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Haarspenden helfen Menschen, die ihre eigenen Haare verloren haben. Wie aus einem Friseurbesuch eine Echthaar-Perücke wird.
13.03.2022, 06:00
Lesedauer: 3 Min
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Wenn alte Zöpfe Gold wert sind
Von Judith Kögler

Meine Haare, deine Haare – ein Wechselspiel, das für die Bremer Friseurin Concettina Michaelis alltäglich ist. Nicht nur, weil sie in ihrem Friseursalon in Arsten täglich die Köpfe ihrer Kunden verschönert. Ihr Haarstudio ist eines der wenigen in Bremen, das sich auf das Schneiden und Spenden von Haaren spezialisiert hat. Dazu arbeitet sie mit der Zweithaarmanufaktur Rieswick im Münsterland zusammen. Damit aus alten Locken neue Perücken entstehen können.

Concettina Michaelis ist eine Frau, die ihre unscheinbare Körpergröße durch die quirlige Art und die durchdringend kräftige Stimme wettmacht: „Komm rein“, begrüßt sie ihre Kundin Claudia Nientkewitz und führt diese in den 18 Quadratmeter großen Friseursalon. Sie platziert Nientkewitz auf einen der beiden Frisierstühle. Die Kundin lässt den Blick über den Spiegel durch den Raum schweifen. Verschiedene Frisierprodukte schmücken die Regale, Zertifikate und Lichterketten hängen an den Wänden. Überall finden sich kleine Kommoden, in denen sich Nützliches für das Friseurhandwerk versteckt.

Die Friseurin wühlt in der Schublade einer dieser Kommoden, ehe sie ein neongrünes Maßband hervorholt. Ein Werkzeug, das an diesem Tag besonders entscheidend ist. Denn die Kundin aus Achim hat sich dazu entschlossen, ihre Haare zu spenden. Dabei ist es Michaelis zufolge wichtig, dass die abgeschnittenen Haarteile mindestens 25 Zentimeter lang sind.

Ihre Haare hat Nientkewitz zwei Jahre wachsen lassen – aus Zufall, wie sie sagt. „Ich habe während der Pandemie irgendwann schlicht aufgehört, zum Friseur zu gehen.“ Während ihre Kundin spricht, misst Michaelis längst aus, wie viel ihrer Haarpracht die 46-Jährige lassen muss. „Passt wunderbar“, verkündet sie das Ergebnis und unterteilt die hellbraunen Haare sorgfältig in gleich große Partien. Anschließend werden sie zu sechs Zöpfen zusammengebunden.

Nientkewitz wirkt währenddessen wenig nervös, auch emotional ist sie nicht. „Viele Menschen hängen an ihren langen Haaren. Das ist bei mir nicht so, sie wachsen wieder nach“, sagt sie. „Genau. Haare sind ein nachwachsender Rohstoff, und deine werden gebraucht“, bestätigt Michaelis.

Schnell gleitet die Schere durch die abgebundenen Zöpfe, trennt einen nach dem anderen ab: 24 Monate des Wachsens fallen in nur wenigen Sekunden auf den Boden des Friseursalons. Den zuvor glatten Laminatboden ziert nun ein kleiner Haarteppich aus Büscheln. „Das sind jetzt nicht mehr meine Haare“, kommentiert Nientkewitz das Geschehen. Der Abschied scheint ihr wirklich nicht schwerzufallen.

Nach dem Abschneiden steckt Michaelis die Zöpfe in ein buntes Kuvert, das sie an die Zweithaarmanufaktur Rieswick im nordrhein-westfälischen Ramsdorf schickt. Max Rieswick leitet mit seiner Familie die Firma, in der aus gespendetem Haar ein Ersatz für Menschen wird, die mit krankheitsbedingtem Haarausfall kämpfen: So zum Beispiel für Krebspatientinnen, die sich nach einer Chemotherapie ein wenig Normalität wünschen.

„Unsere Motivation ist es, den Kunden das zurückzugeben, was sie verloren haben”, sagt Rieswick. Deshalb achte man darauf, so nah wie möglich an das ursprüngliche Haar heranzukommen. Dazu wird jeder Zopf zunächst gesichtet und bewertet, die Haare gereinigt und jede einzelne Strähne akribisch per Hand mit einer Knüpfnadel in das Netz eingearbeitet. „Pro Perücke braucht es 250 Stunden Arbeit“, berichtet er.

Der Aufwand zahlt sich aus. Vielen seiner Kundinnen sei die Erleichterung über die wieder erlangte Haarpracht anzumerken. „Viele sind froh, dass sie sich optisch doch nicht stark verändert präsentieren müssen“. Nientkewitz‘ Haarspende könne außerdem noch weiteren Menschen helfen: Sind die eingeschickten Zöpfe länger als 30 Zentimeter, spendet Rieswicks Firma zusätzlich einen Geldbetrag von bis zu 130 Euro an ausgewählte Organisationen.

„Ich dachte, meine Haare sind eh zu dünn“, sagt Nientkewitz noch. „Deine Haare sind zwar dünn, aber sie haben einen großen Wert“, erwidert Michaelis.

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