Neue Standorte an Uni und Überseetor

Bremen bekommt weitere Flüchtlingszelte

In den nächsten Tagen werden 120 junge Flüchtlinge in das Großraumzelt am Fallturm einziehen. Und noch mindestens zwei weitere Zelte werden in Bremen aufgestellt - konkrete Pläne gibt es bereits.
03.07.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Bremen bekommt weitere Flüchtlingszelte
Von Sabine Doll
Bremen bekommt weitere Flüchtlingszelte

Das Großzelt am Fallturm steht, jetzt kommt der Feinschliff. 120 junge Flüchtlinge ziehen hier in den nächsten Tagen ein.

Frank Thomas Koch

„Im Grunde ist alles fertig“, sagt Detlef Dietrichs. Der Zeltbaumeister wischt sich den Schweiß von der Stirn. Es ist brütend heiß unter dem Zeltdach. Die Luft steht, ist sprichwörtlich zum Schneiden. Dietrichs schaut sich um und ist zufrieden mit seiner Arbeit. „Das Zelt steht, jetzt kommt nur noch der Feinschliff.“ Feinschliff, das heißt: Betten, Tische und Stühle müssen noch aufgestellt, eine Ruhezone eingerichtet und die Wände der Schlafkabinen tapeziert werden. „Im Moment ist noch nicht klar, ob es Tapete oder etwas Textiles wird“, sagt Dietrichs. „Hauptsache, es wird so wohnlich, wie es unter diesen Bedingungen überhaupt möglich ist.“

In den nächsten Tagen werden 120 junge Flüchtlinge in das Großraumzelt am Fallturm einziehen. Sie kommen aus der Zentralen Aufnahmestelle (ZASt) in der Steinsetzerstraße, die wegen eines Bettwanzen-Befalls geräumt werden muss. Auf rund 1400 Quadratmetern Zeltboden wird sich ihr Leben in den kommenden Wochen abspielen. Für ein Mindestmaß an Privatsphäre sollen Schlafkabinen mit jeweils sechs Betten sorgen. Holzwände trennen die Kabinen voneinander. Duschen und Toiletten sind in Containern auf der Wiese untergebracht. Das Zelt steht mitten im Technologiepark, umrahmt von Uni- und Firmengebäuden steht es auf einer Grünfläche.

Empörung über Raketenversuche

Eines von ihnen ist das Raumfahrtforschungszentrum Zarm, in dem Wissenschaftler und Studenten an umweltfreundlichen Raketentriebwerken arbeiten. „Oh ja, das ist nicht zu überhören, wir haben einen Riesenschreck bekommen“, sagt Dietrichs. „Erst geht eine Sirene los, dann gibt es einen wahnsinnig lauten Knall, Rauch steigt auf.“ Mehrere Mitarbeiter benachbarter Bürogebäude haben sich darüber empört, dass die Sozialbehörde gerade hier Flüchtlinge unterbringt. „Menschen die in ihrem Heimatland teilweise drastische Kriegssituationen erlebt haben, werden in Anbetracht dieser Testanlage, wenn sie denn laufen sollte, sicherlich extrem Angst bekommen“, schreibt eine Leserin an den WESER-KURIER.

In der Behörde wusste man von diesen Versuchen zunächst nichts, sagt deren Sprecher Bernd Schneider. „In Gesprächen mit dem Zarm haben wir dann erfahren, dass es sich nicht um eine Dauerbelastung handelt, sondern um zwei bis drei Tests in der Woche, die nur wenige Sekunden dauern. Deshalb ist das kein Grund, den Zeltaufbau abzusagen, es gibt auch keine Alternative.“ Zarm-Sprecherin Lucie Arndt bestätigt, dass es in den kommenden Wochen keine Tests mehr geben wird, weil das Projekt ohnehin in eine Auswertungsphase geht. „Wie es danach weitergeht, müssen wir sehen.“ Auf jeden Fall wolle man die betroffenen Flüchtlinge aus dem Zelt einladen, um ihnen die Arbeit des Zarm zu erklären und ihnen so die Angst vor dem Lärm zu nehmen.

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„Im Moment hätten wir auch keine Alternative“, sagt Behördensprecher Schneider. „Wir befinden uns in einer Notsituation, weil sich die Flüchtlingszahlen im Vergleich zum Vorjahr verdreifacht haben.“ Allein im Juni seien rund 500 Menschen nach Bremen gekommen. Insgesamt habe Bremen in diesem Jahr bereits 2100 Flüchtlinge aufgenommen, fast so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. Und: Die Situation werde sich in den nächsten Monaten nicht ändern. „Diese Dynamik war nicht abzusehen, und da kommen wir mit Gebäuden so schnell nicht hinterher“, so Schneider.

Pläne für Schwachhausen

Deshalb hat die Sozialbehörde bereits zwei weitere Zeltstandorte als Übergangslösung für erwachsene Flüchtlinge „in direkter Vorbereitung“. Der erste mit 200 Plätzen befindet sich ebenfalls im Technologiepark, in der Nähe des Uni-Gebäudes NW1. Spätestens nächste Woche sollen die ersten Flüchtlinge nach Angaben des Behördensprechers dort untergebracht werden. Das zweite Zelt mit 200 Plätzen soll nach Informationen des WESER-KURIER am Überseetor aufgebaut werden und Ende des Monats bezugsfertig sein. Vermutlich werden wir aber noch ein drittes Zelt benötigen, bis wieder Gebäude verfügbar sind“, sagt Schneider.

Letzte Arbeiten an der Stromversorgung in dem Großzelt.

Letzte Arbeiten an der Stromversorgung in dem Großzelt.

Foto: Frank Thomas Koch

Eines dieser Gebäude ist ein Supermarkt in Hemelingen, der seit Langem leer steht und in den noch im Sommer rund 200 Flüchtlinge einziehen sollen. In einem Schreiben will die Sozialbehörde die unmittelbaren Anwohner über die Nutzung informieren. Wenigstens ein Jahr soll der Supermarkt mit einem Nebengebäude als Flüchtlingsunterkunft zur Verfügung stehen.

Ein weiteres Gebäude mit ebenfalls rund 200 Plätzen ist eine Lagerhalle auf dem Brinkmann-Gelände in Woltmershausen. Eine Bürgerversammlung habe es bereits gegeben, in der kommenden Woche will sich der Beirat mit dem Thema befassen, so Schneider. „Die Halle haben wir fest in unserer Planung.“

Und auch in Schwachhausen könnte eine neue Unterkunft entstehen. Es handelt sich um eine frühere Pflegeeinrichtung in der Gabriel-Seidl-Straße, die Platz für rund 70 Flüchtlinge bietet. „Dieses Gebäude hat den Vorteil, dass es nicht großartig umgebaut werden muss. Toiletten und Duschen sind vorhanden. Werden Hallen genutzt, müssen dafür Container aufgestellt werden“, so der Sprecher. „Damit sind im Herbst genügend Unterkünfte fertig, wenn sich an den Flüchtlingszahlen nicht noch etwas nach oben ändert.“

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