Sechs Monate nach der Brandkatastrophe Brand-Ermittlungen bei Harms am Wall ziehen sich hin

Fast ein halbes Jahr ist es her, dass das Bekleidungsgeschäft Harms am Wall ausbrannte. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter in alle Richtungen, sagt ein Sprecher der Bremer Staatsanwaltschaft.
31.10.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Brand-Ermittlungen bei Harms am Wall ziehen sich hin
Von Frauke Fischer

Fast ein halbes Jahr ist es her, dass das traditionsreiche Bekleidungsgeschäft Harms am Wall ausbrannte. Noch Monate später wehte aus der Ruine der Geruch von Ruß den Boulevard entlang und in die Wallanlagen. Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln weiter in alle Richtungen, sagt Frank Passade, Sprecher der Staatsanwaltschaft.

Geschlossen werden die Akten nicht so schnell. „Das kann sich noch ins nächste Jahr oder länger hinziehen.“ Ob der oder die Täter je gefasst werden? Und: Ging es nur um Brandstiftung oder gar um Mord, wie die Schilderung des Harms-Geschäftsinhabers Hans Eulenbruch nahelegt? Fakt ist: Die Auswirkungen der Katastrophe reichen bis in die Gegenwart. Anwohner, Einzelhändler, Kunden und Passanten spüren sie.

Hans Eulenbruch ist selbst ins Fadenkreuz der Ermittler geraten, wurde kurzzeitig festgenommen und beteuert weiterhin seine Unschuld. In kleineren Räumen hat er sein Geschäft mit Damenbekleidung und Heimtextilien am Wall wieder eröffnet. „Lieferanten und Kunden haben zu uns gehalten“, sagt er und freut sich mit seinen Mitarbeiterinnen, wenn wieder jemand hereinspaziert und feststellt: „Das ist aber schön geworden.“ Der Laden brauche Lauf, sagt Eulenbruch. Und mit diesem Wunsch ist er nicht allein im Kreis der Einzelhändler.

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Dass Kunden ausbleiben, schieben sie vor allem auf die jetzige Verkehrsführung, die der mehrmonatigen Vollsperrung für Autos gefolgt ist. Es gab viele Überlegungen, wie den Wall-Geschäftsleuten geholfen werden könnte. Die Wirtschaftsbehörde gab Geld frei für Werbemaßnahmen. Seit einigen Wochen ist der Wall nun bekanntlich eine Einbahnstraße zwischen Bischofsnadel und Herdentorsteinweg. Ein Modellversuch.

Zu unübersichtlich, schwer verständlich, heißt es von Kritikern. Auch die Polizei hat schlechte Erfahrungen gemacht und sie an das Amt für Straßen und Verkehr (ASV) weitergegeben. Die im September eingeführte Einbahnstraßenregelung gilt für den Wall von der Ostertorstraße in Richtung Herdentorsteinweg. Der Abschnitt zwischen Bischofsnadel und Ostertorstraße ist allerdings in beide Richtungen befahrbar. Autos, die aus der Bischofsnadel kommen, dürfen nach rechts oder links auf den Wall einbiegen. Weiße Straßenmarkierungen sind neu geschaffen, allerdings zum Teil auch durch gelbe, also provisorische, Streifen überklebt und damit außer Kraft gesetzt worden. Auch einen Radweg weisen die Markierungen auf dem Fahrbahnbelag aus. Während auf dem hinteren Abschnitt zwischen Bischofsnadel und Polizeihaus weiterhin das Parken auf dem Bürgersteig vor den Geschäften erlaubt ist, sind die entsprechenden Schilder auf dem anderen Teilstück zugehängt, dafür wurden Parkbuchten auf der Fahrbahn in Richtung Herdentor ausgewiesen.

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Was sich schon in der Schilderung kompliziert anhört, wird offenbar auch von vielen Verkehrsteilnehmern so wahrgenommen. „Wir haben hier viele Beinahe-Unfälle und Falschparker. Einige Verkehrsschilder sind schlecht sichtbar“, sagt Nils Matthiesen, Sprecher der Polizei, über die Erfahrungen aus dem Revier und von Kontaktbeamten. Darüber habe die Polizei auch das Amt für Straßen und Verkehr (ASV) informiert. „Es muss nachgebessert werden, damit es nicht zu Verkehrsunfällen kommt“, sagt Matthiesen. Gerade Auswärtige fänden sich schlecht zurecht.

Das bestätigen Geschäftsleute wie Stefan Storch oder die Buchhändlerin Bettina Wassmann. „So viele Geisterfahrer wie jetzt habe ich noch nie gesehen“, sagt Storch. Viele langjährige Kunden blieben weg – wegen der jetzt notwendigen Umwege über den Ostertorsteinweg oder die Bürgermeister-Smidt-Straße und die Martinistraße. Das seien gerade Kunden aus Lilienthal, Borgfeld, Oberneuland und Schwachhausen, und sie gehörten zur klassischen Wall-Klientel.

„Das Weihnachtsgeschäft ist damit tot“, sagt Wassmann. Sie habe sich vor dem Modellversuch für eine Einbahnstraße ausgesprochen, „aber in die andere Richtung und nicht so wie jetzt“. Storch, der auch Sprecher der Wall-Werbegemeinschaft ist, beklagt „massive wirtschaftliche Einbußen“. Die Mitglieder seien sich mit Handelskammer und City-Initiative darüber einig, dass die beste Lösung eine Rückkehr zur alten Verkehrsführung wäre; mit jeweils einer Spur pro Richtung bei der jetzt geltenden Geschwindigkeitsreduzierung auf Tempo 30.

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Die Zwischenbilanz der Verkehrsbehörde sieht anders aus: „Der Verkehr fließt einwandfrei“, sagt Sprecher Jens Tittmann. Auf einigen Straßen gebe es ein leicht erhöhtes Verkehrsaufkommen. Dass Verkehrsteilnehmer irritiert reagierten, schreibe man der „Eingewöhnungsphase“ zu. Einwänden wolle man sich aber nicht kategorisch verschließen.

Dass ein Abriss der Harms-Ruine und ein Neubau zügig vorangehen könnten und sich damit die Lage am Wall endgültig stabilisiert, ist selbst für Marco Bremermann, Eigentümer der Immobilie, offenbar nicht sicher. Noch vor wenigen Wochen zeigte er sich zuversichtlich, dass der Abriss noch dieses Jahr beginnen könne. „Aber vieles hängt nun von der Versicherung und den Genehmigungsverfahren ab“, sagt Bremermann jetzt.

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