Stadtteilserie: Folge 11 Borgfeld - Vorstadt zwischen Höfen und Auen

Bremen. Die Linie 4 bewältigt die Lilienthaler Heerstraße rasant schnell. Endhaltestelle: Borgfeld. Die Fahrgäste der Kleinbahn „Jan Reiners“, die bis 1954 Bremen mit Tarmstedt verband, bekamen noch die Anweisung: Blumen pflücken während der Fahrt verboten!
16.10.2010, 09:00
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Von Petra Spangenberg

Bremen. Die Straßenbahn der Linie 4 bewältigt die Lilienthaler Heerstraße, den „Langer Jammer“, rasant schnell. Endhaltestelle: Borgfeld. Die Fahrgäste der Kleinbahn „Jan Reiners“, die von 1900 bis 1954 Bremen mit Tarmstedt verband und auch über Borgfeld fuhr, bekamen noch die Anweisung: Blumen pflücken während der Fahrt verboten! So ändern sich die Zeiten und das Tempo. Hans-Lüder Behrens nutzt zur Fortbewegung am liebsten das Fahrrad – wenn er nicht gerade schwere und große Maschinen bewegt. Der 47-jährige Landwirt aus dem Borgfelder Dorf Butendiek liebt die Natur: „Der weite Blick ins Land, die Ruhe – das zählt.“

Natur und Landwirtschaft sind für ihn eins, auch wenn das Naturschutzgebiet Borgfelder Wümmewiesen, seit 1987 Bremens größtes offizielles Naturrefugium, ihm und seinen Kollegen zu schaffen macht. Ausgleichsmaßnahmen für Bauprojekte und die unter Schutz gestellten Flächen nehmen seinen Hof in die Zange. Und oft kommt in Borgfeld über Wümme und Gräben das Hochwasser.

„Höfe sterben über Generationen“, sagt er und schließt nicht aus, dass er in dritter Generation der letzte Bauer an der Butendieker Landstraße 25 sein könnte. Zusammen mit seinen Eltern bewirtschaftet er den Hof: 60 Hektar Land, davon 50 Hektar für Gras und zehn für Mais – Futterzugabe für die 40 bis 50 Milchkühe.

1983 wurde der Stall für das Vieh errichtet. „Ohne den Stall sähe es ganz schlecht für uns aus.“ Aber auch so sieht er wenig Chancen: „Unser Hof ist nicht mehr entwicklungsfähig“. An rund 35 landwirtschaftliche Betriebe in seiner Jugendzeit kann er sich erinnern, inzwischen zählt er nur noch 14. Trotzdem: „Wir Landwirte sind eine eingeschworene Gemeinschaft, sprechen platt und helfen uns.“

Es geht mit dem Rad durch Borgfeld, und Behrens zeigt immer wieder auf bebaute Flächen: „Das hier war zu meiner Schulzeit noch alles frei.“ Man merkt, er trauert dem alten, dörflichen Borgfeld nach. Timmersloh, Butendiek, Warf, Katrepel – das sind die Dörfer von Borgfeld, das nach dem Zweiten Weltkrieg Bremen zugeordnet wurde.

Erbrichter und Vögte führten zunächst die Geschicke, später kamen dann die Ortsamtsleiter. Timmersloh ist der dörflichste Teil Borgfelds und ragt wie eine Zunge in das niedersächsische Gebiet hinein. Dort sind aus einigen Bauernhöfen nun Reiterhöfe geworden und das ländliche Bild stimmt noch am ehesten.

In Borgfeld lebte Prominenz

Zwei prominente Deutsche lebten lange im ländlichen Borgfeld: Bremens einstiger Bürgermeister Wilhelm Kaisen bezog 1933 seine Siedlungsstelle am Rethfeldsfleet und lebte dort bis zu seinem Tode im Jahr 1979. Prinz Louis Ferdinand von Preußen ließ sich, als Vertriebener aus Ostpreußen kommend, im Wümmehof nieder. Das Gebäude an der Wümme ist auch heute noch im Besitz der Preußenfamilie, soll aber verkauft werden.

Behrens, der noch für die CDU im Beirat Borgfeld sitzt, wegen zeitlicher Überlastung aber über eine Aufgabe des Amtes nachdenkt, fährt mit seinem Rad zielstrebig zur Ecke Katrepeler/Borgfelder Landstraße.

Der Dorfkrug, alte Bäume, Schule, Ortsamt – „hier hat sich so gut wie nichts verändert“, freut er sich und denkt an die Neubaugebiete in Borgfeld-Ost und Borgfeld-West. Er steht ihnen nicht ablehnend gegenüber, sieht die Bebauung und die sprunghafte Bevölkerungszunahme in Borgfeld aber mit gemischten Gefühlen.

Nahe des altdörflichen Kerns bietet die evangelische Kirche von Borgfeld mit ihrem Friedhof ein beschauliches Bild. Nicht weit entfernt der eher quirlige Mittelpunkt Borgfelds: der Platz mit der Linde, wo Gaststätten, Geschäfte und der Wochenmarkt (mittwochs und sonnabends von 8 bis 13 Uhr) locken.

