Alte Fotos erzählen: Dank der Bremer Woll-Kämmerei bekam die Gemeinde Elektrizität/Kanalisation folgte später Blumenthals Aufbruch in die Moderne

Ende des 19. Jahrhunderts hielt das Industriezeitalter Einzug in Blumenthal. Bis dahin mussten die Bürger ohne Elektrizität auskommen. Auch die Versorgung mit Trinkwasser war ein Problem. Das änderte sich jedoch, als die Bremer Woll-Kämmerei ihren Betrieb aufnahm und in Blumenthal ein Wasserwerk gebaut wurde.
03.02.2012, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Ulf Fiedler

Ende des 19. Jahrhunderts hielt das Industriezeitalter Einzug in Blumenthal. Bis dahin mussten die Bürger ohne Elektrizität auskommen. Auch die Versorgung mit Trinkwasser war ein Problem. Das änderte sich jedoch, als die Bremer Woll-Kämmerei ihren Betrieb aufnahm und in Blumenthal ein Wasserwerk gebaut wurde.

Blumenthal. Der Betriebsbeginn der Bremer Woll-Kämmerei (BWK) im Jahr 1884 bedeutete für Blumenthal den Eintritt in das Industriezeitalter. Die BWK setzte in ihren Betriebsräumen von Anfang an auf elektrische Beleuchtung.

Im Gegensatz dazu liest sich der Rechenschaftsbericht des damaligen Blumenthaler Ortsvorstehers Wilhelm Keller über die Straßenbeleuchtung wie aus einer anderen Zeit: "Die Wegbeleuchtung schließt für das Jahr 1891/92 mit einem Fehlbetrag von 257,10 Mark. Die Kosten für 1892/93 werden sich stellen: Für Petroleum und Dochte 320 Mark, für Anzünden 8 Monate je 50 Mark = 400 Mark, für Reparaturen 30 Mark. Es empfiehlt sich, einen Laternenanzünder mit festem Gehalt anzustellen, denn sollen die Laternen gut in Ordnung sein, hat eine Person genügend Beschäftigung daran."

Die Leitung der BWK bot an, Blumenthal über zehn Jahre mit Strom zu versorgen. Der entsprechende Liefervertrag wurde im Dezember 1897 abgeschlossen. Wenig später war der Strom für einzelne Häuser und für die Hauptstraßen verfügbar. Die Straßenbeleuchtung wurde um 22 Uhr abgestellt. Das passte vielen Bürgern nicht, wie im Protokollbuch des Bürgervereins nachzulesen ist.

Straßenlampe mit Münzeinwurf

Der Verbrauch steigerte sich schon in kurzer Zeit erheblich, so dass das vertraglich abgesicherte Abnahmelimit überschritten wurde. 1904 baute die Gemeinde an der heutigen Weserstrandstraße für 150000 Mark ein eigenes Elektrizitätswerk. Der Strom wurde von zwei Lokomobilen durch Dampfkraft und Dynamos erzeugt. Nachts speicherte man den überschüssigen Strom in einer großen Akkuanlage. Als das Kraftwerk Farge 1927 Strom günstig anbot und die Leistung des eigenen Werkes nicht mehr ausreichte, blieben nur noch zwei Transformatoren in Betrieb.

Eine Kuriosität bot die Löhstraße auf der Grenze zu Aumund. Durch Einwerfen einer Münze war die Straßenbeleuchtung aktiviert. Eine Zeitschaltuhr sorgte für Helligkeit - und zwar genauso so lange, wie man brauchte, um zum Kreiskrankenhaus Blumenthal zu laufen. Vor allem in Lüssum und Bockhorn wuchs die Bevölkerung. Das ließ ein anderes Problem brandaktuell werden: Die Versorgung mit Trinkwasser und entsprechend dazu eine Kanalisation.

Durch die Vertiefung der Weser war der Grundwasserspiegel erheblich gesunken. Viele Brunnen fielen trocken oder gaben nur noch wenig Wasser. Das in Zisternen aufgefangene Oberflächenwasser reichte bei weitem nicht aus. Das bedeutete nicht nur eine Gefahr für die Gesundheit der Bevölkerung; auch bei Bränden stand nicht annähernd genügend Löschwasser zur Verfügung. Laut Aktennotiz erkannte der Gemeinderat dieses Problem schon 1909.

Ein Grundstock für die Errichtung eines Wasserwerks wurde angespart. Auch die Witwe des Kommerzienrats Ferdinand Ullrich gab eine beträchtliche Summe. Infolge des Ersten Weltkriegs war an eine Verwirklichung aber nicht zu denken.

1919 beschäftigte sich die Baukommission mit der Errichtung eines Wasserwerkes. Als ideales Grundstück war die Aueniederung bei Burgwall angepeilt. Erst nach langwierigen Verhandlungen und nachdem die Gemeinde mit Enteignung gedroht hatte, gelang es 1925 mit den Geschwistern Thyen in Burgwall einen Kaufvertrag über ein Grundstück im grundwasserreichen Tal der Aueniederung abzuschließen. Der Kaufpreis einschließlich Zuwegung betrug 24273 Mark.

In Blumenthal wurde diese Idee mit Argwohn verfolgt. Der tatkräftige und vorausschauende Bürgermeister Karl Kürten hatte einigen Widerstand zu überwinden. Die alten Blumenthaler wollten keinen "Kürtensprudel", der zudem noch mit Chlorkalk versetzt wurde. An eine Versammlung der Blumenthaler Bürgervereine erinnerte sich Kürten in seinen Aufzeichnungen "Die Entwicklung Blumenthals während meiner Amtszeit" besonders lebhaft.

Eklat in der Bürgerversammlung

Demnach forderte ein einflussreiches Mitglied den Vorstand auf, Kürten von der Teilnahme an der Versammlung auszuschließen. "Ich erklärte, dass ich diesem Beschluss, falls er gefasst werden würde, unter keinen Umständen nachkommen und auch das Wort verlangen würde. Ich wäre Mitglied und hätte neben den von mir erfüllten Pflichten auch die gleichen Rechte wie alle anderen Versammlungsteilnehmer."

Nach langen Debatten gelang es Kürten, die Versammlung von der Notwendigkeit der Wasserversorgung zu überzeugen. Um den wirtschaftlichen Bestand des Wasserwerks zu sichern wurde der Zwangsanschluss aller Haushalte vorgeschrieben. Berechnet wurde nicht nach Verbrauch, sondern pauschal nach einem Mietschlüssel. Dagegen protestierten die Brunnenbesitzer. Sie erhielten mehrere Jahre eine Befreiung von der geringen Wassergebühr.

Vom Wasserwerk in der Aueniederung wurde das Wasser in den 50 Meter hohen Wasserturm gepumpt. In dessen oberem Bereich befand sich ein Bassin mit einer Höhe von acht und einem Durchmesser von sieben Metern mit einem Fassungsvermögen von 300 Kubikmetern. Das Wasserwerk wurde 1929, der Wasserturm 1928 eingeweiht. Im gleichen Jahr wurde auch der erste Abschnitt der Kanalisation fertig gestellt.

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