Immer wieder Streit um die Böller Das Feuerwerk als eines der ältesten Ärgernisse

Seit Jahrhunderten wird in Bremen um das Neujahrsschießen gestritten – ein historischer Rückblick von Konrad Elmshäuser, Leiter des Bremer Staatsarchivs.
30.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Konrad Elmshäuser

Am 22. Dezember hat der Senat ein allgemeines Verbot von Silvesterfeuerwerk beschlossen. Das Oberverwaltungsgericht prüft noch, ob das Verbot rechtens ist. Was vielen Bremerinnen und Bremern als ungewöhnlich harter Eingriff in ihre Selbstbestimmung erscheinen mag, ist in der historischen Sicht weniger eine Ausnahme als vielmehr die Regel: Das Böllern und Schießen zum Neujahr war in Bremen über Jahrhunderte ein von der Obrigkeit bekämpfter „Unfug“, dem zahlreiche Bestimmungen und öffentliche Proklame galten. Das Neujahrsschießen ist in Bremen eines der ältesten öffentlichen Ärgernisse, es war schon im 17. und 18. Jahrhundert so verbreitet, dass es als „schädliche Gewohnheit“ bekämpft wurde. Dass die Verbote vielfach wiederholt werden mussten, zeigt, dass die Bewohner der Hansestadt sich nur ungern von ihrem Vergnügen abbringen ließen.

Senat drohte 1802 mit Gefängnis

Blickt man auf die Bestimmungen und Begründungen der Obrigkeit für die Verbote, so bleibt der Senat im Jahr 2020 einer über Jahrhunderte verfolgten Linie treu: Schutz der Schwachen und Gefährdeten vor dem Übermut der angeblich Rücksichtslosen.

Im 17. und 18. Jahrhundert hat man in Bremer noch zu Hausmitteln gegriffen, um das neue Jahr lautstark zu begrüßen: Gewehre und Pistolen waren das übliche Gerät für das Neujahrsschießen in der Stadt und im Landgebiet. Bis um 1800 setzte sich in Bremen bereits das noch heute übliche professionelle Feuerwerkssortiment durch. Schon 1802 warnte der Senat vor dem „Werfen und Legen von angezündeten Schwärmern, Raketen und sogenannten Mordschlägen“. Hiergegen drohte er mit drakonischen Strafen, nämlich „hartem Gefängnis im Zwinger bey Wasser und Brod“.

Lesen Sie auch

Dieselbe Strafe drohte auch gegen die „Verfertiger“ von Feuerwerk. Letzteres wurde vor allem durch fliegende Händler von auswärts in die Stadt und das Landgebiet gebracht. Folglich versuchte der Senat die Händler in früheren Verordnungen schon an der Landesgrenze abzufangen – zumeist vergeblich. Doch bedienten sich die Bürger nicht nur ihrer Schusswaffen sowie Raketen und Böllern, sondern begrüßten das neue Jahr auch mit handfestem Krach ohne Pyrotechnik. Daher galt das Verbot auch dem Poltern und dem „Unfug des Werfens mit Töpfen, Scherben und anderen Sachen“. Auch für solches Verhalten wurden die Bürger „sofort zur Haft gebracht“. Ganz oben auf der Liste der dem Senat notorisch Verdächtigen standen wie zu allen Zeiten die Jugendlichen und die stets unzuverlässigen Unterschichten.

Namentlich ermahnte man die Bürger, auf ihr „Gesinde, Gesellen und Lehrjungen“ ein Auge zu haben, diejenigen Schichten, in denen sich Jugend und Aufmüpfigkeit bedrohlich vereinten. Ganz in dieser Tradition schloss der Senat 1802 seine Mahnung an die „hausgesessene, ehrliebende Bürgerschaft“ mit dem Hinweis, dass „jeder in seinem Hause befindliche Schießgewehre und Schießpulver sorgfältig verwahre und verschließe“ und besonders „auf die Seinigen fleißig Acht habe und ihnen das Ausgehen nicht gestatte“. Mit den „Seinen“ war neben der Familie auch das Gesinde gemeint, das besser zu Hause bleiben sollte. Selbst vor der Aufforderung zu nachbarschaftlichen Denunziationen scheute die Obrigkeit nicht zurück und ermunterte dazu mit einer Belohnung von 10 Reichstalern – selbstverständlich nahm der Senat auch gerne anonyme Denunziationen entgegen.

Übermut gefährdet die Gemeinde

Ein besonders ausführliches obrigkeitliches Proklam gegen das Schiessen und Plakken“ (Plakken = unkontrollierte Schüsse) zu Silvester ist vom Weihnachtstag 1715, also vor gut 300 Jahren, überliefert. Am 25. Dezember 1715 verbot der Rat unter Hinweis auf eine leider langjährig eingerissene „schädliche und fast unanständige Gewohnheit, (…) mit dergleichen wüsten, unordentlichen Schiessen“ das Neujahr zu begrüßen. Vielmehr sei es an solchen Tagen Christenpflicht, sich „mit Demut vor dem Herren niederzuwerffen“ und im „Gottes-Dienst mit inbrünstigen Gebet und wahrer Busse“ für die „genossenen unverdienten Wolthaten hertzinniglich zu dancken“. Der Hinweis auf den Gottesdienst und die unverdienten Wohltaten folgt einem Topos obrigkeitlich-kalvinistischem Denkens: Übermut Einzelner gefährdet nicht nur diese und ihr Umfeld, sondern die ganze christliche Gemeinde, indem Gottes Zorn erregt wird. Daher sollten dem Herren „Danck-Opfer in eines jedem Herzen angezündet werden“ - und keine Böller.

Auch fehlten schon vor 200 Jahren gesundheitliche Hinweise nicht: Leib- und Lebensgefahr für „schwangere Frauen in ihrer und dero tragender Leibes-Früchte“ entstehe „durch den dadurch veranlasten Schreck“. Noch bedrohlicher und nicht von der Hand zu weisen war natürlich bei den noch vielfach mit Stroh gedeckten Häusern die Feuersgefahr. Doch verhallten die „Vätterlich ermahnenden“ Worte der Obrigkeit wie in den Jahren zuvor. Immer wieder nahm man sich des Themas an. So drohte der Senat am 27. Dezember 1802, „alles aufzubieten und anzuwenden, um jenen Unordnungen für die Zukunft ein Ende zu machen". Dies war ein ehrgeiziges Vorhaben, das dem aufgeklärten Zeitgeist entsprechend nun nicht mehr die Furcht des Herrn beschwor, sondern an die Vernunft des Bürgers appellierte.

Lesen Sie auch

Zudem dachte man nun auch an die Auswirkungen der Schießerei auf Tiere. Dabei standen weniger verschreckte Haustiere, an die heute gerne an Silvester gedacht wird, als vielmehr Nutztiere und deren Betriebssicherheit im Vordergrund. Die Proklame wurden in der Stadt durch Aushang, aber auch mit Ausruf und Trommelschlag bekannt gemacht. Genutzt haben weder die Androhung von Haft bei Wasser und Brot noch der Appell an Gottes Zorn oder die Vernunft. Feuerwerk und Böller waren als Silvesterbrauch unausrottbar und wurden zum legalen Massenvergnügen.

Info

Zur Person

Konrad Elmshäuser ist Historiker, Archivar und seit 2003 Direktor des Staatsarchivs Bremen. Er hat viele Publikationen veröffentlicht und ist Autor diverser Schriften. Er hat an der Uni Bremen studiert.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+