Fastenmonat beginnt

Was Corona für gläubige Muslime in Bremen bedeutet

Keine Gebete in der Moschee, keine Verwandtenbesuche: Moschee-Vertreter aus Bremen berichten, wieso dieser Ramadan in Zeiten von Corona so viel anders sein wird als sonst.
23.04.2020, 07:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Was Corona für gläubige Muslime in Bremen bedeutet
Von Carolin Henkenberens
Was Corona für gläubige Muslime in Bremen bedeutet

Hier wird vorerst niemand beten: Vahit Bilmez von der Islamischen Föderation Bremen in der Gröpelinger Fatih-Moschee.

Christina Kuhaupt

Normalerweise wäre Vahit Bilmez gerade mitten in den Vorbereitungen: Wer besorgt die Lebensmittel für das öffentliche Fastenbrechen an der Moschee? Was soll es zu essen geben? Wo genau wird das Zelt für die Essensausgabe stehen? Welche Gäste kommen zu ihm nach Hause, wen besucht er selbst? Doch in diesem Jahr ist alles anders.

Die Corona-Pandemie zwingt Muslime weltweit zu noch mehr Ruhe im Ramadan. Der heilige Fastenmonat beginnt diesen Donnerstagabend mit dem traditionellen Nachtgebet, ab Freitag wird 30 Tage – immer zwischen Sonnenauf- und untergang – gefastet. Weder essen noch trinken ist erlaubt. Wie schon für Christen zu Ostern oder Juden am Pessachfest heißt es für Muslime im Ramadan: zu Hause bleiben statt in Gemeinschaft zu beten und zu feiern.

Der Ramadan ist ohnehin eine Zeit der Reflexion, der Ruhe und des Verzichts, erklärt Bilmez, Vizepräsident der Islamischen Föderation Bremen. Es gehe darum, Tempo raus zu nehmen, viel zu beten und „nicht so viel zu diskutieren“. Andererseits ist der Ramadan auch eine Zeit der Familie und des Beisammenseins. „Viele besuchen Verwandte, haben Besuch, man beschenkt sich, geht zur Moschee“, erzählt Bilmez.

Das öffentliche Mahl nach dem Fastenbrechen (Iftar), das viele Bremer Moscheen veranstalten, fällt in diesem Jahr aus. Die größte und bekannteste, die Fatih-Moschee in Gröpelingen, organisiert jedes Jahr eine Essensausgabe für Bedürftige, Ältere oder Alleinstehende. „Da kommen sonst so zwischen 350 und 450 Menschen“, sagt Bilmez. Wenn die Sonne untergeht, wird gemeinsam das Fasten gebrochen. Traditionell mit Wasser und Datteln. Man esse etwa Reis mit Gemüse, Linsensuppe, Obst und Süßspeisen, erzählt Bilmez.

Als Ersatz in der Corona-Krise war erst ein „Iftar to go“ im Gespräch – Essen zum Mitnehmen. Das war aber wegen möglicher Menschenansammlungen beim Abholen schwierig. Deshalb sollen Gutscheine an Gläubige verteilt werden, die sie bei Imbissen einlösen können. Geflüchtete zum Beispiel bekämen in ihren Wohneinrichtungen Essen von Caterern nur zu bestimmten Zeiten. „Viele von denen sind deshalb immer zum Iftar zu uns gekommen“, sagt Bilmez. Aktuell würden noch Sponsoren und Spender gesucht. Für eine Gruppe von Flüchtlingen seien schon Gutscheine für die ersten Tage gesichert.

Lesen Sie auch

„Das Gemeinschaftliche wird am meisten fehlen“, sagt auch Murat Çelik, Vorstandsvorsitzender des muslimischen Dachverbands Schura Bremen. „Der Ramadan ist der spirituelle Höhepunkt im Jahr.“ Im Fastenmonat gehe es darum, dass man etwas demütiger werde, sich vom Weltlichen abkapsele. „Eigentlich soll man den Koran ein Mal vom Anfang zum Ende lesen“, erklärt Çelik. Ein weiterer wichtiger Brauch während des Ramadan ist das sogenannte Tarawih-Gebet, zumindest für Sunniten. Sie verrichten es im Fastenmonat nach dem Nachtgebet. Der sunnitischen Glaubensrichtung folgen die meisten Muslime, etwa 85 Prozent. Es gibt zudem noch Schiiten und viele weitere Strömungen.

