ARD-Magazin prangert Bremer Sparkurs an

Braucht die Feuerwehr zu lange?

Sind Bremer stärker gefährdet als Einwohner anderer Großstädte, wenn es brennt? Ja, behauptet das ARD-Magazin Plusminus. Zwischen Alarmierung und intreffen der Feuerwehr vergehe zu viel Zeit.
08.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Elke Gundel

Sind Bremer stärker gefährdet als Einwohner anderer Großstädte, wenn es brennt? Ja, behauptet das ARD-Magazin Plusminus. Denn zwischen der Alarmierung und dem Eintreffen der Feuerwehr am Einsatzort vergehe zu viel Zeit. Nein, sagt die Sprecherin der Innenbehörde, Rose Gerdts-Schiffler, und verweist unter anderem auf ihre Daten. Und „wahrscheinlich nein“ sagt Bernd Bauer, Personalratschef der Berufsfeuerwehr: Zwar sei die Feuerwehr unterbesetzt. Die Schlussfolgerung des Fernsehmagazins, das einen Zusammenhang zwischen Sparkurs und Zahl der Brandopfer in Bremen nahelegt, teile er jedoch nicht.

Es geht um das sogenannte Schutzziel, also um die Zeitspanne zwischen dem Notruf in der Leitzentrale und dem Eintreffen der Retter am Einsatzort. Als Maßstab gilt ein Wert, den die Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren (AGBF) auf Basis eines standardisierten Einsatzes entwickelt hat. Danach sollen zehn Feuerwehrleute acht Minuten nach dem Anruf an Ort und Stelle sein. „Das gilt als anerkannter Stand der Technik“, erklärt Personalratschef Bauer. Nur wenn diese acht Minuten eingehalten würden, könnten die Retter bewusstlose Bewohner im Obergeschoss eines brennenden Hauses noch rechtzeitig reanimieren.

Angaben der ARD seien falsch

In Bremen ist die Regelung etwas anders: Spätestens nach zehn Minuten müssen acht Einsatzkräfte vor Ort sein. Nach zehn Minuten reiner Fahrzeit, sagt der Sprecher der Feuerwehr, Michael Richartz. Dazu kommt die Ausrückezeit von anderthalb Minuten – also die Zeit, bis die Kollegen startklar im Fahrzeug sitzen. Insgesamt elfeinhalb Minuten zwischen Notruf und Eintreffen am Brandort – nach der Berechnung der AGBF bleiben in Bremen damit nur noch 30 Sekunden, um einen Bewusstlosen aus den Flammen zu retten.

Kaum Chancen also für die Feuerwehr, überhaupt noch zu helfen? Rose Gerdts-Schiffler weist das zurück. Die Zahl der Toten, die 2014 bei Bränden in der Stadt zu beklagen waren, habe nichts mit dem Schutzziel zu tun: „Es gab vier Todesopfer. In jedem Fall war die Feuerwehr innerhalb von acht Minuten vor Ort. Das AGBF-Schutzziel wurde also immer eingehalten.“ In den vergangenen Jahren seien in der Stadt jeweils drei bis fünf Menschen bei einem Brand gestorben. Bezogen auf alle 550 000 Bewohner, nicht nur auf 100 000 Einwohner, wie bei Plusminus angegeben.

Fast immer in 10 Minuten vor Ort

Und manchmal gebe es Brände, bei denen die Feuerwehr schlicht machtlos sei. Wie bei jener Tragödie Anfang 2013, als ein Vater sich und seine beiden Kinder in einer Gartenlaube in Grolland getötet hat. Der Rückschluss vom Schutzziel auf die Zahl der Brandopfer, wie von Plusminus vorgenommen, greife also zu kurz, sagt Innenressort-Sprecherin Gerdts-Schiffler.

Auch an den Daten des TV-Berichts hat sie Kritik. Aus der Umfrage, deren Ergebnisse das Fernsehmagazin im Internet veröffentlicht hat, gehe hervor, dass von 75 deutschen Großstädten (über 100.000 Einwohner) nur 36 geantwortet hätten. 21 Städte hätten angegeben, sie würden sich am strengeren AGBF-Schutzziel orientieren. „Jedoch erreichen nur sechs Städte dieses Ziel“ – was bedeutet, dass die vorgegebenen acht Minuten in 90 Prozent aller Einsätze eingehalten worden sind. In Bremen gilt dagegen, dass die Retter in 95 Prozent der Einsätze nach höchstens zehn Minuten an Ort und Stelle sein müssen. „Vergangenes Jahr haben wir das punktgenau geschafft“, sagt Feuerwehr-Sprecher Richartz.

70 neue Feuerwehrleute eingestellt

Als Sorgenkinder in Bremen gelten jedoch seit Jahren neben dem Blockland der Nordosten und der Südosten Bremens, also Borgfeld und Oberneuland sowie Huckelriede, Habenhausen und Arsten. In den beiden Regionen sei Bremen in jüngerer Vergangenheit deutlich gewachsen. Darauf sei die Struktur der sechs Feuerwachen, die wie Perlen einer Kette entlang der Längsachse der Stadt aufgereiht sind, nicht ausgerichtet. „Deshalb gibt es das Konzept, die Feuerwache in der Benningsenstraße aufzulösen und dafür zwei neue Wachen im Norden und im Süden der Stadt einzurichten.“ Am Bremer Schutzziel ändere das jedoch nichts. „Natürlich würden wir lieber mit zehn Leuten in höchstens acht Minuten am Einsatzort sein“, sagt die Behördensprecherin. Doch dafür müssten praktisch alle Feuerwachen verlegt, also neu gebaut werden. Das könne niemand bezahlen.

Wie berichtet, wird die Berufsfeuerwehr nun personell verstärkt – von jetzt etwa 530 Beschäftigten auf künftig 600. Das sei ein erster Schritt, sagt Personalratschef Bauer. „Das reicht aber nicht.“ Denn Bremen unterschreite das Schutzziel der AGBF ja auch personell. Acht statt zehn Feuerwehrleute im ersten Zugriff, das bedeute, dass in den ersten fünf Minuten zwei Einsatzkräfte fehlten, um die Kollegen abzusichern.

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