Nach über 40 Jahren Boutique Tan Tan im Viertel schließt Ende März

Was Silke Leisewitz von ihren Reisen mitbrachte verkaufte sie im Tan Tan. Nach mehr als 40 Jahren schließt die Boutique Tan Tan im Steintor. Der neue Hauseigentümer will das Gebäude aufstocken.
11.02.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Britta Kluth

Bestickte Blusen aus Indonesien, Pullis aus nepalesischer Yakwolle, handgefertigte Ketten und Ringe aus Indien, Henna, Kajal und Tigerbalsam aus Nordafrika – Silke Leisewitz brachte von ihren Reisen nicht nur viele Eindrücke mit, sondern auch begehrte Mitbringsel. Anfangs nur für Freunde gedacht, öffnete sie 1973 ihren Laden im Steintor. Tan Tan nannte sie ihn, nach einer marokkanischen Karawanserei, eine Herberge entlang der nordafrikanischen Karawanenstraßen. Heute ist zwar das Sortiment der Boutique ein anderes, wegzudenken aus dem Viertel ist sie trotzdem nicht. Etliche Bremerinnen finden hier ihre Lieblingsdesigner versammelt. Doch die Anlaufstelle für angesagte Modelabels ist bald Geschichte. Das Haus in der Straße Vor dem Steintor 180 hat einen neuen Eigentümer und soll aufgestockt werden. Inhaberin Silke Leisewitz hat sich deshalb entschieden, ihren Laden zu schließen. Leicht fiel ihr das nicht.

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„Ich hatte eigentlich nie vor, eine Boutique aufzumachen“, erzählt sie. „Aber immer wenn ich von meinen Reisen zurückkam, hörte ich von meinen Freunden, ich solle ihnen das nächste Mal auch so etwas mitbringen.“ Ferne Länder haben es ihr angetan. Abseits touristischer Pfade reiste sie durch Indien, Nordafrika, Asien, Südamerika und Nepal. „Als Europäer wurde man damals mit offenen Armen begrüßt. Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt und Freundschaften geschlossen. Für die Erfahrungen, die ich gemacht habe, bin ich heute noch dankbar.“ All die Schätze, die sie mitbrachte, mussten vor allem eines sein: authentisch. Sie liebe es, wenn Dinge eine Geschichte haben, sagt Leisewitz. So verkaufte sie das, was sie auf ihren Reisen entdeckte. Und das kam von Anfang an gut an. „Als Regale hatten wir Apfelsinenkisten und Besenstile ersetzten Aufhänger“, erinnert sie sich lachend. „Es war ein Riesenaufwand, unsere Waren einzuführen.“ Manchmal landeten sie sogar zur Inspektion im Labor, wie im Falle der Bidis. Die indischen Mini-Zigaretten, die aus einem Tendublatt als Hüllblatt bestehen, galten damals als hip, und Tan Tan war der erste Laden in Bremen, der sie verkaufte.

Die Boutique jedenfalls lief so gut, dass Silke Leisewitz kaum noch reisen konnte. Nach und nach kaufte sie immer mehr Sachen hinzu. Ihrer Philosophie aber blieb sie treu. „Ich lege großen Wert auf individuelles Design und gute Qualität“, betont sie. „Für mich ist wichtig, sich keinem Modediktat zu unterwerfen. Kleidung muss zum Typ passen. Schöne Stücke kann man auch länger als ein Jahr tragen.“ So sind unter den Labels viele, die nicht an jeder Ecke zu haben sind. Wenn sie ein Label interessiert, lässt Silke Leisewitz nicht locker. Dann fährt sie schon mal ins Ausland, um es für ihre Boutique zu gewinnen. „Ich bin immer auf der Suche nach tollen Designs kombiniert mit hochwertigen Materialien. Die Designerin Annette Görtz zum Beispiel habe ich Ende der 80er-Jahre auf einer Messe in Düsseldorf entdeckt, da war sie noch ganz neu und ihre Kollektion umfasste gerade mal 20 Teile. Heute ist sie eine der wichtigsten Adressen auf dem internationalen Modemarkt.“

