Bundesweiter Vergleich Bremen belegt den letzten Platz bei der Pflege

Die medizinische Versorgung in Bremer Heimen ist so schlecht wie in keinem anderen Bundesland. Das geht aus einem von den Verbänden der Pflegekassen initiierten Vergleich der Pflegenoten hervor.
29.05.2017, 20:34
Lesedauer: 3 Min
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Bremen belegt den letzten Platz bei der Pflege
Von Antje Stürmann

Die medizinische Versorgung in Bremer Heimen ist so schlecht wie in keinem anderen Bundesland. Das geht aus einem von den Verbänden der Pflegekassen initiierten Vergleich der Pflegenoten hervor.

Die medizinische Versorgung und die Pflege in Bremer Heimen ist so schlecht wie in keinem anderen Bundesland. Das zeigt ein von den Verbänden der Pflegekassen initiierter Vergleich der Pflegenoten. Grundlage dafür sind die Qualitätsprüfungen durch die Mitarbeiter der Medizinischen Dienste der gesetzlichen Krankenversicherung (MDK) und des Prüfdienstes des Verbandes der privaten Krankenversicherung.

Die Prüfer vergeben ihre Pflegenoten ähnlich Schulnoten von 1,0 für „Sehr gut“ bis 5,0 für „Mangelhaft“. Während die Bremer Heime beim Umgang mit Demenzkranken, bei der Betreuung und in der Hygiene sehr gut abschneiden, hapert es offenbar in der Pflege und der medizinischen Versorgung. In diesem Bereich haben die Bremer die Note 2,2 bekommen und bilden damit nach Angaben des Verbandes der Ersatzkassen (VDEK) im Ländervergleich wie im Vormonat das Schlusslicht. Der Bundesdurchschnitt liegt im Mai bei 1,5. Am besten schneiden Berlin und das Saarland ab (1,2).

Personal hat zu wenig Zeit

Reinhard Leopold sieht darin ein Alarmzeichen. „Das ist, was ich von Angehörigen immer wieder zu hören bekomme“, sagt er. Leopold ist Gründer der Angehörigen-Initiative „Heim-Mitwirkung“ und Regionalbeauftragter der Bundesinteressenvertretung älterer und pflegebetroffener Menschen. Die Angehörigen berichteten ihm von gravierenden Problemen in verschiedenen Einrichtungen. Bei Rasuren zum Beispiel sei es wiederholt zu Schnittverletzungen gekommen. Oft laufe es darauf hinaus, dass das Personal zu wenig Zeit habe.

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„Eine qualifizierte Pflege kann so nicht mehr stattfinden“, kritisiert Leopold. Eine andere Ursache für das schlechte Abschneiden der Bremer Heime im Bundesvergleich liegt in den Augen Leopolds darin, dass die Heimaufsicht nicht konsequent genug für die Beseitigung der Mängel sorge. Leopold beklagt, dass die Heimaufsicht Einrichtungen, in denen Missstände herrschten, lieber kostenlos berate als sie für ihr Fehlverhalten zu bestrafen. Bernd Schneider, Sprecher der Sozialbehörde, sagt dazu: „Die Wohn- und Betreuungsaufsicht geht konsequent jedem gemeldeten Vorwurf nach.“ Sie berate die Einrichtungen, erteile ihnen Auflagen und könne ihnen auch die Betriebsgenehmigung entziehen. Solche Fälle habe es gegeben.

Sozialdeputation will mehr Pflegepersonal in der Nacht

Einen Versuch, die personelle Situation zu verbessern, unternehmen derzeit die Mitglieder der Sozialdeputation. Fraktionsvertreter diskutieren mit den Trägern von Pflegeeinrichtungen und mit Vertretern des Sozialressorts über Vorgaben für mehr Pflegepersonal in der Nacht. Anlass ist die Neufassung des Bremischen Wohn- und Betreuungsgesetzes, in der es um mehr Schutz für Bewohner in Pflegeeinrichtungen geht. Die Debatte darüber ist zweimal vertagt worden. Grund: Vor allem die SPD fordert Nachbesserungen.

Laut Gesetzentwurf muss während einer Nachtschicht in einer Einrichtung mit bis zu 50 Bewohnern mindestens ein Beschäftigter anwesend sein. Den Sozialdemokraten ist das zu wenig. Klaus Möhle, sozialpolitischer Sprecher der SPD-Fraktion und Vorsitzender der Deputation, setzt sich für einen Schlüssel von 1:40 ein. Noch mehr Personal fordert der Landesvorsitzende des Sozialverbandes, Joachim Wittrien. Seiner Ansicht nach darf ein Pfleger höchstens 30 Menschen versorgen.

Unterschriftenaktion von Verdi

Die Gewerkschaft Verdi sieht das ähnlich und sammelt im Rahmen ihrer Aktion „Keine Nacht alleine“ Unterschriften. Wie im Tagdienst sollen auch nachts mindestens zwei Pflegekräfte pro 50 Bewohner anwesend sein, fordert die Gewerkschaft. Mindestens eine Kraft solle eine Pflegefachkraft sein. „Es kann nicht sein, dass eine Kraft für bis zu 50 pflegebedüftige, teilweise demenziell erkrankte Personen zuständig ist“, sagt Kerstin Bringmann von Verdi in Bremen. Allein die Einhaltung der gesetzlich vorgegebenen Pausen sei so nicht möglich - „von der Arbeitsbelastung und -überforderung ganz zu schweigen“. Verdi habe über 200 Unterschriften gesammelt, die Bringmann am Donnerstag an die Sozialsenatorin überreichen will.

Anja Stahmanns Ressort ist verhandlungsbereit. „Der Betreuungsschlüssel 1:50 ist nicht in Stein gemeißelt“, sagt Schneider. Die Senatorin wolle mit den Einrichtungsträgern auf breiter Basis erörtern, mit welcher Zahl man arbeiten könne. Schon jetzt unterschreite die Hälfte der Einrichtungen den vorgeschlagenen Betreuungsschlüssel. Zu bedenken sei, dass ein niedriger Personalschlüssel mit Mehrkosten verbunden sei - auch für die Bewohner. Schneider warnt, dass mehr Personal den Fachkräftemangel in der Altenpflege verschärfen könnte. Am 1. Juni will die Senatorin das neu gefasste Bremische Wohn- und Betreuungsgesetz beschließen lassen.

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