol getrunken. Das Foto und die Erinnerung an diese Treffen sind das einzige, was Kowalski von der Freundschaft zu Lambrecht geblieben ist. Und ein Text, der in der aktuellen Zeitschrift der Straße abgedruckt ist. Der Titel: „Mein Freund ist tot.“

Es ist eine der tragischen Geschichten, die es in die 24. Ausgabe des Magazins geschafft hat, das der Verein für Innere Mission Bremen herausgibt und Bedürftige auf der Straße verkaufen. Wie andere Geschichten auch, die unter einen Oberbegriff, eine Straße oder einen Ort in Bremen, fallen, an dem die Autoren – Studenten der Hochschulen – nach Geschichten suchen. Dieses Mal geht es um den Oslebshauser Ortsteil Fuchsberg, besser die dortige Justizvollzugsanstalt (JVA). 48 Seiten, sechs Geschichten und eine Fotoreihe geben Aufschluss darüber, wie es sich vor und hinter den sechs Meter hohen Mauern anfühlt.

Autor Matthias Röhrs etwa hat sich bei den Anwohnern umgehört – und unter anderem eine Frau getroffen, bei der ein Gefängnisausbrecher einbrach. Timo Robben schreibt über Jörg Winter, für den das Gefängnistor „wie eine Drehtür“ war: Er saß oft im Knast. Das letzte Mal ist zehn Jahre her. In der Geschichte „Hurra, ich lebe noch“ erzählt er, wie er den Absprung schaffte. Andere sitzen dagegen noch im Gefängnis. So auch Maria: Sie ist 33 Jahre alt und Mutter zweier Töchter. Einmal im Monat darf sie für drei Stunden sehen – Autorin Wiebke Plasse war bei einem Treffen dabei. Laura Beck dagegen hat eine fiktive Erzählung beigesteuert. „Ich wohne im Viertel und war jetzt zum ersten Mal im Fuchsberg“, sagt sie. „Da hängen Schilder wie ‚Eltern haften für ihre Kinder‘ oder ‚Anlieger frei‘“, erinnert sich die 29-Jährige. „Damit spiele ich in meinem Artikel.“ Er handelt von einem Rollstuhlfahrer, der entlang der Gefängnismauern geschoben wird. „Ich fand das interessant: Drinnen sitzen Menschen und kommen nicht raus. Und im Rollstuhl ist man ja auch irgendwie gefangen.“

Dann ist da noch die Geschichte von Sven Lambrecht. Jetzt, an einem Montagabend, steht Alexander Kowalski in dem Büro der Zeitschrift im Lloydhof, und erzählt sie mit zittriger Stimme. Ein Dutzend Zuschauer sind zu der Präsentation der neuen Ausgabe gekommen. Julia Rummel und Uwe Franz begleiten den Abend musikalisch; sie 18 Jahre alt und Wirtschaftsinformatikstudentin, er 53 und ehemaliger Straßenzeitungsverkäufer. Ein ungewöhnliches Duo, das sich erst einige Stunden zuvor zusammengefunden hat. „Ich habe Julia an der Sögestraße gesehen und gefragt, ob sie mit mir Musik machen will“, sagt Blues-Musiker Franz. Rummel, Hobby-Straßenmusikerin und erst seit Kurzem in Bremen, hat sowieso nach einer Band gesucht. „Da passte das“, sagt sie lächelnd.

Doch jetzt ist Kowalski dran. Der 50-jährige Huchtinger ist es nicht gewohnt, vor Publikum zu sprechen; bislang war er Verkäufer der Zeitschrift der Straße. Doch die Geschichte von seinem Freund musste er loswerden. Die Ausgabe 24 war dafür ein guter Anlass, denn Lambrecht war häufiger im Knast. Jetzt ist er tot. Gestorben an einer Lungenentzündung. Gestorben in der Wohnung von Kowalski. Kennengelernt haben sie sich in Walle, beide nahmen an einem Methadon-Substitutionsprogramm teil, um von den Drogen wegzukommen: Heroin, Kokain. Kowalskis Stimme ist rau, das kommt von den Drogen. Und sie ist belegt, das kommt von der Erinnerung.

„Ich habe Sven aufgenommen, da waren es sieben Grad draußen“, sagt er. Lambrecht sei da schon krank gewesen, hatte eine Einweisung in die Klinik, die er aber nicht wahrnahm. „Eines Morgens wollte ich ihn aufwecken, doch er lag reglos am Boden. Er war gestorben, nebenan in meinem Wohnzimmer“, sagt Kowalski traurig.

Armin Simon hat die Geschichte aufgeschrieben. Er leitet die Redaktion der Zeitschrift der Straße seit deren Gründung. Die Ausgabe „Fuchsberg“ sei besonders gelungen, findet er. „Viele unserer Verkäufer haben Knasterfahrung.“ Bei dem Magazin gehe es nicht nur um die Leser, sondern auch darum, dass sich die Verkäufer mit dem Inhalt identifizieren könnten. „Dieses Mal haben wir gleich zwei Texte von Verkäufern veröffentlicht.“

Kowalski hat in der Vergangenheit nur noch selten die Zeitschrift der Straße verkauft. Jetzt werde er es wieder häufiger tun. Weil sein Text drin ist. Und „weil ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dass Sven nicht in Vergessenheit gerät“, sagt er. Dafür gibt er die Geschichte jetzt weiter – im wahrsten Sinne des Wortes.

Die Zeitschrift der Straße ist ein Gemeinschaftsprojekt der Gesellschaft für integrative soziale Beratung und Unterstützung Bremerhaven, der Hochschule Bremerhaven, der Bremer Hochschule für Künste und des Vereins für Innere Mission. Mehr auf www.zeitschrift-der-strasse.de.

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