Unterstützt wird Silke Leisewitz von ihrer Schwester Bianca Buchmann, die vor elf Jahren von Hamburg an die Weser zog und für die kreative Note im Laden verantwortlich ist. Außerdem ist sie auf Messen ihre rechte Hand. Auch von ihrer langjährigen Mitarbeiterin Karin Steiger, die über 30 Jahre engagiert an ihrer Seite war, trennt sie sich beruflich nur ungern. „Alles steht und fällt mit dem Team“, weiß die Geschäftsfrau. „Bei uns herrscht eine sehr persönliche und familiäre Atmosphäre. Oft duzt man sich. Wir kennen unsere Kundinnen sehr gut und wissen meist, was ihnen gefallen könnte.“ Manchmal sei sogar keine Beratung nötig, weil die Frauen das unter sich ausmachen, erzählt sie schmunzelnd. Nicht selten komme es zudem vor, dass gleich drei Generationen gemeinsam bei Tan Tan shoppen. „Irgendwann sind die kleinen Kinder, die ihre Mütter beim Einkauf begleitet haben, selbst zu Kundinnen geworden“, berichtet Leisewitz. „Es ist unheimlich schön zu sehen, wie Mode mehrere Generationen verbindet.“ Bekannt ist die Boutique aber noch für etwas ganz anders, nämlich eine gute Musikauswahl. „Wir haben ein Faible für Klassik, Jazz und Weltmusik. Immer wieder hören wir von den Leuten, dass sie nicht nur gern zum Stöbern kommen, sondern auch, um dabei entspannt Musik zu hören.“

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Einziger Wermutstropfen in den langen Jahren war vielleicht die Größe des Ladens. Die hätte etwas großzügiger ausfallen dürfen. „Eigentlich ist die Fläche viel zu klein, um alle Labels angemessen zu präsentieren. Ich wollte aber in der Ecke bleiben. Mein Traum, den Laden nebenan zu übernehmen, einen Durchbruch zu machen und noch ein kleines Café einzurichten, hat sich leider nie erfüllt.“ Auf die Frage, was sie am meisten vermissen werde, hat die Modeexpertin schnell eine Antwort: die anregenden Gespräche mit ihren Kundinnen. „Als ich von den geplanten baulichen Veränderungen erfuhr, habe ich lange überlegt, was ich tun soll. Aber ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste und es gibt immer noch einige Länder, die ich auf meiner Wunschliste habe.“ Ende März ist deshalb Schluss. Auch wenn einige Kundinnen das nicht glauben möchten. „Die Reaktionen waren so rührend. Einige haben angefangen, einen neuen Laden für uns suchen. Andere brachten uns Kuchen, Blumen oder Briefe als Dankeschön.“ Trotzdem begann im Dezember der Räumungsverkauf. Fünf Tage lang, dann machte der Lockdown dem Tan-Tan-Team einen Strich durch die Rechnung. „Wir hoffen, dass wir noch mal öffnen können“, sagt Leisewitz. Am 31. März aber ist endgültig Schluss und ein Bremer Moderefugium Geschichte.

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Zur Sache

Durch Aufstockung entsteht neuer Wohnraum

Der Bedarf an neuen Wohnungen ist groß, doch das Angebot an Flächen in der Stadt Bremen begrenzt. Bereits seit 1990 gibt es deshalb das Bremer Baulückenprogramm, mit dessen Hilfe der städtische Raum weiter verdichtet werden soll. Von Interesse sind dabei aber nicht nur Baulücken, sondern ebenso bestehende Gebäude, die um weitere Etagen aufgestockt werden können. Letzteres hat auch der neue Eigentümer, die Aktas Immobilien GmbH, in der Straße Vor dem Steintor 180 vor. Geplant hat er ein mehrgeschossiges Wohngebäude mit zwei Gewerbeeinheiten. Ein Bauantrag wurde noch nicht gestellt. Auch der Baubeginn ist noch offen. Für den Entwurf und die Umsetzung hat der Eigentümer das Team von Wirth Architekten mit Sitz in der Mathildenstraße ins Boot geholt.

„Es ist für uns eine Ehre, hier im Viertel etwas Neues zu schaffen und einen Beitrag zum Stadtgeschehen zu leisten“, freut sich Architekt Benjamin Wirth über die Mitarbeit an dem Projekt. „Vor dem Steintor ist eine interessante Straße, ein urbanes Zentrum, das eine besondere Architektur verdient hat.“ Gleichzeitig solle sich der Entwurf aber auch in das vorhandene Stadtbild einfügen. Die Aufstockung werde sich deshalb an der Höhe der Nebengebäude orientieren. „Wir sind noch inmitten der Planung“, sagt Wirth. „So viel kann ich aber schon jetzt verraten, das Haus wird eine sehr schöne Fassade bekommen.“

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