Die Neubaugebiete Ost und West sind etwas mehr als ein Katzensprung entfernt. „Von uns Alt-Borgfeldern hätte kaum jemand gedacht, dass Ost und West so schnell voll werden.“ Mehr Neubaugebiete sind aus Sicht von Behrens nicht drin. Der Beirat wolle das nicht, aber was die Stadt vorhabe wisse man nicht. Ein „mehr geht nicht“ hat auch mit dem Wasser der Wümme zu tun.

Auch Borgfelds ehrenamtlich tätiger Bürgermeister, Ortsamtsleiter Gernot Neumann-Mahlkau, bestätigt: „Bürger und Beirat wollen keine großflächigen Neubaugebiete mehr. Die Grenze ist erreicht, die Infrastruktur kann nicht mithalten.“

Als eines der größten Probleme nennt Neumann-Mahlkau den Mangel an Kindergartenplätzen und Schulräumen für die jüngsten Borgfelder Einwohner: „Es sind vor allem Familien mit Kindern gekommen.“

Die Einwohnerzahl des Stadtteils hat sich von einstmals gut 4000 auf inzwischen etwa 8500 verdoppelt und der Ortsamtsleiter geht davon aus: „In zwei bis drei Jahren haben wir wohl die Marke von 10000 erreicht.“ Denn in Borgfeld-West wird immer noch gebaut, reiht sich Haus an Haus – im Rohbau oder gerade fertig.

Gleichwohl ist Neumann-Mahlkau überzeugt, dass die Gruppen zusammenwachsen, es gebe viele aktive Vereine und eine hohe Identifikation der Bürger mit ihrem Stadtteil.

Zwar versucht die Stadt immer wieder, Grundstücke in Borgfeld für die Wohnbebauung ins Visier zu nehmen, doch die Wümmeregion ist Überschwemmungsgebiet, an vielen Ecken darf und kann nicht gebaut werden. Und das ist gut für den Erhalt der Natur.

Grenze in der Mitte der Straße

Im vergangenen Sommer sind die Flächen ziemlich trocken gefallen, es fehlt der Regen, doch der Mais steht wegen des feuchten Untergrunds besser als auf Feldern in anderen Regionen. Bei den Borgfeldern wird das Hochwasser auch gefürchtet.

Landwirt Hans-Lüder Behrens ist seit fast 30 Jahren bei der Freiwilligen Feuerwehr Timmersloh. Als Ortsbrandmeister muss er sechs- bis achtmal pro Jahr ausrücken – selten zum Löscheinsatz, öfter zum Auspumpen von Kellern und Beseitigen von Sturmschäden.

Sein Hof steht auf einer Warf, leicht erhöht, Wohnhaus, Stall und unter Planen lagernde Silage, Gärfutter für die Tiere, befinden sich nahebei. Gegenüber an der Butendieker Landstraße stehen schmucke Häuser, die Wohnmobile werden geputzt.

Kuriosum: Dort verläuft die Grenze zu Niedersachsen mitten auf der Straße. „Das führt manchmal zu verrückten Situationen, wenn der Müllwagen sechsmal in der Woche kommt.“ Absprachen zwischen Bremern und Niedersachsen können, müssen aber nicht funktionieren.

Abfall-Transport ist auch Sache von Behrens und seinen Kollegen. Wenn der Güllewagen durch piekfeine Ecken fahren muss, weil nur dort die Straße entsprechend breit ist, sind Anwohner schon mal stinkig: „Dann wird ab und zu die Polizei gerufen.“

Das gilt auch, wenn schwere Trecker durch die Wohnstraßen brackern. Schließlich sind unter anderem auch eine neue Schule, ein Kindergarten und eine Seniorenwohnanlage in Borgfeld-West entstanden. Aber Behrens versucht, den Ball flach zu halten: „Mit den meisten Nachbarn verstehen wir uns gut.“

Doch wer neu hierher ziehe, der solle doch bitte auch Verständnis für die Situation der bäuerlichen Betriebe aufbringen, wünscht er sich. Er hat gehört, dass Anwohner Schwellen und Kissen als Verkehrsberuhigung wollen: „Das gibt Konflikte.“

Dennoch sieht er Ansätze von Zusammenhalt von Alt- und Neu-Borgfeldern. Zum Festumzug anlässlich der 775-Jahr-Feier im Juni hätten ganz viele Menschen an den Straßen gestanden und sich vereinzelt auch an der Gestaltung der Umzugswagen beteiligt: „So etwas muss wachsen.“

In Borgfeld-West, wo kompakt und streckenweise auch eng gebaut wird, sieht Behrens eher ein abschreckendes Beispiel für Architektur. Ihm gefällt Borgfeld-Ost besser, auch wenn so etwas sicherlich eine Geschmacksfrage sei. In Ost gebe es noch mehr Raum für Grün.

Gleichwohl steht für ihn fest: „Die Stadt will wachsen, die Stadt zehrt uns langsam aus.“ Zwar fährt auch er mal „nach Bremen“, wenn er Lust auf Unterhaltung hat. Dann geht er an die Schlachte und in den Schnoor, sonst aber fährt er lieber zu Kollegen ins Umland und bleibt auf seinem Hof. Urlaub hat er seit vielen Jahren nicht gemacht, er muss sich um seinen Betrieb, um seine Tiere kümmern.

Behrens Lieblingsplatz ist denn auch nur zwei Steinwürfe von seinem Wohnzimmer entfernt: Auf dem Deich, der vor Hochwasser schützt und von dem man einen herrlichen Rundumblick auf die Wiesen und ins Land hat.

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