Verstaubte Schätze Borgward im Verborgenen

Eine Halle in einem Gewerbegebiet am Rande Bremens ist voll mit Borgward-Modellen. Sie gehören drei Bremer Investoren. Aus ihrer Idee, gemeinsam mit der Stadt diese Sammlung zu präsentieren, wurde nichts.
27.03.2016, 00:00
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Borgward im Verborgenen
Von Jürgen Hinrichs

Eine Halle in einem Gewerbegebiet am Rande Bremens ist voll mit Borgward-Modellen. Sie gehören drei Bremer Investoren. Aus ihrer Idee, gemeinsam mit der Stadt diese Sammlung zu präsentieren, wurde nichts.

Die Tür zur Halle steht auf, eine schmale, niedrige Tür, die trotzdem groß genug ist, um zu erkennen, was sich hinter der Öffnung verbirgt. Ein Auto, winzig, die Farbe blau. Es steht im Dämmerlicht und ist das erste, eines von 40 Fahrzeugen, die hier abgestellt sind. Alle verschieden, aber aus derselben Familie. Sie sind grau geworden vom Staub, Patina überall, die Scheiben oft blind. Sie sind beschädigt oder ihnen fehlt etwas. Ein Wagen hat kein Innenleben mehr, ausgeräumt, man sieht nur noch die Karosserie. Sie sind alt, oder besser: nicht mehr jung. 60 Jahre im Schnitt, das kommt hin. Oldtimer aus der Zeit des Wirtschaftswunders, ramponiert, nicht restauriert, und das macht es aus: Keine totgepflegten Chromblender, deren Seele sich zwischen der zweiten und dritten Lackierung verflüchtigt hat. Das hier sind Gebrauchtwagen, verbrauchte Gebrauchte, obwohl: Der eine oder andere könnte mit ein bisschen Mühe glatt wieder zum Laufen gebracht werden. Schlüssel sind da, Papiere auch.

Die sogenannte Kröll-Sammlung: Lauter Autos aus dem Hause Borgward, Bremens legendärer Autoschmiede mit den Modellen Hansa, Lloyd, Goliath und Borgward. Der Wagen vorne an der Tür, der blaue, ist ein Lloyd. Es ist der erste, auf den man trifft, und der letzte, der hineingeschoben wurde. Die Halle im Gewerbenirgendwo am Rand von Bremen ist pickepackevoll, man muss sich schmal machen, um durchzukommen.

Fern in der Ecke steht ein Wagen der Freiwilligen Feuerwehr, er stammt aus Pöls, einer Gemeinde in Österreich, und ist in so gutem Zustand, dass man daraus noch etwas machen könnte. Ein Löschfahrzeug, das Bier in seinen Tanks hat, zum Beispiel, gibt es alles, und wenn der Wagen von Borgward ist, schauen die Leute hin. Das Unternehmen, 1961 unrühmlich zu Ende gegangen, hat in Bremen mal 20 000 Menschen beschäftigt und Autos auf den Markt gebracht, die heiß begehrt waren. Allein die Isabella: Sie war ein Traum, besonders das Coupé. Als Kombi, wie er in der Halle steht, gab es die Marke eher selten. Daneben die Isabella de Luxe als TS-Version, sie hatte mit ihren 75 PS richtig Kraft, fast wie ein Sportwagen.

Aus Österreich kommen die meisten der Autos, der Sammler hat dort gelebt; er hieß Helmut Kröll, war Vorsitzender des Borgward-Clubs in seinem Land und wie verrückt hinter allem her, was aus der Bremer Fabrikation stammte. Als der Mann starb, ließ seine Frau die Autos unberührt, zehn Jahre standen sie in einem Schuppen. Journalisten bekamen irgendwann Wind davon und berichteten im Fernsehen, eine Oldtimer-Sendung. So erfuhren es die Bremer, drei Männer: Heiner Hellmann von Pier 2, Edu Woltersdorff vom Modernes und der Bauunternehmer Lüder Kastens. „Wir sind gar nicht so die Oldtimer-Freaks“, sagt Kastens, der mit zur Halle gekommen ist, „es war Lokalpatriotismus, etwas, was aus Bremen gekommen ist, sollte nach Bremen zurück.“ Ihr Vorteil gegenüber den anderen Bietern: Sie wollten keine Einzelstücke, sondern die komplette Sammlung mitsamt der vielen Ersatzteile. Die Männer machten das Geschäft perfekt, sie zahlten sechsstellig, eine hübsche Summe, doch Kastens weiß genau: „Geld verlieren kann man damit nicht.“ Oldtimer sind in den vergangenen Jahrzehnten im Wert gewaltig gestiegen, sie wurden zu Spekulationsobjekten, zu einer Kapitalanlage.