Eine Alternative zu den derzeit nicht erlaubten Gebeten in der Moschee sind die modernen Medien. Es gibt Apps und Youtube-Kanäle für Gläubige, berichtet Çelik. „Für Ältere ist das natürlich schwierig.“ Deshalb stünden die Imame in telefonischem Kontakt zu ihnen oder Alleinstehenden. „Wir hoffen natürlich, dass es im Laufe des Mai unter Auflagen zu Lockerungen kommt“, sagt Schura-Vorsitzender Çelik. Man würde selbstverständlich auf Abstandsregeln, Masken und eine begrenzte Teilnehmerzahl achten.

Die Religionsgemeinschaften in Bremen sind mit der Verwaltung im Gespräch, ob und wann Kirchen, Synagogen und Moscheen unter Auflagen wieder Gottesdienste abhalten dürfen. In Thüringen beispielsweise können ab diesem Donnerstag Gottesdienste mit bis zu 30 Teilnehmern in geschlossenen Räumen stattfinden, in Sachsen seit Montag mit höchstens 15 Personen.

Lesen Sie auch

„Viele sind natürlich traurig, dass man den Ramadan nicht so ausleben kann, aber der Schutz der Gesellschaft steht im Vordergrund“, betont Fatih Kurutlu, Ditib-Vorsitzender in Bremerhaven. „Wir freuen uns elf Monate auf den Ramadan.“ Auch er hofft auf Lockerungen im Mai, aber „wenn es nicht geht, geht es eben nicht“. Ist Fasten in Corona-Zeiten eigentlich schwieriger oder einfacher als sonst? Schließlich sind Restaurants für Besucher geschlossen. Kurutlu sagt: „Nicht zu essen ist das kleinste Problem, der fehlende soziale Kontakt ist schlimmer.“ Der innere Schweinehund sei vermutlich größer, wenn man nur zu Hause sitzt. Ihm zufolge hat man ohnehin nur die ersten Tage Hunger.

Der Ramadan ist auch der Monat besonderer Wohltätigkeit. Viele spenden in dieser Zeit. Zudem fallen Frühjahrsfeste und andere Gelegenheiten für Spenden und Einnahmen aus. Das bringt einige Gemeinden in finanzielle Schwierigkeiten, sagt der Ditib-Vorstand aus Bremerhaven. Seine Moscheegemeinde hat daher im Internet zu Spenden aufgerufen, erzählt Kurutlu, manche Gläubige erhöhten ihren Mitgliedsbeitrag. „Die Solidarität ist groß, wir haben das dreifache Spendenaufkommen wie normal. Ob das ausreicht, wird sich zeigen“.

Der Höhepunkt des Fastenmonats ist das dreitägige Ramadanfest. Wenn am Abend des 23. Mai mit dem Fastenbrechen der Monat vorbei ist, folgen die drei Festtage. „Am nächsten Morgen ist ganz früh das Feiertagsgebet und danach wird mit der Familie gefrühstückt“, erzählt Kurutlu. Üblicherweise besuche man in den folgenden Tagen Verwandte und Bekannte zum Tee, Kaffee und Baklava-Gebäck. Für die Kinder gibt es Süßigkeiten. In diesem Jahr wird wohl vieles ausbleiben.

Lesen Sie auch

In einigen Städten ist aufgrund der Corona-Krise der öffentliche Gebetsruf über den Muezzin erlaubt worden. In Bremerhaven hat der Magistrat einen entsprechenden Antrag einer Moschee abgelehnt. In Gröpelingen dürfen die Mevlana- und die Fatih-Moschee ausnahmsweise jeweils ein Mal zu Beginn und zum Ende des Ramadan öffentlich zum Gebet rufen.

Zumindest die Fatih-Moschee will von diesem Recht kein Gebrauch machen, sagt Vahit Bilmez von der Islamischen Förderation. „Wir sind zum Entschluss gekommen, dass wir darauf verzichten.“ Das Zustandekommen der Entscheidung sei enttäuschend gewesen, erklärt er. Einerseits weil die Senatskanzlei die Anfrage an den Beirat und dann an die Baubehörde verwiesen hat. Andererseits wegen der Diskussion im Beirat. Darum lasse man es lieber.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+