Lindenstraße in Bremen-Vegesack

120 Corona-Infizierte in Flüchtlingserstaufnahme

In der Landeserstaufnahmestelle in der Lindenstraße sind mittlerweile 120 Bewohner positiv auf das Coronavirus getestet worden. Sie waren vorsorglich getestet worden. Die Senatorin kündigte nun Besserungen an.
23.04.2020, 22:23
Lesedauer: 2 Min
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120 Corona-Infizierte in Flüchtlingserstaufnahme
Von Carolin Henkenberens
120 Corona-Infizierte in Flüchtlingserstaufnahme

In der Erstaufnahmestelle in Bremen-Vegesack in der Lindenstraße sind 120 Menschen mit dem Coronavirus infiziert.

Sina Schuldt/dpa

Bremen. In der Bremer Erstaufnahmestelle für Asylbewerber und unerlaubt Eingereiste gibt es 120 bestätigte Corona-Fälle. 69 Testergebnisse stehen noch aus. Das sagte Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) am Donnerstag bei einer Pressekonferenz. Alle 374 Bewohnerinnen und Bewohner und alle Mitarbeiter sind vorsorglich getestet worden. Vier Angestellte der Arbeiterwohlfahrt seien infiziert. Alle Bewohner der Unterkunft stünden mittlerweile unter Quarantäne, auch negativ Getestete, da sie als Kontaktpersonen gelten.

Stahmann sagte, die Zahl von 120 Infizierten könne im ersten Moment erschrecken. Allerdings sei bekannt, dass sich viele Menschen mit dem Coronavirus ansteckten, ohne Symptome zu zeigen. Auch die Bewohner der Erstaufnahme lägen nicht krank im Bett oder im Krankenhaus. Die Senatorin forderte generell mehr Tests in der Gesellschaft: „Es muss mehr getestet werden, damit wir einen Blick bekommen auf das Dunkelfeld.“

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Zugleich kündigte Stahmann bauliche und organisatorische Verbesserungen in der Landeserstaufnahmestelle (Last) an. So soll etwa eine weitere Internetleitung verlegt werden, weil in einigen Zimmern der Empfang schwach ist. Die Lüftung soll durch eine Klimaanlage ersetzt und ein neutrales Beschwerdesystem eingeführt werden. Zudem soll die Zahl der Bewohner weiter reduziert werden. Eine Zielzahl nannte Stahmann nicht. Das hänge auch von der Verfügbarkeit günstigen Wohnraums ab. Menschen aus Übergangswohnheimen, die schon länger in Deutschland leben, können in reguläre Wohnungen ziehen und somit Platz für Last-Bewohner machen. Stahmann betonte, sie halte den Begriff „Lager“ für die Erstaufnahmestelle oder Vergleiche mit Camps in Griechenland für falsch. Das 2016 modernisierte Gebäude in Vegesack habe bei ihrem Besuch am Mittwoch einen guten baulichen Eindruck gemacht, es sei sauber gewesen.

Damit reagierte sie auf Kritik eines Bündnisses aus Bewohnern, Flüchtlingsrat und weiteren Organisationen. Es fordert seit Wochen die Schließung der Last. Schutz vor Corona sei dort nicht möglich. Der Bremer Flüchtlingsrat reagierte am Donnerstag umgehend auf die neuen Zahlen. Diese seien „extrem schockierend, aber sie verwundern nicht – denn sie waren absehbar“. Das starre, rücksichtslose Festhalten der Senatorin an der Massenunterkunft habe zu dieser Gefährdung der Gesundheit Hunderter von Menschen geführt, erklärte der Flüchtlingsrat. Über Wochen habe die Senatorin die Belange der Menschen nicht ernst genommen und deren Gesundheit riskiert, ergänzte Holger Dieckmann vom Flüchtlingsrat. Die Senatorin versuche jetzt, der Öffentlichkeit die hohe Zahl von Infizierten „als Normalität“ und als „ihre besondere Aufklärungsleistung zu verkaufen“.

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Linken-Sozialpolitikerin Sofia Leonidakis kritisierte: „Eine Dauerquarantänisierung in Räumen, deren Fenster nicht einmal geöffnet werden können, ist unzumutbar.“ Sie forderte, es müssten Hotels oder Pensionen gemietet werden – ein Verweis auf die Gesundheitssenatorin, die Hotels für Frauenhäuser mietet. Stahmann verteidigte sich: Die Hotels, die Zimmer für Geflüchtete angeboten haben, hätten Brandschutz- oder Baurechtsvorgaben nicht erfüllt oder „Mondpreise“ verlangt.

Um sich ein Bild der Lage zu machen, wollte der WESER-KURIER die Vegesacker Last besuchen. Das Sozialressort lehnte die Anfrage mit Verweis auf das aktuelle Besuchsverbot und die Interessen der Geflüchteten ab.

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