Stadtteilserie: Folge 22 Blumenthal - Stadtteil mit fünf Bahnhöfen

Bremen. Der Stadtteil Blumenthal ist in drei Teile zu zergliedern: Blumenthal selbst, Rönnebeck, Lüssum-Bockhorn, Farge und Rekum. Von der Margaretenallee bis zur Landesgrenze in Farge sind es gut 10 Kilometer.
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Von Albrecht-Joachim Bahr

Bremen. Der Stadtteil Blumenthal ist in drei Teile zu zergliedern. Zum Einen, von Südosten her kommend, in den namensgebenden Ortsteil Blumenthal selbst. Sodann folgen, sich quer zur geografischen Achse erstreckend, die Ortsteile Rönnebeck und Lüssum-Bockhorn. Weiter nach Nordwest schließen sich hintereinander Farge und Rekum an. Von der Margaretenallee bis zur Landesgrenze in Farge sind es gut 10 Kilometer. Ein Bandwurm also, dessen Glieder vielleicht nur eines gemeinsam haben: dass sie sich bremisch nennen dürfen.

Blumenthal und „Bremisch“, das ist so eine Sache. Spätestens hinter Vegesack wird das gefühlte Einssein mit der Hansestadt, der diese Gemeinden 1939 erst zugeschlagen worden sind, vielleicht noch vom gemeinsamen Weserufer geprägt, von den gemeinsamen Autokennzeichen, der gemeinsamen Stadtkasse und der Liebe zum SV Werder.

Aber sonst? Auch untereinander sind die Ortsteile absolut verschieden: hier die „Kleinstadt“ Blumenthal, dort das „Straßendorf“ Rekum; hier ehemalige Werkshäuser, dort Idylle unter Reet- und Satteldach.

Und doch gibt es noch eine andere Ver- und Anbindung sowohl an Bremen-Stadt, wie auch untereinander: Die Eisenbahn, was Blumenthal anbetrifft, die seit kurzem in Betrieb befindliche Farge-Vegesacker Eisenbahn. Vom Bahnhof Vegesack aus schlängelt sich der NordWestBahn-Triebwagen vom Typ „Talent“ im 30-Minuten-Takt innerhalb von 18 Minuten bis zur Endstation Farge – im Jahr sind das 300000 Zugkilometer.

Wobei es erst nach „Aumund“ und „Beckedorf“ nahe dem Klinikum Nord ins Blumenthal’sche hineingeht. Das Klinikum, 1909 als Krankenhaus Blumenthal gegründet, ist heute Standort der zentralen medizinischen Versorgung für Bremen-Nord und das Umland.

Von Haus Blomendal bis ...

Erste unserer Blumenthal-Stationen ist der Bahnhof Blumenthal selbst. Obwohl sich hier in Steinwurfnähe das Amtsgericht, die wuchtige Reformierte Kirche, Wätjens Park, der zentrale Bus-Halt und die historische Burg Blumenthal befinden, spielt oder besser spielte sich das Leben weiter oberhalb ab.

Denn bevor man der Landrat-Christians-Straße folgend zum Ortsmittelpunkt kommt, passiert man linker Hand das Gelände der ehemaligen Bremer Woll-Kämmerei.

Die Woll-Kämmerei, kurz: BWK, war einst – neben dem Bremer Vulkan im benachbarten Vegesack – mit bis zu 5000 Mitarbeitern gegen Ende der 50er das Herz der Wirtschaft vor Ort, das nach einem Jahre währenden Niedergang Anfang 2009 dann allerdings endgültig aufhörte zu schlagen.

Seither sind Politik, Wirtschaft und private Initiativen darum bemüht, dem verwaisten Areal mit „Masterplänen“ in Sachen neuer Nutzungskonzeptionen wieder auf die Beine zu helfen.

Der Landrat-Christians-Straße weiter folgend, gelangt man zum Ortsamt; daneben einst die Stadtbibliothek ... aber wir wollen uns weder bei dieser noch all den anderen Schließungen der vergangenen Jahre aufhalten, nur so viel: der Stadtteil ist, mit wenigen Ausnahmen, wirtschaftlich wie kulturell arg gebeutelt. Auch einige neue Supermärkte in Zentrumsnähe können nicht darüber hinwegtäuschen.

Wie auch die Mühlenstraße nicht, die früher, wie sich Anwohner erinnern, „schwarz war vor Menschen“, die morgens auf dem Weg zur Arbeit in der Kämmerei waren. Oder nachmittags von daher kamen, dann hier ihre Feierabendeinkäufe erledigten oder schon mal zum ersten Bier nach Schicht einkehrten. Heute reiht sich Leerstand an Leerstand. Dazwischen aber findet sich, als belebendes Element, immer noch oder schon wieder die eine oder andere Gastronomie.

Die Mühlenstraße entlangzuflanieren hat derzeit jedenfalls einen morbiden Charme – wobei die Betonung aber auf „Charme“ liegen darf. Bei der Gelegenheit passieren wir einen Übergang der NordWestBahn, die auch in der Mühlenstraße hält.

