Deutschland profitiert von Jugendarbeitslosigkeit in Spanien

Bremen bedeutet Zukunft

Als Lorena Ponferrada Rodriguez Anfang 20 ist, steht für sie fest: Um in ihrem Traumberuf – als Hotelfachfrau – Fuß zu fassen, muss sie ihr Heimatland Spanien verlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist jeder Zweite in ihrem Freundeskreis arbeitslos.
21.08.2015, 00:00
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Bremen bedeutet Zukunft
Von Kira Pieper
Bremen bedeutet Zukunft

Die Spanierin Lorena Ponferrada Rodriguez macht im Atlantic Grand Hotel iene Ausbildung zur Hotelfachfrau.

Christina Kuhaupt

Als Lorena Ponferrada Rodriguez Anfang 20 ist, steht für sie fest: Um in ihrem Traumberuf – als Hotelfachfrau – Fuß zu fassen, muss sie ihr Heimatland Spanien verlassen. Zu diesem Zeitpunkt ist jeder Zweite in ihrem Freundeskreis arbeitslos. „Die Stimmung war ganz schrecklich“, sagt die heute 23-Jährige, die aus Malaga stammt. „Alle waren total frustriert. Man hatte nichts zu tun, und wenn man arbeitslos ist, kann man sich ja auch nichts leisten.“ Zunächst ging sie für zwei Jahre nach London, um erste Erfahrungen im Hotelbusiness zu sammeln. Nun ist sie seit einigen Wochen in Bremen. Anfang August hat sie im Atlantic Grand Hotel eine Ausbildung zur Hotelfachfrau begonnen.

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Sascha Füchtner, stellvertretender Direktor des Atlantic Grand Hotels Bremen, hält Lorena Ponferrada Rodriguez jedenfalls für einen Glücksgriff: „Sie ist hoch motiviert und mit ihren 23 Jahren reifer als manch deutscher Auszubildender, was uns sehr zugute kommt“, sagt er. Für den Hotelier ist es seit einigen Jahren schwer, geeignete Kräfte für das Hotelfach zu finden. „Die Ausbildung zum Hotelfachmann hat einen nicht besonders guten Ruf, weil er anstrengend ist und die Bezahlung nicht besonders gut.“ Ponferrada wiederum schätzt ihre Chance: „Das Hotelbusiness ist sehr interessant und lustig. Man lernt viele Menschen kennen.“ In den nächsten drei Jahren wird sie alle Bereiche des Hotels durchlaufen: Sie wird im Service im Restaurant aushelfen, in der Küche arbeiten, Hotelgästen an der Rezeption weiterhelfen und Zimmer reinigen – und zwischendrin noch weiter an ihrem Deutsch feilen. Denn das kann sie noch nicht so gut. Noch ist der 23-Jährigen ein Gespräch auf Englisch lieber.

Bei der Integration hilft den Spaniern die Bremer Firma Practigo von Oliver Schneider. Eigentlich ist seine Vermittlungsagentur Deutschen behilflich, die im Ausland ein Praktikum machen wollen oder sich für „Work and Travel“ interessieren. In den vergangenen Jahren seien aber immer wieder ausländische Jugendliche auf ihn zugekommen, weil sie sich für Praktika in Deutschland interessiert haben. Das brachte den Unternehmer auf eine Idee: Er bewarb sich bei dem Projekt MobiPro für eine Trägerschaft – und erhielt den Zuschlag für Bremen. Damit ist er einer von 150 Trägern in ganz Deutschland. Acht Unternehmen in Bremen und umzu konnte er in den vergangenen Monaten gewinnen, Spanier im Alter von Anfang bis Mitte 20 einzustellen. Neben Hotels wie dem Atlantic Grand bilden auch Dodenhof, das Logistik-Unternehmen Louis Neukirch und der Paketdienst TM Logistik & Services aus. Die anderen zwölf Spanier in Bremen lernen also neben Hotelfachmann auch die Berufe Lagerlogistiker, Einzelhandelskaufmann und Berufskraftfahrer.

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Und die Berufseinsteiger bekommen noch mehr Unterstützung: Sie lernen Deutsch in einer Sprachschule und werden von einem Motivationstrainer und einer interkulturellen Trainerin geschult. Motivationstrainer Olav Nusche sagt: „Ich bin dazu da, die jungen Leute bei der Stange zu halten – damit sie die Ausbildung nicht abbrechen.“ Denn nach der anfänglichen Euphorie könnten auch schwerere Zeiten – zum Beispiel wegen Heimweh – auf die jungen Erwachsenen zukommen. Währenddessen erklärt ihnen die interkulturelle Trainerin Elke Lies die deutsche Mentalität: „Der Deutsche ist eher sachbezogen. Er schließt erst einen Vertrag ab und trinkt dann mit seinem neuen Geschäftspartner ein Bier. In Spanien ist es umgekehrt“, sagt Elke Lies. Und das ist nur eine von vielen Irritationen, die für einen Kulturschock bei den jungen Spaniern sorgen könnten.

Lorena Ponferrada Rodriguez hat sich in den vergangenen Wochen jedenfalls schon ganz gut in Bremen eingelebt. Obwohl sie mit einer Ausbildung als Hotelfachfrau in Malaga gute Chancen hätte, hat sie vor, nach ihrer Ausbildung in Bremen zu bleiben. „Mein Freund ist auch hier“, sagt sie. „Dann ist das Heimweh nicht so groß.“

Das Programm MobiPro-EU

Der Bund unterstützt mit dem Sonderprogramm MobiPro-EU (die Abkürzung steht für: Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen aus Europa) seit Januar 2013 junge EU-Bürger bei der Aufnahme einer betrieblichen Berufsausbildung in Deutschland. Seit Programmstart haben rund 9100 Personen Förderanträge gestellt. Darunter waren 6.400 Auszubildende und 2.700 Fachkräfte. Aufgrund der großen Nachfrage wurde das Mittelvolumen auf die Jahre 2013 bis 2018 von ursprünglich 139 Millionen Euro auf 560 Millionen Euro erhöht. Im neuen Ausbildungsjahr 2015 sollen rund 2000 Jugendlichen aus Mitgliedsstaaten der Europäischen Union die Möglichkeit erhalten, eine duale Ausbildung zu beginnen.

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