Interview mit Bremens Bildungssenatorin

Bogedan: „Unsere Ziele sind nicht unrealistisch“

Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) spricht im Interview über den Fachkräftemangel in Bremen, ihre Ziele für die kommenden vier Jahre und warum sie eine weitere Legislatur bestreitet.
07.09.2019, 10:00
Lesedauer: 6 Min
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Bogedan: „Unsere Ziele sind nicht unrealistisch“
Von Lisa-Maria Röhling
Bogedan: „Unsere Ziele sind nicht unrealistisch“

Claudia Bogedan will in ihrer zweiten Legislatur als Senatorin auf den Maßnahmen der vergangenen vier Regierungsjahre aufbauen. Dazu gehört für sie auch, Lehrkräfte in Zukunft deutlich zu entlasten.

Christina Kuhaupt

Frau Bogedan, im Koalitionsvertrag kommt das Wort „mehr“ 127 Mal vor, zehn Mal im Abschnitt Kinder und Bildung. Konkrete Zahlen fehlen allerdings. Warum?

Claudia Bogedan : Das stimmt nicht. Es gibt durchaus messbare Ziele, das ergibt sich aus einem Zusammenspiel von Koalitionsvertrag und dem im vergangenen Jahr beschlossenen Schulkonsens. Wir haben die Zielzahlen, was die Versorgung der unter Dreijährigen angeht, erhöht. Gleiches gilt für die Versorgung mit Fachkräften. Zudem sollen die Bildungsausgaben an die der anderen Stadtstaaten angepasst werden. Was fehlt, ist ein Datum, bis wann diese Ziele in welchem Maß umgesetzt sind.

Sie sprechen mit der Versorgung an, dass 60 Prozent der Kinder unter drei Jahren in den kommenden Jahren einen Kitaplatz bekommen sollen. Das scheint mit dem aktuellen Kitaplatzmangel kaum umsetzbar zu sein.

Wir mussten in den vergangenen vier Jahren sehr kurzfristig 10.000 Kinder zusätzlich versorgen. Deswegen haben wir Statistiken und Fachkräftepläne angepasst, Referendariatsplätze aufgestockt, die Schulplätze in der Erzieherinnenausbildung verdoppelt. Diese Maßnahmen aus der vergangenen Legislatur greifen jetzt, deswegen sind unsere Ziele nicht unrealistisch.

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All diese Ziele hängen aber an den Haushaltsverhandlungen. Kann Bremen künftig wirklich an die anderen Stadtstaaten herankommen?

Der Sprung ist groß, wir müssen uns schrittweise annähern. In den kommenden Haushaltsverhandlungen schaffen wir das nicht, denn Berlin und Hamburg geben auch weiterhin Geld aus. Somit ist dieses Ziel beweglich. Wir haben in der vergangenen Legislatur mit der Erhöhung von rund 800 Euro pro Schüler ein ordentliches Stück des Weges geschafft, und das sogar unter viel restriktiveren Bedingungen. Genau so müssen wir jetzt weitermachen.

Bis 2025 soll es 2000 Grundschüler und 2500 Oberschüler mehr geben, 3800 zusätzliche Kitaplätze werden benötigt. Bei allen Bemühungen: Ist Bremen mit den von Ihnen dargestellten Maßnahmen nicht zu spät dran?

Vor vier Jahren hat niemand gewusst, dass sich die Zahlen so entwickeln. Als ich in diesem Ressort angefangen habe, wurde über Schulschließungen und darüber diskutiert, ob wir überhaupt mehr Kitaplätze benötigen. Die Situation hat sich gewandelt, und ein System kann man innerhalb von ein oder zwei Jahren nicht komplett umstellen. Deswegen arbeiten wir inzwischen mit sogenannten Zielversorgungsquoten anstatt fester Platzzahlen; das sorgt für Flexibilität, wenn die Kinderzahlen erneut steigen. Solche Steuerungselemente sind wichtig, um ein politisches Ziel zu erreichen: eine Versorgung, die für alle reicht.

Für den Kita-Ausbau braucht es auch mehr Fachkräfte, das ist bundesweit ein Problem. Wie wollen Sie die nach Bremen holen?

Mit guten Arbeitsbedingungen. Wir haben beim kommunalen Träger „Kita Bremen“ Ruheräume geschaffen, die Qualifizierungsangebote ausgebaut, Gehaltserhöhungen in bestimmten Stadtteilen geschafft, mehr Personal zur Verfügung gestellt. Zudem gibt es in Bremen viele Projekte, beispielsweise in den Familienzentren, die auf ganzheitliche Bildungsangebote von der Kita bis zur Schule und damit Kontinuität abzielen. Das lockt Personal an.

Für die Schulen soll bis 2025 ein Sanierungs- und Ausbauplan stehen, zahlreiche Projekte sind bereits in Arbeit. Das kostet viel Geld. Ist das innerhalb von sechs Jahren umsetzbar?

Sicher wird nicht alles bis 2025 stehen. Aber da die Planungen die steigenden Schülerzahlen berücksichtigen, können wir auch mit Zwischenlösungen reagieren, wenn sich ein Bauprozess verzögert. Aber wir wollen auch schneller werden, da spielen Gespräche mit den städtischen Wohnungsbaugesellschaften Brebau und Gewoba eine Rolle.

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Wie ist da der aktuelle Stand?

Die Gespräche sind am Anfang. Die Gewoba kennt sich beim Kitabau schon gut aus, beide Unternehmen sind aufgeschlossen. Und: Der Bau von Schulen hat auch mit der Entwicklung von Wohnquartieren zutun, und da sind diese Akteure ohnehin schon an Bord.