Hier steigen wir wieder in den Zug – nicht aber ohne vorher einem weiteren Wahrzeichen Blumenthals einen Besuch abgestattet zu haben: Der Wasserturm. Seit 1928 hält er hier die Stellung, die Fassade im Blauen Klinker, das Dach aus grünleuchtendem Kupfer. 50 Meter hoch hat er seinerzeit den Ort mit 300000 Litern Wasser versorgt. Heute ist in seinem Erdgeschoss ein Kindergarten untergebracht.

Wie charmant zudem die nähere Umgebung der Mühlenstraße sein kann, zeigt sich an einigen hübschen Wohnstraßen, vor allem aber am nur eine Querstraße weiter gelegenen Schillerplatz: Dessen Rasendreieck ist umrahmt von knorrigen Linden.

An zwei Seiten ist er flankiert von vereinzelt stehenden Wohnhäusern, erbaut um 1900. An der dritten Seite findet sich neben Feuerwehr und Polizei auch das Doku Blumenthal; einst ausschließlich Dokumentationszentrum für Geschichte und Gegenwart des Ortes, ist es heute eine Kultureinrichtung für Ausstellungen, Workshops, Lesungen und Musikveranstaltungen.

Zurück aber schließlich doch wieder zum Bahnhof Mühlenstraße. Und weiter mit dem Zug bis zur Kreinsloger und Turnerstraße. An diesen beiden Haltestellen kommt die Bahn der Weser am nächsten.

Flussabgewandt fassen diese beiden Straßen den Ortsteil Rönnebeck ein, samt dem Gewerbegebiet am Heidlerchenweg. Hier finden sich Handwerksbetriebe, Großhandel und Fachhandelsunternehmen. Unter anderem der Tauwerk-Hersteller Gleistein Ropes. Letztlich diesem Gewerbegebiet geschuldet ist auch der Neu- und Ausbau der B74 als Fortführung der Autobahn A270.

Gleich hinter der Schnellstraße beginnt Lüssum-Bockhorn. Bockhorn ist Wohngebiet samt großflächiger Gärtnerei und einem grenzübergreifenden Golfplatz. Auch Lüssum ist Wohngebiet. Aber Lüssum ist auch ein Problemgebiet.

Gemessen zum Beispiel an Integrationsschwierigkeiten mit Schülern rangiert der Ortsteil als WiN-Gebiet im oberen Drittel bremenweit. Andererseits wird hier aber auch viel auf dem Gebiet Integration gemacht: Mit Programmen und Angeboten auch oder vor allem für Menschen ausländischer Herkunft gibt es hier das Haus der Zukunft, neuerdings den Stadtteilladen-Lüssum, ein migrationserprobtes Jugendfreizeitheim oder die Internationale Frauenwerkstatt ...

... zum Bunker Valentin

Von der Station Turnerstraße geht es mit dem Zug jetzt ohne weiteren Halt nach Farge. Es wird ländlich. Rechter Hand kommt das Grün gar bis an den Bahndamm heran. Hinter der Betonstraße macht das Gleis einen Bogen nach links, der Weser zu.

Die Endstation ist dann gleich in Steinwurfweite zu Johann A. Krause. Diese zu Thyssen Krupp Technologies gehörende Maschinenfabrik an der Richard-Taylor-Straße konstruiert und liefert schlüsselfertige Montagesysteme für die Automobil- und Zulieferindustrie.

Weiter an der Endstation zu finden: der Kohleblock des 1969 in Weserufernähe errichteten Kraftwerk Farge, der mit einer elektrischen Leistung von 350 Megawatt aufwartet und rund 125 Mitarbeiter zählt.

Zuletzt war das Kraftwerk 2004 und 2007 mit Millionenaufwand modernisiert worden, um die Turbinenleistung zu erhöhen. Ende 2008 hat der Vorbesitzer EO.N sein bis dato bestes Energie-Zugpferd aus kartellrechtlichen Gründen an den belgischen Energieversorger Electrabel verkauft (in Deutschland die GDF Suez Energie Deutschland AG).

Energie liegt in Farge aber auch unter der Erde, nämlich im Tanklager am Wifo-Wald. In dem bereits vor dem Krieg geplanten und ab 1941 schrittweise in Betrieb genommenen Komplex lagern Millionen Liter an Treibstoff. Von hier aus wurde Berlin während der Blockade 1948/49 mit Kraftstoff versorgt.

Bremen-Farge: Ende also der Eisenbahnstrecke. Eine kurze Strecke noch mit dem Bus und wir gelangen zum Rekumer Siel: Links ein Landhaus, rechts ein landwirtschaftlicher Betrieb, dann eine Kneipe, anschließend einige Einfamilienhäuser. Plötzlich eine riesige granitgraue Wand: der U-Boot-Bunker „Valentin“.

Plötzlich deshalb, weil, wenn man dieses Monstrum nicht sucht, man beim Gang die Straße entlang zuerst meint, auf eine Felswand zuzugehen, oder auf eine tiefliegende Gewitterwolke. Nur: das Ding ist aus Beton und Stahl...

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