Massenweise Fischkadaver unterm Eis Bremen droht großes Fischsterben

Bremen. Es ist kein Anglerlatein: Nach wochenlangem Eiswinter droht das bundesweit größte Fischsterben seit vielen Jahren. In Bremen sind vor allem flache Gewässer betroffen. Noch ist das Ausmaß nicht sichtbar, weil viele Seen, Teiche und Gräben mit einer Eisschicht bedeckt sind.
04.03.2010, 06:11
Lesedauer: 3 Min
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Von Volker Junck

Bremen. Es ist kein Anglerlatein: Nach wochenlangem Eiswinter droht das bundesweit größte Fischsterben seit vielen Jahren. In Bremen sind vor allem flache Gewässer betroffen. Noch ist das Ausmaß nicht sichtbar, weil viele Seen, Teiche und Gräben mit einer Eisschicht bedeckt sind und zudem die meisten verendeten Tiere zunächst am Boden bleiben.

Doch was sich da anbahnt, ist zum Beispiel im Bürgerpark zu beobachten. Unter der langsam abtauenden Eisfläche zeichnen sich die Kadaver von toten Hechten, Zandern, Plötzen, Karpfen, Brassen oder Barschen ab. Die meisten von ihnen werden allerdings erst sichtbar, wenn Faulgase sie an die Oberfläche treiben. Hans-Udo Graf, Gewässerpächter im Bürgerpark, rechnet mit bis zu hundert Prozent Ausfall bei großen Fischen.

Einige kleinere hat es bereits durch das Gitter in Torfkanal und Torfhafen in Findorff geschwemmt, was zu einer anonymen Anzeige bei der Umweltbehörde führte. Ursache sind keine Fäkalien, wie der zuständige Mitarbeiter Hans-Peter Weigel erklärt, sondern der lang anhaltende Sauerstoffmangel in Verbindung mit giftigen Faulgasen in den Gräben des Bürgerparks.

Um dem befürchteten Fischsterben entgegenzuwirken, hatte die Parkverwaltung auf Bitten der Gewässerpächter den Wasserdurchfluss von der Kleinen Wümme zum Torfkanal verstärkt. Als dort die Probleme auftauchten, wurden die Pumpen sofort abgestellt.

Dafür laufen sie in den Wallanlagen auf Hochtouren. Auch dieses künstlich angelegte flache Gewässer ist von einem massiven Fischsterben wie 1992 bedroht. Damals holte der Bremer Sportfischerverein tonnenweise Kadaver aus dem Stadtgraben, darunter über einen Meter lange Hechte. Noch sind kaum verendete Tiere zu sehen, wie Helmut Trocha, Referent für Naturschutz des Vereins, festgestellt hat.

Doch auf dem schlammigen Grund und unter dem Eis vermutet auch er viele Fischleichen. Ein besonderes Problem sieht er am Herdentor, wo sich beim Durchfluss durch ein Rohr so viel verwesendes Laub angesammelt hat, dass für Aal oder Hecht der Sauerstoff besonders knapp ist. Trocha: 'Da muss endlich mal etwas passieren. Geld zur Erweiterung des Durchflusses scheint ja vorhanden zu sein.'

Stadtgrün lässt nun die Pumpen am Einlauf gegenüber der Kunsthalle auf vollen Touren laufen, um den Graben mit frischem Weserwasser anzureichern. Geholfen hat in diesem Winter auch die ständige Einleitung von Grundwasser aus der Baugrube der Kunsthallen-Erweiterung. So hält sich der Schaden möglicherweise in Grenzen. Letzte Messungen des Vereins ergaben einen Sauerstoffgehalt noch oberhalb des kritischen Wertes.

Doch insgesamt sieht es nicht gut aus, wie Fischwirtschaftsmeister Martin Wegert weiß. Mit seiner Fischfarm im Quellgebiet des Leckermühlenbaches im Osnabrücker Land beliefert er Vereine im gesamten Norden mit Besatzfisch, darunter auch den Bürgerpark. 'Das Wasser konnte wegen des Eises wochenlang nicht ausgasen', erklärt er die natürliche Ursache des Fischsterbens durch Sauerstoffmangel und Faulgase. Er hat mit Kompressoren schon Luftpolster unter die Eisdecke geblasen. Von Strohballen oder Reet in aufgesägten Löchern hält er wenig. 'Das gilt seit Jahrhunderten als bewährtes Rezept, bringt aber letztlich gar nichts', meint der Experte.

Neben natürlichen Ursachen wie Laubfall und Koteintrag durch Wasservögel sieht auch Ralf Mischke von Stadtgrün den Menschen als Mitverursacher der Misere. Allen Verbotsschildern zum Trotz beobachtet er immer wieder Leute - oft Eltern mit Kindern - die Enten füttern und damit die Wasserqualität noch weiter beeinträchtigen: durch gasbildendes Brot und eine unnatürlich hohe Entenpopulation.

Bei tiefen Gewässern wie dem Unisee mit 14 Metern wirkt sich der lange Eiswinter nicht so dramatisch aus. Doch für die zahlreichen Pachtgewässer des 1600 Mitglieder zählenden Sportfischervereins befürchtet Gewässerwart Wilfried Just herbe Verluste. 'Man wird das alles erst richtig abschätzen können, wenn das Eis verschwunden ist', schätzt er.

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