Nach vier Jahren Pause So bunt haben die Waller ihren Stadtteil gefeiert

Nach vierjähriger Pause war am Samstag und Sonntag offenbar ganz Walle auf den Beinen: Mindestens 25.000 Menschen besuchten das Stadtteilfest im Bremer Westen, sagen die Veranstalter.
26.06.2022, 18:08
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So bunt haben die Waller ihren Stadtteil gefeiert
Von Joerg Helge Wagner

Echt bunt - mit diesen zwei Worten lässt sich beschreiben, was am Sonntag auf der Vegesacker Straße unter dem Motto "Echt Walle" los war. Schon um 11 Uhr herrscht reger Andrang auf der fast 700 Meter langen "Flaniermeile" zwischen Wartburgstraße und Waller Ring. Viele Anwohner sind da noch beschäftigt, die 120 Flohmarkttische zu bestücken. Doch Kinder amüsieren sich schon bei Oscars Spielmobil, die Band Crest of Gordon stimmt ihre Dudelsäcke für den Auftritt an der Elsflether Straße, während vor der Eisdiele De Luca die Samba-Truppe Sambanana aufzieht. An den Imbissständen brutzeln orientalische, asiatische und afrikanische Spezialitäten oder die bewährten Curry-Würste.

Fast 60 Vereine und Initiativen bieten neben Informationen über ihr Treiben Kuchen in allen Größen und Geschmacksrichtungen an. Da sind Sportler, Tänzer, alleinerziehende Mütter und Väter, Kurden, Falun-Dafa-Anhänger, Guttempler. Und natürlich das Kulturhaus Walle Brodelpott, seit 40 Jahren Veranstalter der ganzen Chose. Auf dem Show-Truck an der Helgolander Straße, bereitgestellt von der Spedition Sudbrink, wechseln sich Schüler-Bands aller Jahrgangsstufen ab, oft mit Cover-Songs: Teenagerinnen mit bravem schwarzen Kopftuch singen hingebungsvoll Coolios "Gangsta's Paradise", andere versuchen sich an Rihanna.

Auch die Politik ist mit breitem Spektrum vertreten: Natürlich die drei in Bremen regierenden Parteien, aber neben den oppositionellen Christdemokraten und Liberalen haben auch eine Handvoll DKP-Veteranen und Vertreter der Kleinstpartei Volt ihren Stand. Weit mehr als 25.000 Menschen besuchen nach Angaben der Veranstalter pro Tag das Waller Stadtteilfest - da kommen auch Bürgermeister Andreas Bovenschulte und Kulturstaatsrätin Carmen Emigholz (beide SPD) zur Eröffnung.

Dabei ging es ja schon am frühen Samstagabend unter dem Motto "Walle ab 5" los: Ab 17 Uhr spielten Bands unterschiedlichster Stilrichtungen auf den drei Bühnen und vor einigen Kneipen. Alex Becker, Wirt des "Hart Backbord", Beiratsmitglied und Vorsitzender der Waller Geschäftsleute, ist vom Auftakt hellauf begeistert: "Es war alles sehr schön, es gab keinerlei Ausfälle durch Alkohol." Alle seien "verhalten positiv" gestimmt. Neben den Angeboten zur Unterhaltung und Zerstreuung sei der eigentliche Anlass des Festes, dass sich die Bewohner Walles nach zwei Jahren Pandemie mal wieder ausgiebig mit ihren Nachbarn austauschen wollten.

Angela Piplak, Leiterin des Geschichtskontors im Brodelpott, bekräftigt: "Das hier ist keine Saufparty, sondern ein Kultur- und Familienfest." Die Gastronomen hätten am Samstag die Bands  finanziert, und die hätten bis 23 Uhr gespielt. Danach hätten die Leute aber noch bis zwei Uhr früh draußen zusammengesessen. In der Tat: Es wirkt wie ein riesiges, sehr internationales Familientreffen. Die Polizei ist kaum präsent und hat auch nicht viel zu tun: Ein Reggae-Fan, der mit einer riesigen Lautsprecherbox vom ersten Stock aus die Mitte der Vegesacker Straße beschallt, wird am Sonntag kurz zur Ordnung gerufen - danach gehört die Geräuschkulisse wieder den angemeldeten Bands.

Becker ist stolz darauf, wie Brodelpott und Geschäftsleute das Fest seit 40 Jahren selbst organisieren: "Eine Agentur könnten wir gar nicht finanzieren, die legen ja erst bei 70.000 Euro los. Jetzt haben wir vielleicht 30.000 oder 40.000 Euro Gesamtkosten." Zahlen, die Cecilie Eckler-von Gleich bestätigt: "Wir werben Mittel von 25.000 bis 30.000 Euro ein, verdienen aber keinen Cent." Ohne etliche Sponsoren wie die Union-Brauerei, die Gewoba, die Kloska-Gruppe oder den WESER-KURIER wäre das Fest nicht möglich. Eine Anschubfinanzierung von 6000 Euro kommt zudem aus den Globalmitteln des Waller Beirates und die gleiche Summe noch einmal von der Wirtschaftsförderung Bremen. Denn der Erfolg erzeugt weitere Kosten: Wegen der hohen Besucherzahl sei eine Sonderversicherung von etwa 1.200 Euro nötig, sagt Eckler-von Gleich. Bei 8 Euro Tischgebühr ist die kaum über den Flohmarkt wieder hereinzuholen.

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Die lebhafte Seniorin ist eigentlich seit zwei Jahren pensioniert, nun aber wieder die operative Leiterin des Festes. Denn die neue Brodelpott-Geschäftsführerin Roberta Menéndez ist erst seit Anfang März im Amt - "für so ein Fest brauchen Sie aber mindestens ein halbes Jahr Planung, erst recht nach der langen Zwangspause durch die Pandemie", betont Ecker-von Gleich. Denn das letzte Stadtteilfest fand bereits 2018 statt - um nicht miteinander zu konkurrieren, hat man mit dem Gröpelinger Sommer einen Zwei-Jahres-Rhythmus verabredet.

Ecker-von Gleich ist seit Mitte der 1980er Jahre dabei. "Der Brodelpott ist ja als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für arbeitslose Akademiker entstanden", erzählt die ehemalige Lehrerin. Und die wurden im Arbeiterviertel Walle erst einmal kritisch beäugt: "Walle war rot, aber nicht alternativ. Wir waren ein Novum, anfangs sind wir sogar aus einer Kneipe geflogen." Das Vertrauen kam dann über die Geschichtsarbeit, weil es vor allem um den Alltag und die Identität der Einwohner Walles ging. "Heute schenken uns die Einwohner immer noch alte Fotos", freut sich Historikerin Piplak. 30.000 habe man bereits archiviert. Auch am Sonntag bleiben immer wieder Leute an den Schautafeln des Brodelpott stehen - Familientreffen mit Blick ins gemeinsame Album, sozusagen.

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