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Vor zwölf Jahren holten die drei Männer die Sammlung nach Bremen, in der Hoffnung, ja Erwartung, dass die Stadt mitmacht und gemeinsam mit ihnen Ideen entwickelt, wie dieses Stück Technikgeschichte präsentiert werden kann. „Da kam aber nichts“, sagt Kastens und zuckt mit den Schultern. Er hat sich damit abgefunden. Stattdessen werden mittlerweile fünf der Fahrzeuge in Schuppen Eins am Europahafen ausgestellt, Autos, die restauriert sind. Den großen Rest haben sie von einem Borgward-Experten genau begutachten lassen – was lohnt noch, was nicht mehr? Am Ende, vielleicht schon in ein paar Monaten, wird es die Sammlung nicht mehr geben, nur noch einzelne Exponate.

Den da, „den lassen wir so“, sagt Kastens. Einen Lloyd 300, der aussieht, als wäre er in einem Kokon eingesponnen: Schwarz, ein mattes, staubiges Schwarz, und knubbelig. Fast kein Auto mehr, mehr Artefakt. Der Kleinwagen bot nach dem Krieg die Chance, für wenig Geld einen fahrbaren Untersatz zu ergattern. Berge hinauf sollte es bei nur zehn PS freilich besser nicht gehen. Berge hinunter auch nicht, denn wehe die Bremsen versagten. Wie später beim Trabi in der DDR waren es keine starken Bleche, die bei einem Aufprall schützen konnten. Die Karosserie des Lloyd 300 bestand aus Sperrholz, überzogen mit einer Kunstlederhaut. Gab es Schäden, wurde kurzerhand zu Leukoplast-Pflaster gegriffen. Daher sein Spitzname: Leukoplast-Bomber. Und weil es nicht ganz ungefährlich war, damit zu fahren, gab es gleich noch ein Spruch oben drauf: „Wer den Tod nicht scheut, fährt Lloyd!“

Das sind die Geschichten, es gibt viele davon. In der Halle, die nach altem Auto riecht, dieser Mischung aus Öl, Schmierfett und dem Muff von zerschlissenen Stoffen und Polstern, steckt ein Konzentrat von Nachkriegszeit und Wiederaufbau. Die Lastkarren auf drei Rädern – so kam Obst und Gemüse in die Stadt, so wurde Schutt weggeschafft oder Schrott. Die größeren Transporter – das war dann schon echtes Gewerbe. Oder dieser Bus, putzig, drei Sitzreihen, was für Zwerge. Oder der Leichenwagen, auch so etwas gibt es in der Sammlung, ein Kombi, der grau ist, nicht schwarz.

Die Autos für den privaten Gebrauch sind Zeugnis dafür, dass der Krieg kein Gleichmacher war, jedenfalls nicht nachhaltig, denn schnell tat sich wieder eine Kluft auf. Kleine Leute, die froh waren, überhaupt mobil zu sein, und andere, die sich etwas leisten konnten, einen P 100 zum Beispiel, den Großen Borgward, wie er genannt wurde. „Das war damals die stärkste Limousine“, weiß Kastens, „100 PS und mit Luftfederung, wie früher beim Citroën.“ In der Halle stehen zwei davon, der eine grau und distinguiert, der andere bordeauxrot. Beide mit Heckflossen, dem Sinnbild für Dynamik.

Ganz hinten in der Halle, wo kaum noch Licht hinkommt, stapeln sich die Ersatzteile: Kühlerhauben, Polster, Tanks, Getriebe, Auspuff-Anlagen, Reifen, Radkappen, Scheinwerfer – alles original. Eine Fundgrube für Borgward-Fans. Anfang Mai kommen sie in Bremen zu einem Welttreffen zusammen, erwartet werden 1000 Teilnehmer und 500 Oldtimer. Kastens und seine Kumpel wollen das nutzen und zeigen, was sie haben. Sie planen eine Teilebörse, vieles soll versteigert werden. Vielleicht geht ja auch ein ganzes Auto weg, vielleicht auch mehrere. Borgward ist Geschichte in Bremen – die Sammlung bald auch.

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