Hilfe für Problemquartiere

Millionen für benachteiligte Viertel in Bremen-Nord

Erst gab es ein Förderprogramm für Quartiere mit Problemen, jetzt soll es ein zweites geben. Was an dem einen anders ist als an dem anderen – und wie viel Geld eingeplant ist. Die Hilfe im Überblick.
29.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Millionen für benachteiligte Viertel in Bremen-Nord
Von Christian Weth
Millionen für benachteiligte Viertel in Bremen-Nord

Der Quartierstreff in Lüssum: Um soziale Projekte besser planen zu können, soll er jetzt ein festes Budget bekommen.

Christian Kosak

Ein Förderprogramm für Quartiere, die sozial, wirtschaftlich und kulturell benachteiligt sind, gibt es in Bremen längst – jetzt soll es zweites geben. Das alte heißt Wohnen in Nachbarschaften, das neue wird Lebendige Quartiere genannt. Auch wenn beide die Situation für Menschen in Problemvierteln verbessern sollen, unterscheiden sie sich. Was an einem anders ist als am anderen und warum manche Sozialarbeiter überrascht sind, dass es künftig mehr Geld geben soll. Die Hilfe im Überblick.

Vor Kurzem war Heike Binne im Rathaus, um ihre Meinung zu sagen. Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) wollte sie hören. Die Quartiersmanagerin aus Lüssum sollte sagen, wie es mit der Arbeit in den Vierteln vorangeht und was sie manchmal so schwierig macht. Binne vertrat mit einer Kollegin die Ansprechpartner der 14 Gebiete, die vom Programm Wohnen in Nachbarschaften gefördert werden. Auch Mitarbeiter aus den Behörden und ihre Chefinnen waren da: die Wirtschafts-, die Bau- und die Sozialsenatorin. Es war die erste Sitzung zum geplanten Förderprogramm Lebendige Quartiere.

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Binne sagt, dass es gute Gespräche waren. Und dass sie sich am Ende gewundert hat. Darüber nämlich, dass Rot-Grün-Rot jetzt macht, was Rot-Grün zuvor nicht geschafft hat: Die Hilfe für Quartiere auszubauen und anders zu regeln. Seit Jahren fordert ein Initiativkreis, der die sogenannten Bremer Armutskonferenzen organisiert, mehr Geld und neue Strukturen. Binne war bei allen Konferenzen dabei. Sie gehört dem Initiativkreis an. Genauso wie der Paritätische, die Arbeitnehmerkammer, die Arbeiterwohlfahrt, der Bremer Rat für Integration, die Caritas, der DGB, das Diakonische Werk.

Im Vorjahr hat sich die Quartiersmanagerin gefreut, als die neue Landesregierung im Koalitionsvertrag ankündigte, die Förderung der Viertel ausbauen zu wollen. Jetzt freut sie sich, dass die Parteien tatsächlich dabei sind, etwas zu verändern. Binne sagt, dass der Bürgermeister während der Auftaktsitzung zum neuen Programm erklärt hat, die Arbeit der Quartierszentren so schnell wie möglich stärken zu wollen. Und dass er von der nächsten Sitzung der Sozialdeputation gesprochen hat, auf der weitere Details geklärt werden sollen, ehe die Mittel freigegeben werden – für die neue wie die alte Quartiershilfe.

Neuem Haushalt noch nicht zugestimmt

Der eine Etat soll neu dazukommen, der andere aufgestockt werden. Nach den Zahlen von David Lukaßen sind die ersten Haushaltsansätze für das Programm Lebendige Quartiere zumindest veranschlagt – und knapp 2,3 Millionen Euro für die Projektarbeit von Wohnen in Nachbarschaften. Der stellvertretende Sprecher von Sozialsenatorin Anja Stahmann (Grüne) muss vage bleiben, weil dem neuen Haushalt noch nicht zugestimmt wurde. Lukaßen geht davon aus, dass die Sozialdeputation bei ihrem Treffen im Juli über das endgültige Förderkonzept berät, damit es im September beschlossen werden kann.

Nicht nur mehr Geld soll es geben, sondern das Geld auch auf andere Weise. Statt Zuschüsse für jedes Projekt jedes Jahr aufs Neue beantragen zu müssen, wollen die Regierungsparteien für einen Teil der Vorhaben einen Regelbetrag möglich machen. Quartiersmanagerin Binne sagt, dass ihr Team auf ein Dutzend Anträge pro Jahr gekommen ist. Und dass es für die Projektmacher immer ungewiss war, ob die Arbeit im Folgejahr fortgesetzt werden konnte. Jetzt soll das Haus der Zukunft in Lüssum zusätzlich zur Antragsförderung auch einen Etat bekommen: 50.000 Euro, über die das Team allein entscheidet.

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Der Ortsteil ist der einzige im Bremer Norden, der seit Längerem eine 100-prozentige Hilfe durch das Programm Wohnen in Nachbarschaften erhält. Macht 150.000 Euro im Jahr. Bei den anderen drei Fördergebieten in den nördlichen Stadtteilen ist die finanzielle Unterstützung auf 50 Prozent ausgebaut worden beziehungsweise bei 50 Prozent geblieben. Marßel und das Blumenthaler Zentrum bekamen bisher 20.000 Euro, jetzt sollen sie 75.000 Euro bekommen. Genauso wie Grohn, wo es seit Jahren die gleiche Summe für die Entwicklung des Bereiches um den Wohnkomplex der Düne gibt.

Defizite in der Struktur

Die Aufstockung und der Sockelbetrag sind nicht die einzigen Neuerungen. Mit dem Programm Lebendige Quartiere sollen speziell Viertel unterstützt werden, die nach den Förderkriterien von Wohnen in Nachbarschaften zu klein sind oder nicht so große Probleme haben wie andere. Behördenmitarbeiter Lukaßen nennt mehrere Straßenzüge, in denen bei einer Analyse der Einwohnerstruktur verschiedene Defizite festgestellt wurden, aber bisher keine unterstützende Quartiersarbeit angeboten wurde. Auch die Kaspar-Ohm-Straße in Vegesack gehört zu diesen Straßenzügen, für die sich etwas ändern könnte.

Ihm zufolge soll es mit dem neuen Programm nicht nur Hilfe für Viertel geben, die es seit Jahrzehnten gibt, sondern auch für solche, die entweder gerade erst in Planung oder die noch im Bau sind. Lukaßen spricht zum Beispiel von der Gartenstadt Werdersee, wo früh darauf geachtet werden soll, dass am Ende auch alles da ist, was zu einem lebendigen Teil der Stadt gehört – und Quartiersmanagerin Binne von der Überseestadt, wo ihr zufolge jetzt im Rahmen des Programms nachgesteuert werden soll, weil eben genau das fehlt, was ein Viertel erst zum Viertel macht: Schule, Kindergarten, Einkaufsläden, Freizeittreff.

Das Programm Lebendige Quartiere unterscheidet sich noch in einem anderen Punkt von der Förderung durch Wohnen in Nachbarschaften. Es ist kein Programm der Stadt, sondern des Landes. Lukaßen sagt, dass Viertel wie Bremerhaven-Lehe, die ähnliche Schwierigkeiten haben wie Bremer, bisher separat vom Magistrat unterstützt werden müssen. Mit dem neuen Programm soll es nach seinen Worten künftig eine einzige Förderung für alle Problemquartiere geben.

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