Aktuell gibt es an den Schulen 100 Langzeitkranke, die Belastungen steigen. Was wollen Sie für die Lehrkräfte tun?

Im Koalitionsvertrag haben wir uns auf das Ziel der Doppelbesetzungen in jeder Grundschulklasse geeinigt. Das wird einen starken Entlastungseffekt bringen. Dafür soll auch die Schulsozialarbeit ausgebaut werden. Das passiert sicher nicht morgen, aber perspektivisch wollen wir diesem Ziel in den kommenden vier Jahren näher kommen.

Das klingt teuer und schwierig.

Wir haben eine gute Ausgangsbasis. Ich habe mich bewusst vor zwei Jahren dafür entschieden, bestimmte Maßnahmen vorerst an einzelnen Schulen umzusetzen. Genau diese Projekte wollen wir stabil halten und alle zwei Jahre sukzessive erweitern.

Trotzdem braucht es mehr Personal. Wie wollen Sie Lehrkräfte nach Bremen holen?

Wir sind in Fachkreisen, auch wegen unseres Schulsystems und der praktizierten Inklusion, hoch angesehen. Die Hälfte der neuen Referendare kommt zum Beispiel aus anderen Bundesländern, in diesem Jahr kamen 80 der insgesamt 188 neu eingestellten Lehrkräfte nicht aus Bremen. Das sagt etwas. Nachwuchskräfte können ab dem ersten Tag sicher sein, dass sie mit dem Bestehen des zweiten Staatsexamens auch in den Schuldienst übernommen werden. Außerdem stellen wir inzwischen kontinuierlich das ganze Jahr über zu zwei Einstellungsterminen ein. Wem es also nach dem Start in den niedersächsischen Schuldienst nicht gefällt: Kommen Sie nach Bremen!

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Sie haben die Inklusion gerade angesprochen: Der Fall des Gymnasiums Horn hat im vergangenen Jahr für Aufsehen gesorgt, es gab den Vorwurf, Ihr Ressort hätte die Schulen in der Umsetzung der Inklusion nicht genug mitgenommen. Wie kann das künftig gelingen?

Wir haben in den vergangenen zwei Jahren ein System der kooperativen Steuerung etabliert. Das heißt: Bei allen Steuerungsfragen im Bildungsressort werden die Schulleitungen eingebunden. Wir haben in den vergangenen Jahren gemeinsam daran gearbeitet, das Ziel der Inklusion genauso wie das Ziel der Leistungssteigerung nicht aus den Augen zu verlieren. Wir wollen für jeden Schüler und jede Schülerin einen Pfad entwickeln, nach dem eigenen Können auch entsprechende Leistungen zu erzielen.

Aus Sicht der Opposition ist das hiesige System nicht genug auf Leistung ausgerichtet, die FDP hat aus diesem Grund auch den Schulkonsens nicht unterschrieben. Warum ist das so?

Dahinter verbirgt sich ein falsches Leistungsverständnis. Ich bin Sozialdemokratin – für uns gibt es nichts anderes als unsere Leistung, um einen Aufstieg zu schaffen. Aber dafür muss ich auch die Chance bekommen, meine Leistungen abzurufen. Deswegen muss es darum gehen, den Blick auf die Potenziale und Talente zu richten. So kann ein Kind mit Sprachförderbedarf gleichzeitig ein Mathe-Genie sein. Das muss man erkennen können und dann fördern.

Bei der Diskussion um Bildung stehen die Berufsschulen manchmal hinten an. Zuletzt sagte der Handwerkskammer-Präses Thomas Kurzke im WESER-KURIER-Interview, da sei „Einiges im Argen“, neben dem Lehrermangel gebe es bauliche Mängel. Gibt es bald eine Schulstandortplanung für die Berufsschulen?

Wir werden ähnlich wie bei der Schulstandortplanung für die allgemeinbildenden Schulen noch im Herbst ein Konzept für die Berufsschulen vorlegen, was in enger Beratung mit den Beiräten entwickelt wird. Unser Ziel ist es, die Zahl der Standorte zu verringern und zu Größeren zusammenzufassen. Das ist für uns die richtige Antwort auf die Veränderungen in der Arbeitswelt, damit auch in der Berufsbildung zum einen Basiskompetenzen ausgebildet werden und zum anderen an spezialisierten Campus eng mit der Wirtschaft zusammengearbeitet wird.

Zu Bildung hat jede Partei, jeder Bürger eine Meinung, Sie als Senatorin stehen und standen oft in der Kritik. Ein ziemlich undankbarer Job. Warum machen Sie das eigentlich nochmal vier Jahre?

Ich habe ein inhaltliches Ziel: Allen Kindern die Möglichkeit zu geben, sich nach ihrem Potenzial zu entwickeln. Deswegen ist es mir wichtig, dass es jetzt eine Kontinuität gibt. Wenn sich jetzt jemand noch einmal komplett neu einarbeiten müsste, wäre das ein unnötiger Bruch. Wir brauchen Stabilität, sonst gehen viele Bemühungen der vergangenen Jahre verloren. Deshalb will ich weiter machen.

Das Gespräch führte Lisa-Maria Röhling.

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Info

Zur Person

Claudia Bogedan (44) ist seit 2015 Senatorin für Kinder und Bildung. Die Sozialwissenschaft­lerin arbeitete von 2003 bis 2007 an der Uni Bremen, anschließend für die Hans-Böckler-Stiftung in Bonn. Sie ist seit 2002 SPD-Mitglied und war unter anderem von 2005 bis 2007 stellvertretende Juso-Vorsitzende.

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