Aktion „Deutschland spricht“

Blick von außen: Psychologieprofessor analysiert Gespräch der Aktion „Deutschland spricht“

Christian Kandler ist Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bremen. Für den WESER-KURIER hat er ein Gesprächspaar von „Deutschland spricht“ begleitet und analysiert.
31.10.2019, 08:54
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Blick von außen: Psychologieprofessor analysiert Gespräch der Aktion „Deutschland spricht“
Von Elena Matera
Blick von außen: Psychologieprofessor analysiert Gespräch der Aktion „Deutschland spricht“

Christian Kandler ist Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bremen. Für den WESER-KURIER hat er ein Gesprächspaar von "Deutschland spricht" begleitet und analysiert.

Frank Thomas Koch

Der Psychologieprofessor Christian Kandler hat ein Gespräch von "Deutschland spricht" für den WESER-KURIER begleitet. Die Gesprächspartner: der 24-jährige Anlagenbediener Joshua und die 35-jährige Lehrerin Lisa. Anderthalb Stunden haben sie über Klimapolitik, das Verhältnis von Ost- und Westdeutschland und Gleichberechtigung debattiert. Der Algorithmus hat das Paar zusammengebracht, da sie sechs von sieben Fragen unterschiedlich beantwortet hatten. Man könnte meinen, da gebe es viel Konfliktpotenzial. War es so? Nein, sagt der Professor. Der Grund: Die Gesprächspartner hätten sich eher in der politischen Mitte bewegt. "Joshua tendierte zwar eher nach rechts und Lisa nach links. Im Gespräch konnten sie aber gut aufeinander zugehen." Streit habe es nicht gegeben.

Bei einigen Themen lagen die Meinungen von Lisa und Joshua zunächst auseinander, etwa bei der Kerosinsteuer. Lisa sprach sich klar dafür aus, Joshua war dagegen. „Beide haben gut argumentiert und ihre Ansichten dargestellt“, sagt Kandler. „Sie sind aufeinander zugegangen, haben sich in den Positionen angenähert.“ Im Gespräch erarbeiteten sie auch gemeinsam Lösungen und Positionen. „Es kamen Sätze, wie 'Ja, das kann ich nachvollziehen' oder 'Daran habe ich noch gar nicht gedacht'. Das war schön zu beobachten.“

Bei der Frage, ob Frauen in Deutschland die gleichen Chancen wie Männer haben, reagierte Joshua eher vorsichtig. Er gab offen zu, dass er die Situation für Frauen in Deutschland als Mann nicht einschätzen könne. „Das war eine gute Reaktion“, sagt Kandler. „Man kann gerade bei dem Thema Gleichberechtigung schnell ins Fettnäpfchen treten.“

Lisa erklärte Joshua ihre Sicht als Frau. Sie erzählte unter anderem von Hürden und Problemen, die es für Frauen noch immer gebe. „Joshua hat die ganze Zeit aufmerksam zugehört und Verständnis gezeigt“, sagt Kandler. „Beide waren eigentlich im gesamten Gespräch sehr wertschätzend, einfühlsam und respektvoll.“

Das Gespräch zwischen Lisa und Joshua zeigt laut Kandler, dass Menschen sich verstehen und annähern können, obwohl sie verschiedene Ansichten haben. Der Psychologieprofessor sieht die Aktion "Deutschland spricht" als "ein Format mit Vorbildcharakter." Menschen mit unterschiedlichen Positionen hätten die Möglichkeit, in Kontakt zu treten. "Vielleicht haben sie eine andere politische Einstellung, eine andere Religion oder Werthaltung", sagt er. "Im Diskurs stellen sie dann aber fest, dass das Gegenüber einem in den Wesenszügen und Alltagsabläufen gar nicht so unähnlich ist."

Heutzutage ist solch ein Austausch laut Kandler besonders wichtig. Unterschiede zwischen Menschen auf allen Ebenen werden immer größer, die Schere zwischen Arm und Reich gehe weiter auf, die politische Mitte breche weg. Positionen und Meinungen driften daher immer weiter auseinander. Dadurch entstehe eine immer größere Kluft zwischen zwei Extremen. Fehlendes Interesse an anderen Positionen und fehlender Austausch, Respekt und Wertschätzung der anderen Seite schüre zu Wut, Unzufriedenheit und Vorurteile. Das könne man immer noch sehr gut zwischen Ost und West trotz einer Generation andauernden Wiedervereinigung beobachten. „Zuhören, miteinander sprechen, diskutieren – all das ist wichtig, um wieder aufeinander zugehen zu können“, sagt Kandler. Im Gespräch könnten Vorurteile abgebaut werden. „Ohne Dialoge gibt es kein Verständnis.“

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