Gewalt und Integrationsprobleme

Blumenthaler schlagen Alarm

Blumenthal. Blumenthal kommt nicht zur Ruhe: Die Zahl der Einbrüche steigt, der Ortsamtsleiter fordert die Abschiebung von jugendlichen Intensivtätern samt ihrer Familie. Jetzt schlagen Pastoren, Politiker und Sozialarbeiter Alarm.
20.11.2012, 05:00
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Von Matthias Sander
Blumenthaler schlagen Alarm

Die George-Albrecht-Straße im Bremer Stadtteil Blumenthal ist wegen anhaltender Probleme unter den Bewohnern in den Fokus der Politik gerückt.

Christian Kosak

Blumenthal. Blumenthal kommt nicht zur Ruhe: In dem Stadtteil in Bremen–Nord starb im Sommer eine Seniorin nach einem Raubüberfall, im Oktober standen bis zu 50 Araber, Sinti und Roma kurz vor einer Massenschlägerei. Die Zahl der Einbrüche steigt rasant, der Ortsamtsleiter fordert die Abschiebung von jugendlichen Intensivtätern samt ihrer Familie. Jetzt schlagen Pastoren, Politiker und Sozialarbeiter aus dem Bremer Stadtteil Alarm.

Bremen. Ernst Uhl ist ehemaliger Pastor der evangelischen Bockhorn-Gemeinde im Bremer Stadtteil Blumenthal, wo er noch heute wohnt. Ein Mitglied der Gemeinde, eine 89 Jahre alte Frau, wurde im Juli in Blumenthal überfallen und dabei so brutal verletzt, dass sie später starb. Im Oktober überfielen zwei Männer einen Juwelier in der Schwaneweder Straße, im Bezirk der Bockhorn-Gemeinde. "So etwas kannten wir in Blumenthal vorher nicht", sagt Uhl.

Er hat deshalb eine "Blumenthaler Erklärung" geschrieben. Unterzeichnet haben neben der Bockhorn-Gemeinde zwei weitere evangelische Gemeinden aus Blumenthal – sowie Ortsamtsleiter Peter Nowack (SPD), Vertreter aus der örtlichen Bildungs- und Sozialarbeit und Privatpersonen. In der Erklärung heißt es: "Es geht nicht an, dass Teile von Blumenthal zum rechtsfreien Raum verkommen." In dem Stadtteil herrsche zurzeit ein "ausgesprochen ungutes Klima im Verhältnis zu Migranten und Flüchtlingen, insbesondere gegenüber Roma, aber auch allgemein durch ein Überhandnehmen von krimineller Gewalt, Raub, Überfällen und Einbruchdiebstahl." Angst, Misstrauen sowie eine ausländerfeindliche Stimmung in der Bevölkerung griffen in nicht mehr hinzunehmenden Maße um sich. Die Unterzeichner fordern den Senat auf, "sich zu den Vorfällen und Verhältnissen in Blumenthal klar zu äußern, vor allem aber den Stadtteil mit seinen Problemen nicht allein zu lassen."

Ernst Uhl will mit der Erklärung die Diskussion in und über Blumenthal versachlichen. In seinem Papier ruft er "alle, auch Amtspersonen" zu einer "klaren, aber gemäßigten Wortwahl" auf. In der Kritik stand zuletzt vor allem Ortsamtsleiter Nowack. Er hatte sich im Wochenblatt "BLV" zum Fall der nach einem Raubüberfall gestorbenen Seniorin geäußert: Er erwarte, dass der mutmaßliche Täter, ein jugendlicher Rom, der in Untersuchungshaft sitzt, "verurteilt und dann mit seinen Eltern abgeschoben wird. Denn wenn ein Jugendlicher mehr als 100 Straftaten begeht, hat das auch was mit dem Versagen der Eltern zu tun." Diese Aussage gab die Bild-Zeitung Ende Oktober leicht verändert wider; daraufhin wurde Nowack auf rechten Internetseiten gelobt, der Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, André Städler, hingegen kritisierte die Aussage seines Parteifreundes als "populistisch". Nowack steht weiterhin zu seiner Aussage, auch wenn er die aktuelle Erklärung unterschrieben hat, wie er gestern dieser Zeitung bestätigte.

Nowack sagt, jugendliche Intensivtäter dächten, sie könnten in Blumenthal machen, was sie wollten. Der Ortsamtsleiter nimmt insbesondere die deutsch-arabische Jugendbande "Los Arabs" ins Visier, der die Bremer Polizei rund 30 Personen zurechnet. "Die lachen über uns, weil sie keine harten Strafen spüren", so Nowack. Es könne nicht sein, dass Leute aus anderen Stadtteilen und Nicht-Bremer nach Blumenthal kämen, um dort gewalttätig zu werden. Das sei im Oktober so gewesen, als sich bis zu 50 Menschen in der George-Albrecht-Straße gegenüberstanden. Offenbar hatten Araber die dort lebenden Sinti und Roma provoziert; die Polizei konnte eine Massenschlägerei offensichtlich gerade noch verhindern.

Der Bremer Polizeipräsident Lutz Müller kritisierte die "Blumenthaler Erklärung": Es sei ein Problem, dass das Papier die Roma herausgreife. "Sie spielen aus unserer Sicht bei Gewalttaten keine Rolle." Der in U-Haft sitzende Rom sei ein Einzelfall und gehöre nicht zu der Gruppe, die in der George-Albrecht-Straße lebe. Müller sagte: "Die Roma arbeiten sehr gut mit der Polizei zusammen." So hätten Roma ein Mitglied der "Los Arabs", das ein Feuer gelegt habe, bis zum Eintreffen der Polizei festgehalten.

Gewalt und Einbrüche gingen vor allem auf das Konto von "Los Arabs", sagte Müller. Die Zahl der Einbrüche sei im ersten Halbjahr 2012 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 100 auf 180 gestiegen, so Müller. In den letzten Wochen habe die Steigerung nicht mehr 80, sondern noch rund 50 Prozent betragen. Das sei eine Folge der Festnahmen von acht Mitgliedern von "Los Arabs". Seit Oktober versucht eine sogenannte flexible Ermittlungsgruppe in Blumenthal, Intensivtäter zu überführen. Ihr Einsatz dauert vorerst bis Januar 2013. Mit polizeilichen Aktionen, so Müller, könne man eine Gegend jedoch nur kurzfristig befrieden. "Langfristig kommt es darauf an, ob Integration und Vermischung der Bevölkerungen stattfinden", so Müller.

Diesen Tenor schlagen auch die Unterzeichner des aktuellen Papiers an. Ernst Uhl fordert eine bessere Verteilung der Wohnungen für sozial Schwache über das gesamte Bremer Stadtgebiet. Zudem müssten Roma von geschulten Leuten in die hiesige Gesellschaft eingeführt werden.

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