Eltern fordern mehr Personal

Brandbrief aus der Kita

Eltern aus 15 Bremer Kitas fordern von der Senatorin mehr Personal. Dazu wollen sie am Dienstag einen Brandbrief mit über 700 Unterschriften an Senatorin Claudia Bogedan (SPD) überreichen.
11.12.2017, 17:55
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Brandbrief aus der Kita
Von Antje Stürmann

Hunderte Eltern von Kindergartenkindern reicht es. Sie haben die Nase voll davon, dass sie ihre Kinder eher aus der Kita abholen müssen, weil es dort an Personal fehlt. Und dass sich viele sorgen, ob ihre Kinder gut betreut sind. In einem Brandbrief fordern sie die zuständige Senatorin Claudia Bogedan (SPD) auf, sofort etwas gegen den aus ihrer Sicht dramatischen Personalmangel zu unternehmen.

Bereits vor einem Jahr hatten Eltern die Personalsituation im Kinder- und Familienzentrum an der Carl-Friedrich-Gauß-Straße in Horn kritisiert. „Es ist leider keine Besserung eingetreten“, schreibt der Elternbeirat an die Senatorin. „Wieder einmal ist unsere Kita personell nicht in der Lage, den normalen Betrieb der Einrichtung zu gewährleisten.“ Im Alltag bedeute das: Gruppen werden zusammengefasst und Eltern gebeten, ihre Kinder zu Hause zu lassen oder eher abzuholen.

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„Dabei sind in unserer Kita sämtliche Stellen besetzt, und das zeitliche und persönliche Engagement der pädagogischen Fachkräfte sowie der Leitung ist sehr hoch“, loben die Eltern. Die Ursache der Personalknappheit liege vielmehr darin, dass es fast keine Vertretungskräfte mehr gebe im Pool des Trägers, der städtischen Gesellschaft Kita Bremen. Sieben der 40 Springerstellen sind nach Angaben von Kita Bremen derzeit unbesetzt. Dafür habe man derzeit drei Bewerber.

Viele der verbleibenden Springer ersetzen vakante Stellen in den Kitas. Fallen dort zusätzlich Betreuerinnen wegen einer Erkrankung aus (zurzeit 250), komme es sofort zu Engpässen – die restlichen Erzieherinnen schieben Überstunden. Diese abzubauen, sei das zweite Problem, sagt Elternsprecherin Petra Katzorke.

„Weil die meisten Eltern während der Ferien arbeiten und ihre Kinder in die Betreuung geben, muss die Kita genauso viele Kräfte vorhalten wie im Normalbetrieb.“ Folge: Die Erzieherinnen nehmen während des normalen Betriebs Urlaub und bauen Überstunden ab. Das verschärfe die Lage.

Ursache des Mangels liegt auf der Hand

Probleme gibt es nicht nur in der Einrichtung an der Carl-Friedrich-Gauß-Straße. Nach Angaben von Kita Bremen sind alle Kindertagesstätten betroffen, auch die anderer Träger. „Ich habe weniger Personal, als ich benötige, um die Gruppen aufrecht zu erhalten“, sagt die Leiterin der Kita im Kinder- und Familienzentrum Vorstraße, Carola Sperling. Für zwei vakante Stellen habe sie einen Springer bekommen. Sechs Kolleginnen seien krank.

„Deshalb haben wir die Eltern heute gefragt, ob sie ihre Krippenkinder zu Hause betreuen können.“ Irgendwie, sagt Sperling, habe es das Team bislang geschafft, dass das Haus nicht schließen musste. Aushilfen aus Krippe und Hort arbeiteten in der Kita. „Wir haben Angebote gestrichen und Ausflüge gecancelt, um den Betrieb aufrecht zu erhalten“, berichtet Sperling.

Der große Einsatz der Kolleginnen könne jedoch seinen Preis haben, befürchtet sie. „Sie halten tapfer durch, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie zusammenklappen.“ Die Ursache des Mangels an Springerkräften liegt für Sperling auf der Hand: „Es gibt keine Fachkräfte.“

Mäßiger Erfolg

Das sei ein bundesweites Phänomen. Bremen habe über Jahre versäumt, genügend Erzieherinnen auszubilden. „Ich befürchte, die Behörden haben die Lage falsch eingeschätzt.“ Hinzu kommt: Ab August soll es 90 neue Gruppen geben. „Woher soll das Fachpersonal kommen“, fragt sich Sperling und fordert: „Wir müssen schnellstens und mit unterschiedlichen Mitteln viele Erzieher ausbilden.“

Der Geschäftsführer von Kita Bremen, Wolfgang Bahlmann, versichert: „Wir tun alles, um zusätzliches Personal zu bekommen.“ Doch die Annoncen und die angebotene übertarifliche Bezahlung für Vertretungskräfte zeigten bislang nur mäßigen Erfolg. „Wir versuchen, gemeinsam mit den Behörden mittelfristig auf einen besseren Pfad zu kommen.“

2018 könne Kita Bremen zusätzlich 30 Erzieherinnen im Anerkennungsjahr einsetzen. „Ab August 2018 wird ein dualer Ausbildungsgang mit 50 Plätzen eingeführt.“ Außerdem dürften in Kitas nun auch sozialpädagogische Asisstenten arbeiten. Das bringe noch einmal 25 Stellen.

Fachkräfte in anderen Bundesländern anwerben

Um ihrer Forderung nach mehr Personal Nachdruck zu verleihen, wollen die Elternbeiräte ihren Brandbrief mit mehr als 700 Unterschriften aus 15 Einrichtungen an diesem Dienstag der Senatorin übergeben. Der Gesamtelternbeirat unterstützt die Initiative. Auf Facebook äußern Eltern unter #kitanotstandhb ihren Unmut über die Betreuungssituation. Besonders frustrierend für die Eltern: Einige bezahlen seit Kurzem bis zu 80 Prozent höhere Gebühren.

Und die Politiker haben beschlossen, die Gruppenstärken ab August auf 21 Kinder zu erhöhen. Eine Familie will nun gegen Kita Bremen klagen. Ihr fünfjähriger Sohn hat sich bei einem Unfall im Kindergarten zwei Zähne ausgeschlagen. Nur zufällig sei dies von einer Erzieherin entdeckt worden, die den Notarzt gerufen habe. „Unserer Kita mache ich keine Vorwürfe.

Aber gegen Kita Bremen werde ich vorgehen“, sagt die Mutter des Jungen, Sarah Müller. Ihren Angaben zufolge waren am Tag des Unfalls drei Erzieher für über 80 Kinder verantwortlich. Um dem Notstand zu begegnen, will Bremen laut Behördensprecherin Annette Kemp unter anderem Fachkräfte in anderen Bundesländern anwerben. Ab 2018 soll es weitere 100 Teilzeitausbildungsplätze für Erzieherinnen geben.

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