Vor 70 Jahren ermordeten ehemalige Zwangsarbeiter im Blockland zwölf Hofbewohner Blutbad mit Vorgeschichte

Bremen. Es war eine regnerische Nacht, als eine bewaffnete Gruppe polnischer Staatsangehöriger in Gröpelingen aufbrach. Ihr Ziel: irgendein Bauernhof im Blockland.
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Von Frank Hethey

Es war eine regnerische Nacht, als eine bewaffnete Gruppe polnischer Staatsangehöriger in Gröpelingen aufbrach. Ihr Ziel: irgendein Bauernhof im Blockland. Zwei Stunden sollen sie an diesem 20. November 1945 unterwegs gewesen sein, als kurz vor Mitternacht endlich ein lohnendes Objekt auftauchte. Es war der erstbeste Hof im Blockland, der Hof Kapelle. Ein Dutzend Menschen lebte damals auf dem Hof, zusätzlich war noch eine Besucherin da. Gut eine Stunde später lagen zwölf von ihnen in ihrem Blut, darunter fünf Kinder und Jugendliche. Niedergestreckt durch Kopfschüsse aus nächster Nähe. Nur der damals 43-jährige Wilhelm Hamelmann überlebte, weil er sich tot gestellt hatte.

Die „Blockland-Morde“ vor 70 Jahren, in der Nacht vom 20. auf den 21. November 1945, sind als blutigster Raubüberfall der jüngeren Vergangenheit in die Bremer Geschichte eingegangen. Dank der Aussagen Hamelmanns konnten fast alle Täter noch am selben Tag im „Camp Tirpitz“ am Schwarzen Weg verhaftet werden. Mit ihnen wurde im wahrsten Wortsinne kurzer Prozess gemacht. Im Februar 1946 verurteilte ein US-Militärgericht nach nur dreitägiger Verhandlung vier beteiligte Polen zum Tode und vier weitere zu langjährigen Haftstrafen.

Klischees und Vorurteile

Schnell war auch die deutsche Mordkommission mit einer Beurteilung zur Hand gewesen, sie sprach von „Verbrechertypen“. In der Kriminalistik der damaligen Zeit kein ungewöhnlicher Befund – man meinte, Straftäter schon an ihrer Physiognomie zu erkennen. Doch zugleich schwingen auch anti-polnische Ressentiments mit: „die“ Polen als „arbeitsscheues Gesindel“, als „geborene Verbrecher“. Ein Verdikt, das allenfalls Klischees und Vorurteile bedient. Aber keine Erklärung für das grausame Geschehen liefert.

Darum lohnt es, die Schreckenstat in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Kam der zwölffache Mord doch keineswegs aus dem Nichts, er hat eine Vorgeschichte. Und zwar eine, die nicht nur mit der Vergangenheit der Täter als Zwangsarbeiter zu tun hat. Mit ihrer Überzeugung, gegenüber dem deutschen „Tätervolk“ an keinerlei Verpflichtungen oder Gesetze gebunden zu sein. Sondern auch mit der diffizilen Sondersituation der polnischen Staatsangehörigen in den Monaten, die seit Kriegsende vergangen waren.

Als die Amerikaner im April 1945 die Kontrolle in Bremen übernahmen, sahen sie sich rund 34 000 ehemaligen Zwangsarbeitern gegenüber. Die meisten dieser „Displaced Persons“ (DPs) kehrten zügig und freiwillig in ihre Heimatländer zurück, vor allem die aus Frankreich und den Niederlanden. Vielfach gegen ihren Willen wurden die russischen DPs „repatriiert“.

Zurück blieben die Polen, die nicht heimkehren konnten oder wollten. Entweder weil ihre Heimat durch die polnische Westverschiebung sowjetisch geworden war oder sie Repressalien als vermeintliche Kollaborateure fürchteten. Im August 1945 waren 6600 von den 9000 noch verbliebenen DPs polnische Staatsangehörige. „Drei Monate nach der Befreiung war die DP-Frage zu einer polnischen Frage geworden“, konstatiert Achim Saur vom Kulturhaus Walle, der sich intensiv mit dem Zeitgeschehen befasst hat.

In den „Polenlagern“ – teils waren die „Camps“ in geräumten Wohnblöcken untergebracht, teils in früheren Zwangsarbeiterlagern – machte sich trotz weitgehender Selbstverwaltung schon bald Frustration breit. Vergebens hofften die Lagerbewohner darauf, ein neues Leben in Amerika beginnen zu können. Doch daran war nicht zu denken, die Siegermächte klammerten sich an den Grundsatz der „Repatriierung“. Für die polnischen DPs eine deprimierende Situation: keine Sozialbetreuung, keine Arbeit, keine Perspektive – ein idealer Nährboden für eine sprunghaft anwachsende Kriminalität, die häufig von gut organisierten Diebesbanden ausging.

Seit den Sommermonaten kam es immer häufiger zu Überfällen und Übergriffen durch polnische DPs. Auch das Blockland war schon lange vor den Mordtaten mehrfach das Ziel von Raubzügen gewesen. Bereits Anfang August 1945 warnte der US-Militärgouverneur vor weiteren Zwischenfällen und einer „Zunahme der Gewalt“. Als es in Arsten ein erstes Tötungsdelikt gab, schrillten auch beim frisch eingesetzten Senat die Alarmglocken. Bürgermeister Wilhelm Kaisen forderte „ernsteste Maßnahmen“, um die Lage wieder unter Kontrolle zu bringen. Zwei Optionen schlug er vor: die Bewaffnung der deutschen Bevölkerung oder den Abtransport der Polen.

Die Blockland-Morde markieren einen Wendepunkt im Umgang mit den polnischen DPs. Bereits wenige Tage später führte die Militärpolizei eine Razzia im Lager Hamburger Straße durch – was die Polen dazu veranlasste, von einem „American Concentration Camp for Poles“ zu sprechen. Seither spitzte sich der Konflikt immer weiter zu, eine Entspannung war nicht in Sicht. Für Saur auch eine Folge der unentschlossenen DP-Politik der Amerikaner, die keinen Mittelweg fanden zwischen Liberalität und Disziplinierung.

Doch damit war nun Schluss, seit November 1945 setzte die Bremer Militärregierung im Einvernehmen mit dem Senat alles daran, das Problem ein für allemal zu lösen. Und zwar dadurch, dass man die Polen kurzerhand aus Bremen wegschaffte – in die süddeutschen Gebiete der amerikanischen Zone. Ganz so, wie Kaisen es zuvor verlangt hatte. Durch eilends zusammengestellte Bahntransporte wurde die Zahl der polnischen DPs in Bremen innerhalb weniger Wochen drastisch reduziert. Als der Staatsanwalt im Prozess gegen die Blockland-Angeklagten am 26. Februar 1946 zur Abschreckung eine harte Bestrafung forderte, waren die meisten polnischen DPs schon außer Landes. Im März 1946 lebten nur noch 471 registrierte DPs in der Hansestadt. Nur einen Monat später meldeten die Amerikaner im militärischen Duktus, Bremen sei „von den DPs praktisch gesäubert“.

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